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CAMILLE FLAMMARION

URANIA

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Ex Libris

TEXTQUELLE DER RGL-AUSGABE:


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Ausgabe des Dieter von Reeken-Verlags, 2006

Nachdruck der 1894 erschienenen einzigen deutschen Ausgabe im Neusatz mit
den in den französischen Ausgaben von 1889 und 1919 enthaltenen Illustrationen
von Bayard, Bieler, Falero, Gambard, Myrbach und Riou

Herausgegeben von Dieter von Reeken, Lüneburg

Diesem Nachdruck liegt die folgende deutsche Erstausgabe zugrunde:

Urania, von Camille Flammarion
Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen
von Karl Wenzel, Pforzheim. Otto Rieckers Buchhandlung.
(Ernst Haug.) 1894.

Französische Erstausgabe: Camille Flammarion Uranie
Illustrations de Bieler, Gambard et Myrbach
Collection Guillaume (Édition du Figaro)
Paris: C. Marpon et E. Flammarion, Editeurs, 1889
1 Vorblatt mit Bildtafel von Bieler, VIII + 288 S.
90 Textillustrationen von Bieler, Gambard und Myrbach

Die Innen-Illustrationen von Bayard, Bieler, Falero,
Gambard, Myrbach und Riou sind entnommen aus:
Flammarion, Camille: Uranie
(Collection Guillaume).
Paris: C. Marpon et E. Flammarion, 1889 / E. Flammarion 1919,

Die übrigen Abbildungen aus dem Archiv des Herausgebers.
Das Titelbild folgt dem Einband broschierten Ausgaben 1912 und 1919

Copyright © 2006 für Satz und Gestaltung
by Dieter von Reeken, Lüneburg

1. Auflage 2006

RGL-Ausgabe: 30. September 2026 mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers


INHALTSVERZEICHNIS

*

Vorbemerkungen des Herausgebers

Camille Flammarion

Nic(h)olas Camille Flammarion wurde am 26. Februar 1842 in Montigny-le-Roi im französischen Department Haute Marne geboren.

Nach einer eher dürftigen Schulausbildung, u. a. an einem theologischen Seminar, begann Flammarion, der sich schon früh für die Astronomie interessierte, eine Ausbildung als Graveur, die er aber nicht abschloss. In seiner Freizeit, in Abendkursen, bildete er sich fort und konnte 1858, im Alter von 16 Jahren, Mitarbeiter in der Funktion eines Rechners am Pariser Observatorium werden, einem Institut, das damals unter der Leitung des Astronomen und Mathematikers Urbain Jean Joseph Le Verrier (1811s–1877) stand, dessen Berechnungen 1846 zur Entdeckung des Planeten Neptun geführt hatten. Diese Stellung verlor er, offenbar wegen seines nicht spannungsfreien Verhältnisses zum Direktor, der wenig Verständnis für nichtmathematische Aktivitäten zeigte, nachdem er 1862, im Alter von 19 Jahren, im Pariser Verlag Mallet-Bachelier auf eigene Kosten die kleine Schrift La pluralité des mondes habités, eine Abhandlung über die Möglichkeit außerirdischen Lebens, veröffentlicht hatte.

Nach einer Tätigkeit von 1862–1866 als Angestellter im »Bureau des Longitudes«, einem astronomischen Recheninstitut (und parallel dazu) gelang es dem noch immer relativ jungen Flammarion, sich als gefragter populärwissenschaftlicher Schriftsteller zu etablieren. 1873 bot Le Verrier ihm die Rückkehr ans Observatorium an. Flammarion machte hiervon Gebrauch und konnte nun unter günstigeren Bedingungen arbeiten: Er befasste sich insbesondere mit der Beobachtung von Doppelsternen. Als Ergebnis dieser Arbeit konnte er 1878 einen Katalog von etwa 10 000 Doppelsternen präsentieren.

1882 wurde der inzwischen berühmte Astronom Vorsteher einer von Privatpersonen gegründeten und unterstützten Sternwarte in Juvisy-sur-Orge bei Paris, wo er seitdem arbeitete und bis zu seinem Lebensende auch wohnte. Hier widmete sich Flammarion der Beobachtung des Mondes und des Planeten Mars. Er vertrat u. a. hinsichtlich des Mars die Hypothese, dessen Farbe könne auf eine Vegetation zurückzuführen sein.


Illustration

Camille Flammarion (1842–1925)
(Zeichnung aus Flammarion, Camille: Himmelskunde für das Volk.
Neuenburg (Neuchâtel, Schweiz): F. Zahn, o. J. (1907/08), S. 2.


Im Lauf seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Wirkens erhielt Flammarion mehrere bedeutende Anerkennungen und Auszeichnungen: 1922 wurde er zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt, 1924 konnte er noch die Benennung eines Asteroiden (»Flammario«) nach seinem Namen erleben. Nach seinem Tode am 3. Juni 1925 in Juvisy, der Hauptstätte seines Wirkens, erhielten je ein Krater auf dem Mond (1935) und auf dem Mars (1973) den Namen »Flammarion«.

Flammarion war nicht nur ein erfolgreicher Wissenschaftler, sondern vor allem ein großartiger Kommunikator, der sich in seinen zahlreichen Werken nicht nur an die Fachwelt, sondern in populärwissenschaftlichen Schriften ganz bewusst an weite Kreise der Bevölkerung wandte und u. a. im Rahmen meteorologischer Untersuchungen selbst an Ballonfahrten teilnahm. Seit 1865 war Flammarion wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Redaktion der Zeitschrift Cosmos, dann des Magasin Pittoresque und des Siècle. Durch seine äußerst fruchtbare literarische Tätigkeit, durch die Gründung der Société astronomique de France (1877) und durch die Herausgabe der Zeitschriften L'Astronomie und Annuaire Astronomique et Météorologique trug er viel zur Verbreitung des Interesses an der Astronomie, namentlich in Frankreich, bei.

Von den zahlreichen volkstümlichen Werken seien genannt: La pluralité des mondes habités (1. Aufl. 1862, 34. Aufl. 1890, deutsch 1. Ausg. 1864, erweit. autorisierte Neuausg. 1865, 2. Aufl. unter dem Titel Das bewohnte Welten-All, 1884), Les mondes imaginaires et les mondes réels (20. Aufl. 1887, deutsch 1902), Astronomie populaire (1880, deutsch [Schweiz] o. J., wahrscheinlich 1907 oder 1908). Letzteres Werk wurde in mehr als 100 000 Exemplaren allein in Frankreich verbreitet und war auch international erfolgreich, in deutscher Sprache unter dem Titel Himmelskunde für das Volk.

Außerdem schrieb er, um auch auf diese Weise Interesse an seinen Ideen zu wecken, mehrere belletristische Texte, darunter die Erzählungen und Romane Histoire d'une comète (1872), Lumen (1887), Uranie (1889), La fin du monde (1894) und Stella (1897), die bis auf Stella auch in deutscher Übersetzung erschienen sind.

Auch gegenüber dem Spiritismus, einer Modeerscheinung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hatte Flammarion keine Berührungsängste (vgl. insbesondere das Kapitel I im dritten Teil), wie er überhaupt Zeit seines Lebens als sehr unkonventioneller Gelehrter in Erscheinung trat.

Weitere Angaben in deutscher Sprache zu Flammarions Leben und Werk sind in den Büchern und Aufsätzen von Helga Abret [1, 2, 3] und Lucian Boia [4] enthalten

[1] Abret, Helga: Camille Flammarion, in: Körber, Joachim (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopischphantastischen Literatur. Meitingen: Corian, 1984, S. 1–5

[2] Abret, Helga: Liebe, Astronomie und Metaphysik: Camille Flammarion als Romancier, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein Sciencefiction Almanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143), Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 138–159

[3] Abret, Helga / Boia, Lucian: Das Jahrhundert der Marsianer. Der Planet Mars in der Science Fiction bis zur Landung der VikingSonden 1976 (Bibliothek der Science Fiction Literatur, Heynebuch Nr. 06/32). München: Wilhelm Heyne, 1984

[4] Boia, Lucia: Zwischen Wissenschaft und Sciencefiction: Camille Flammarion, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein Sciencefiction-Almanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 121–137

Die Mehrheit bewohnter Welten

In seinem ersten selbstständigen und wohl auch charakteristischsten Werk La pluralité des mondes habités. Etude où l'on expose les conditions d'habitabilité des terres célestes, das er 1861 vollendet und 1862 auf eigene Kosten in kleiner Auflage veröffentlicht hatte [5] (später folgten zahlreiche wesentlich erweiterte Auflagen im Pariser Verlag Didier, die 19. Auflage z. B. 1873, die 34. Auflage 1890), ging Flammarion der Frage nach anderen bewohnten Himmelskörpern systematisch nach, indem er, nach einem geschichtlichen Rückblick und unter Berücksichtigung religiöser und philosophischer Gesichtspunkte, die physikalischen Bedingungen nach dem  d a m a l i g e n  Erkenntnisstand (so waren etwa der Planet Pluto und die beiden Marsmonde noch nicht entdeckt worden) untersuchte und dabei zu einem begeistertpositiven Ergebnis kam.

[5] Flammarion, Camille: La pluralité des mondes habités, étude où l'on expose les conditions d'habitabilité des terres célestes, discutées au point de vue de l'astronomie et de la physiologie. Paris: Mallet-Bachelier, 1862.

Die späteren Auflagen, auch wenn sie immer noch »aus vollem Herzen« geschrieben wurden (insoweit ist Flammarion sich treu geblieben), sind übrigens nicht nur umfangreicher, sondern in dieser Hinsicht auch gehaltvoller. Man sollte berücksichtigen, dass Flammarion 1862 in vielfacher Hinsicht Pionierarbeit geleistet hat. Eine kurze, nicht abschließende Aufzählung von Entdeckungen und von Erstausgaben bedeutender Sachbücher und Romane aus der Zeit  n a c h  1862, die später auf viele Naturwissenschaftler, Techniker und Schriftsteller befruchtend wirken sollten und heute regelmäßig als literarische Marksteine zitiert werden, mag dies verdeutlichen:

1863: Voyage au centre de la terre, 1865: De la terre à la lune, 1868: Autour de la lune (alle von Jules Verne); 1877: Entdeckung der Marsmonde Phobos und Deimos (Asaph Hall); 1877: Entdeckung der »Marskanäle« (Giovanni Schiaparelli); 1884/85: Die Sternwelten und ihre Bewohner (2 Bände, Joseph Pohle); 1895: Mars (Percival Lowell); 1897: Auf zwei Planeten (Kurd Laßwitz); 1898: The War of the Worlds, 1901: The First Men in the Moon (beide von Herbert George Wells); 1908: Mars as the Abode of Life (Percival Lowell); 1909: Bewohnte Welten (M. Wilhelm Meyer); 1930: Entdeckung des Planeten Pluto (Clyde Tombough).

Die Mehrheit bewohnter Welten hat in Deutschland zwei »Erstausgaben« erlebt: Die absolut erste und in der Literatur wenig bekannte deutsche Ausgabe erschien Ende 1864 im Umfang von 130 Seiten und mit einer gefalteten Tabelle im Dresdener Verlag Woldemar Türk unter dem Titel Die Mehrheit bewohnter Welten. Eine Studie in der die Bedingungen der Bewohnbarkeit der Himmelskörper vom Gesichtspunkte der Astronomie und der Physiologie aus entwickelt und besprochen werden, aus dem Französischen übertragen und durch einen Anhang und Anmerkungen vermehrt von Hugo Schramm [6]. Diese äußerst seltene Ausgabe, die 2004 als Nachdruck im Neusatz wieder zugänglich gemacht worden ist [7], erfolgte auf der Grundlage der nur 54-seitigen französischen Erstausgabe 1862 und enthielt keine Abbildungen, aber eine gefaltete Tabelle. Ob diese Ausgabe mit dem Wissen oder gar der Zustimmung Flammarions erfolgte, ist nicht bekannt; damals (Es gab noch kein deutsches Reich, sondern souveräne Staaten, darunter auch das Königreich Sachsen, in dem die deutsche Erstausgabe erschien; in Frankreich regierte Kaiser Napoléon III.) waren die Urheberrechte allerdings zwischenstaatlich noch nicht so umfassend geschützt wie heute.

[6] Flammarion, Camille: Die Mehrheit bewohnter Welten. Eine Studie, in der die Bedingungen der Bewohnbarkeit der Himmelskörper vom Gesichtspunkte der Astronomie und der Physiologie aus entwickelt und besprochen werden. / Aus dem Französischen übertragen, durch einen Anhang und durch Anmerkungen vermehrt von Hugo Schramm, Dr. phil. Dresden: Woldemar Türk, 1864

[7] Flammarion, Camille: Die Mehrheit bewohnter Welten. Nachdruck der 1864 erschienenen ersten deutschen Ausgabe im Neusatz (DR-Buchreihe). Hrsg. von Dieter von Reeken. Norderstedt: Books on Demand, 2004 (vgl. Flammarion 1864)

Die erste autorisierte, also im Einvernehmen mit Flammarion erfolgte Übersetzung durch Dr. Adolph Drechsler (1815–1888, Direktor des Königlich Mathematisch-Physikalischen Salons zu Dresden) erschien wenige Monate später, 1865, ebenfalls im Königreich Sachsen, nämlich im Leipziger Verlag J. J. Weber [8]. Diese auf einer späteren (zwischen der 3. und 7.) Auflage der französischen Originalausgabe beruhende erweiterte Neuausgabe, die in der Literatur regelmäßig als »deutsche Erstausgabe« genannt wird, war mit einem Umfang von 282 Seiten und 6 ganzseitigen Bildtafeln wesentlich umfangreicher und hatte ein größeres Format (ca. 12,5 x 20 cm) als die Dresdener Erstausgabe (ca. 9,5 x 14 cm). Das ebenfalls unter dem Titel Die Mehrheit bewohnter Welten, aber dem abgewandelten Untertitel Astronomische, physiologische und naturphilosophische Studien über die Bewohnbarkeit der Himmelskörper erschienene Werk trug auf der ersten Seite des Haupttextes den Zwischentitel Das bewohnte Welten-All; diesen Titel trug später die 1884 erschienene einzige weitere deutsche Auflage [9] im gleichen Verlag, wiederum von Flammarion autorisiert und von Adolph Drechsler auf der Grundlage der 31. Auflage übersetzt. Diese zweite Auflage war, abgesehen insbesondere von aktualisierten Maßangaben, mit der ersten Leipziger Auflage im Wesentlichen identisch. Weitere Auflagen hat es, soweit ich ermitteln konnte, nicht gegeben.

[8] Flammarion, Camille: Die Mehrheit bewohnter Welten. Astronomische, physiologische und naturphilosophische Studien über die Bewohnbarkeit der Himmelskörper. / Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe von Dr. Adolph Drechsler. Leipzig: Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber, 1865

[9] Flammarion, Camille: Das Bewohnte Welten-All. Astronomische und philosophische Betrachtungen. / Deutsche, vom Verf. autorisierte Ausgabe. Zweite Auflage, nach der neuesten (Einunddreißigsten) Originalausgabe bearbeitet von Dr. Adolph Drechsler. Leipzig: Verlag von J. J. Weber, 1884

Der Grund für diesen mäßigen Erfolg im deutschen Sprachraum mag darin gelegen haben, dass Flammarions lebendige, bildhafte Sprache den deutschen Gelehrten überwiegend fremd war und vielleicht sogar als »unangemessen« eingestuft worden ist. Die damals (1864, 1865 und 1884) nur verhaltene Aufnahme gerade dieses Werkes in deutschen Gelehrtenkreisen ist daher nachvollziehbar und verständlich. Inzwischen gibt es zwar auch in Deutschland offene Augen und Ohren für populärwissenschaftliche Schriften, so dass ein »moderner Flammarion« heute sein Publikum finden würde; er wäre sicherlich ein sehr guter »Fernseh-Professor« geworden ...

Urania

Die vorstehenden Ausführungen zur nach dem ersten Erscheinen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland nicht anhaltenden Popularität der populärwissenschaftlichen Werke Flammarions haben auch für sein erzählerisches Werk Geltung:

Seine eingangs genannten Romane bzw. Kurzgeschichtensammlungen sind nur teilweise in deutscher Sprache erschienen und, abgesehen von Histoire d'une comète, auch nur in jeweils einer Ausgabe: Die Geschichte eines Kometen (fr. Histoire d'une comète, 1872, dt. in Die Romanwelt, 6. Jg. 1899, Bd. 2, und in Lumen, Berlin: Vita, 1900, unter dem Titel Komet und Erde, Reclams Universalbibliothek Bd. 5183, Leipzig: Reclam, o. J. [1910]), Lumen (fr. Lumen [10] , 1887, dt. Berlin: Vita, 1900), Urania (fr. Uranie , 1889 ; dt. Pforzheim: Haug, 1894 [11]), Das Ende der Welt (fr. La fin du monde, 1894; dt. Pforzheim: Haug, 1895).

[10] Flammarion, Camille: Uranie (COLLECTION GUILLAUME). Paris: C. Marpon et E. Flammarion, 1889

[11] Flammarion, Camille: Urania. / Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen von Karl Wenzel. Pforzheim: Otto Rieckers Buchhandlung (Emil Haug), 1894.

Urania besteht aus drei Teilen, die als recht willkürlich zusammengefügt erscheinen, wobei der Teil 3 den größten Raum einnimmt: Im ersten Teil (»Die Muse des Himmels«) unternimmt der IchErzähler (Flammarion) eine Traumreise mit Urania, der Muse der Astronomie, durch die räumlichen und zeitlichen Weiten des Weltalls. Der zweite Teil (»Georges Spero«) schildert die Beziehung zwischen Georges (in der deutschen Ausgabe »Georg« genannt) Spero (lat. für »Hoffnung«), einem »jungen Naturwissenschaftler«, und seiner Freundin Icléa (in der deutschen Ausgabe »Iklea«) und ihren gemeinsamen tödlichen Unfall während einer Ballon-Fahrt. Im dritten Teil (»Himmel und Erde«) erscheint eben dieser Georges Spero nach seiner und seiner Geliebten erfolgten Reinkarnation auf dem Mars mit späterem Geschlechtertausch dem Ich-Erzähler (der zuvor auf einer Seelen-Traumreise den Mars »besucht« hat; auf Raumschiffe setzte Flammarion nicht) und schildert ihm den Mars, dessen Bewohner und deren Kultur. Der ganze Roman enthält viele lange Monologe und erscheint angesichts dieser Handlungsarmut eher als »Abhandlung« mit wenigen verteilten »Sprechrollen« (vgl. z. B. S. 89–98 und S. 181–190). Im Gegensatz zu den französischen Ausgaben (vgl. hierzu die editorischen Hinweise weiter unten) und zur vorliegenden Neuausgabe enthielt die deutsche Ausgabe von 1894 keine Abbildungen, was den Text noch spartanischer erscheinen ließ.

Wissenschaftler, die sich auf das Gebiet der Erzählung, insbesondere der utopischtechnischphantastischen Erzählung oder Science Fiction begeben, tun dies eigentlich vorwiegend deshalb, um hier gewagtere Spekulationen ohne größeren »Tadel« seitens der Fachwelt darlegen und ausschmücken zu können. Liest man Flammarions Urania und im Vergleich dazu etwa seine Mehrheit bewohnter Welten, dann fällt auf, dass er von diesen erweiterten Möglichkeiten wenig Gebrauch gemacht hat, sondern in seinen populärwissenschaftlichen Schriften offenbar viel freier formuliert, ja fabuliert hat. [12]

[12] Vgl. hierzu Abret 1984 (Fn. 1), S. 5; 1985 (Fn. 2), S. 152ff.; Boia 1985 (Fn. 4), S. 135f.

Urania ist heute selbst antiquarisch kaum noch erreichbar. Abgesehen von dieser altersbedingten Seltenheit der Originalausgabe erschweren inzwischen auch die für weite Kreise nicht oder nur mit Mühe lesbare Frakturschrift und die vor 1901 gebräuchliche Rechtschreibung den Zugang zum Werk. Durch den vorliegenden Nachdruck im Neusatz in heute üblicher AntiquaSchrift soll diese zweifache Kluft überbrückt und das Werk wieder allgemein zugänglich gemacht werden.

Warum denn, werden Kritiker fragen, ein Nachdruck dieses »SternenRomans« (»roman sidéral«) aus dem Jahr 1889, der nur einmal und zwar vor über 100 Jahren, nämlich 1894, in deutscher Sprache erschienen ist, für den es also drei Generationen lang keine Nachfrage gegeben hat? Die Antwort ist nicht einfach (sondern mindestens zweifach) und soll nicht vorenthalten werden:

Wenn ein Werk seit drei oder mindestens zwei Generationen  t a t s ä c h l i c h  (physisch) so gut wie nicht erreichbar ist, kann man nicht wirklich wissen, ob eine große, kleine oder gar keine Nachfrage bei Vorliegen des Textes bestehen  w ü r d e;  wie es hierum steht, das werde ich als Herausgeber in den nächsten Monaten und Jahren wohl erfahren.

Der zweite Grund liegt darin, dass Urania nicht nur »ein Roman« ist, sondern eigentlich durchgehend ein  a u t o b i o g r a p h i s c h e r  Roman: Schon auf den ersten Seiten offenbart sich der tiefgehende Gegensatz zwischen dem jungen, subalternen Angestellten (»élève astronome«), dem Ich-Erzähler (Flammarion), und seinem Vorgesetzten, dem nüchternen und, aus Sicht Flammarions, arroganten Direktor Le Verrier. Die Schilderung der Person seines Freundes Georges Spero (vgl. S. 70 dieser Ausgabe) liest sich als »Steckbrief« Flammarions — hier spiegelt er sich also parallel in zwei Personen. Und in der jugendlichen Freundin Icléa erkennt man Flammarions erste Ehefrau Sylvie Pétiaux-Hugo, seine Jugendliebe, wieder, die er 1874 geheiratet hatte und die ihn auf seinen Ballonfahrten begleitete.

Wer Der kleine Prinz (Le petit prince, Paris: Gallimard, 1946; dt. Düsseldorf: Karl Rauch, 1950) von Antoine de Saint-Exupéry (1900– 1944) kennt und schätzt, wird vielleicht Parallelen zwischen der Muse Urania und dem Ich-Erzähler Flammarion einerseits und dem kleinen Prinzen und dem Ich-Erzähler de SaintExupéry andererseits auf der Reise durch das Weltall entdecken. Vielleicht (zugegeben, es ist Spekulation) wäre dies schöne Märchen für Kinder und (vor allem) für Erwachsene ohne die Nachwirkung Uranias nicht entstanden. Und auch Olaf Stapledon (1886–1950) dürfte bei Last and First Men (London: Methuen & Co., 1930; dt. Die letzten und die ersten Menschen, München: Heyne, 1983) und Star Maker (London: Methuen & Co., 1937; dt. Star Maker, Friedrichsdorf: Transgalaxis, 1966; Der Sternenmacher, München: Heyne, 1969) wenn nicht von Uranie, so doch zumindest durch Lumen inspiriert gewesen sein.

Hinzu kommt, dass Flammarion in Urania eigentlich sein vollständiges »Programm«, also die Aussage aller seiner bisher und später veröffentlichten Schriften, von der Mehrheit bewohnter Welten über Ballonfahrten bis hin zu spiritistischen Thesen, vorstellt, sei es als Ich-Erzähler, als Muse oder als ihm erscheinender Geist seines verstorbenen Freundes. So ist gerade Urania hervorragend geeignet, einen Einblick in die  G e f ü h l s welt des jungen Flammarion und einen Überblick über seine  G e d a n k e n welt zu erhalten.

Sollte das nicht eine Neuausgabe wert sein? Meine Antwort auf diese Frage liegt, untermauert durch mehr als 100 Illustrationen und weitere Reproduktisonen, hiermit vor Ihnen.

Editorische Hinweise

Diesem Nachdruck liegen der Text der deutschen Erstausgabe 1894 (siehe Fn. 11) sowie die Illustrationen der französischen Erstausgabe 1889 (siehe Fn. 10) und die zusätzlichen Illustrationen des 38. Tsd. 1919 [13] der französischen Ausgabe zugrunde.

[13] Flammarion, Camille: Uranie (COLLECTION GUILLAUME). Paris: Ernest Flammarion, 38. Tsd. 1919

Die französische Erstausgabe war 1889 erschienen und mit 91 Illustrationen von Bieler, Gambard und Myrbach ausgestattet. In späteren Ausgaben (z. B. 1919) fehlten 16 dieser Zeichnungen (S. 26, 29, 86, 88, 92, 98, 100, 105, 174, 190, 204, 206, 211, 218, 222, 231 des vorliegenden Nachdrucks); sie waren durch 13 zusätzliche Zeichnungen (S. 30, 66 84, 85, 97, 101, 111, 112, 203, 207, 209, 219, 223 des vorliegenden Nachdrucks) von Bayard, Falero und Riou und eine Fotografie des Observatoriums in Juvisy (S. 173) ersetzt worden, so dass die Gesamtzahl der Illustrationen in diesen späteren Ausgaben 89 (ebenfalls 91, wenn man zwei doppelte Bilder mitzählt) betrug. Die deutsche Ausgabe von 1894 erschien ohne jegliche Illustrationen.

In die vorliegende Neuausgabe sind alle insgesamt 105 verschiedenen Illustrationen aufgenommen worden, wobei gewisse Qualitätseinbußen aufgrund der in einigen Fällen unbefriedigenden Druckqualität der (ohnehin oft unscharfen) Vorlagen (insbesondere bei der Ausgabe 1919) in Kauf genommen werden mussten.

Die vollständigen Namen und die Lebensdaten der Illustratoren konnten nur unter Vorbehalt ermittelt werden. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Émile Bayard (1837–1891), Ernest Bieler (1863–1948), Luis Ricardo Falero (1851–1896), Ary Gambard (?–?), Félicien de Myrbach (1853–1940), Édouard Riou (1838–1900).

Der Übersetzung lag, wie sich aus einem Textvergleich ergibt, eine spätere Auflage (entweder 1891 oder 1893) zugrunde; so war neben einigen Sätzen und Absätzen z. B. die Nachbemerkung in der Erstausgabe naturgemäß nicht enthalten.

Der Text selbst bleibt, auch hinsichtlich der bis 1901 geltenden Rechtschreibregeln einschließlich der Zeichensetzung und Zahlenschreibung und veralteter oder aus heutiger Sicht missverständlicher Schreibweisen (z. B. sind die auf S. 153 genannten »Fahrzeuge« hier als W a s s e r fahrzeuge zu verstehen) bis auf die unten genannten Ausnahmen unangetastet. Es heißt daher z. B. »da ß « statt »da s s «, »Elektri c ität« statt »Elektri z ität«, »gi e bt« statt »gibt«, »Li t t eratur« statt Li t eratur und T h üre« statt »Tür«. Englische und lateinische Zitate, die in der deutschen Erstausgabe statt in Fraktur in Antiqua gesetzt sind, erscheinen hier zur Verdeutlichung in der Schriftart Franklin Gothic Book; griechische Texte bleiben erhalten. Offensichtliche Fehler im Original sowie Drucksatzfehler (z. B. »Baccherini« statt richtig »Boccherini« [Ridolfo Luigi Boccherini, italienischer Komponist und Cellist, 1743–1805], »B o ll« statt richtig »B u ll« [Ole Bornemann Bull, norwegischer Komponist und Violinist, 1810–1880] oder »Chevre u i l« statt richtig »Chevreu l « [Michel Eugène Chevreul, französischer Chemiker, 1786–1889]) und — wohl aussprachebezogene — französische Schreibweisen (z. B. »Leibni t z « statt richtig »Leibni z « [Gottfried Wilhelm Leibniz, deutscher Philosoph und Mathematiker, 1646–1716]) oder Eindeutschungen der Namen realer Personen (z. B. »E d u ard« statt richtig » É d o u ard« Charton [französischer Publizist, 1807–1890] oder »Augus t « statt richtig »Augus t e « Comte [französischer Philosoph, 1798–1857]) sind stillschweigend berichtigt worden.

Aus technischen Gründen erfolgte die Silbentrennung allerdings nach den seit 1996 geltenden neuen Regeln.

In der deutschen Ausgabe heißen die imaginären Hauptpersonen eingedeutscht »Georg« statt »Georg e s « und »I k lea« statt »I c l éa«; da es sich bei Spero eindeutig um einen Franzosen handelt und der nach der Romanheldin benannte Asteroid »Iclea« geschrieben wird, sind die ursprünglichen (französischen) Schreibweisen der beiden Namen wieder hergestellt worden.

Geographische Namen sind auf heute übliche Schreibweisen umgestellt worden; so heißt es also in der vorliegenden Nachdruckausgabe z. B. »Göteborg« statt »Gotenburg«, »Neuf u ndland« statt Neuf o u ndland« und »Quebec« statt »Quebec k «.

Soweit nicht anders vermerkt (siehe S. 195), ist unter »Meile« die deutsche Meile mit der Länge von 7,5 km zu verstehen.

Ich hoffe, dass dieser Nachdruck dazu beiträgt, Camille Flammarion und die Wirkung und Nachwirkung seines Werkes wenigstens vor dem Vergessen zu bewahren. An dieser Stelle möchte ich mich für die selbstlose tatkräftige Unterstützung beim Zustandekommen dieses Buches ganz besonders bei den Herren Thomas Harbach, René Moreau und Horst-Peter Schwagenscheidt sehr herzlich bedanken.

Lüneburg, im August 2006  D i e t e r  v o n  R e e k e n


Reproduktionen


Cover Image

Einbanddeckel (Halbleder und Leinen)
der französischen Erstausgabe 1889.
Flammarion, Camille: Uranie (Collection Guillaume).
Paris: C. Marpon et E. Flammarion, 1889.


Illustration

Farbiges Vorblatt zur französischen Erstausgabe
unter Verwendung einer Zeichnung von Ernest Bieler.


Illustration

Einbanddeckel der broschierten Ausgabe 1919.
Flammarion, Camille: Uranie (Collection Guillaume).
Paris: Ernest Flammarion, 38. Tsd. 1919
(Anmerkung: Der Umschlag nennt zwar das 36. Tsd. und das
Jahr 1912, der Buchblock weist aber das 38. Tsd. 1919 aus.)


Illustration

Einbanddeckel (Leinen mit Goldprägung) der
deutschen Ausgabe 1894, Flammarion, Camille: Urania.
Pforzheim: Otto Rieckers Buchhandlung (Emil Haug), 1894


Illustration

Einbanddeckel (Leinen mit Rotdruck) der
deutschen Ausgabe 1894. Flammarion, Camille: Urania.
Pforzheim: Otto Rieckers Buchhandlung (Emil Haug), 1894.


Illustration

Titelseite der deutschen Ausgabe, 1894.
Flammarion, Camille: Urania. Pforzheim:
Otto Rieckers Buchhandlung (Emil Haug), 1894,
S. I (unnummeriert).


Illustration

Textbeginn der deutschen Ausgabe, 1894.
Flammarion, Camille: Urania. Pforzheim:
Otto Rieckers Buchhandlung (Emil Haug), 1894,
S. 3 (unnummeriert).


*

Erster Teil. Die Muse des Himmels


Illustration

Kapitel I.
Der Jugendtraum

Ich war 17 Jahre alt. Sie hieß Urania. War diese Urania vielleicht ein blondes junges Mädchen mit blauen Augen, ein Frühlingstraum, eine unschuldige, aber neugierige Tochter Evas? — Nicht doch, sie war einfach, wie früher, eine der neun Musen, nämlich diejenige, unter deren Schutz die Astronomie stand und deren himmlischer Blick den Chor der Sphären belebte und anführte; sie war die Personifizierung des himmlischen Gedankens, der über den Bürden dieses Erdenlebens schwebt; sie war nicht mit dem sinnenbethörenden Fleisch bekleidet, noch besaß sie ein Herz, dessen Stürmen sich von ferne fühlbar macht, noch die gelinde Wärme des menschlichen Körpers; aber dennoch lebte sie in einer Art idealer, höherer und immer reiner Welt und haftete ihr durch ihren Namen, wie durch ihre Gestalt etwas Menschliches an, das mächtig genug war, um auf eine Jünglingsseele einen lebhaften und tiefen Eindruck zu machen, um in dieser Seele ein unbestimmtes und unbestimmbares Gefühl der Bewunderung und fast der Liebe wachzurufen.

Der Jüngling, dessen Hand die göttliche Frucht des paradiesischen Baumes noch nicht gebrochen, dessen Lippen unberührt geblieben sind, dessen Herz noch nicht gesprochen hat, dessen Sinne aus einem unnennbaren, bisher noch unbekannten Sehnen erwachen: ein solcher ahnt in einsamen Stunden und bei der übermäßigen geistigen Thätigkeit, welche die Erziehung unserer Zeit seinem Gehirn auferlegt, den Kultus, dem er bald wird opfern müssen, und verkörpert sich im voraus unter wechselnden Gestalten das bezaubernde Wesen, welches das Reich seiner Träume erfüllt. Er will diesem unbekannten Wesen sich nähern, er sehnt sich danach; aber er wagt es noch nicht, und vielleicht würde er es in der Aufrichtigkeit seiner Bewunderung nie wagen, wenn nicht irgend eine helfende Hand ihm ihren Beistand liehe. Wenn Chloe nichts davon weiß, so muß die schwatzhafte und neugierige Lycenio es übernehmen, einen Daphnis zu belehren.

Alles, was über dieses noch unbekannte Sichhingezogenfühlen zu uns redet, kann uns reizen, uns fesseln und verleiten. Ein Kupferstich, der uns das Oval eines reinen Antlitzes zeigt, eine wenn auch antikeMalerei, eine Bildhauerarbeit — und besonders eine solche — erweckt eine neue Regung in unserm Herzen; das Blut fließt rascher, oder der Puls stockt; der Gedanke durchzuckt wie ein Blitz unsere errötende Stirne und beherrscht unsern sinnenden Geist. Es ist der Anfang des Begehrens, das Vorspiel des Lebens, die Morgenröte eines schönen Sommertags, welche den Aufgang der Sonne verkündet.


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Was mich betrifft, so hatte meine erste Liebe, meine Jugendleidenschaft zwar nicht zum Gegenstand, wohl aber zur anregenden Ursache — eine Standuhr! ... Das ist recht seltsam, aber es ist so. Durch sehr geistlose Rechnungen wurden alle meine Nachmittage von 2–4 Uhr in Anspruch genommen; es handelte sich darum, die in der vorhergehenden Nacht angestellten Beobachtungen von Sternen und Planeten zu berichtigen. Diese Rechnungen sind ebenso einfach als langweilig, sie werden mit Hilfe von Tabellen ganz mechanisch ausgeführt, und man denkt dabei an etwas ganz anderes.

Der berühmte Le Verrier war damals Direktor der Pariser Sternwarte. Ohne im geringsten Künstler zu sein, hatte er dennoch in seinem Arbeitszimmer eine sehr schöne Stutzuhr in vergoldeter Bronze, welche aus der Zeit des ersten Kaiserreichs herrührte und unter Pradiers Meißel entstanden war. Der Sockel dieser Uhr stellte in halb erhabener Arbeit die Geburt der Astronomie in den Ebenen Ägyptens dar. Eine auf Sphinxen ruhende, vom Tierkreis umgebene massive Himmelskugel stand über dem Zifferblatt. Ägyptische Götter schmückten die Seiten. Aber die Schönheit dieses Kunstwerks bestand hauptsächlich in einer entzückenden kleinen Bildsäule der Urania von edlem, ich möchte fast sagen majestätischem Ausdruck.


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Die himmlische Muse stand aufrecht. Mit der rechten Hand maß sie mittels eines Zirkels die Grade an der Himmelskugel, in der herabhängenden Linken hielt sie ein kleines astronomisches Fernrohr. In prächtigen Faltenwurf gehüllt, trug ihre Haltung das Gepräge des Seelenadels und der Geistesgröße. Ich hatte noch kein schöneres Gesicht als das ihrige gesehen. Von vorn beleuchtet, erschien dieses reine Antlitz ernst und streng.

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Wenn das Licht schräg darauf fiel, wurde es eher nachdenklich; kam aber das Licht von oben oder von der Seite, so belebte sich dieses zauberhafte Antlitz mit einem geheimnisvollen Lächeln; sein Blick wurde fast liebkosend, und diese köstliche Heiterkeit verwandelte sich plötzlich ineinen Ausdruck der Freude, der Anmut und es Glückes, den man mit Vergnügen betrachtete und wie einen inneren Gesang, wie eine poetische Melodie empfand.

Diese Veränderungen im Ausdruck ließen die Bildsäule wirklich lebend erscheinen. Als Muse oder als Göttin war sie schön, reizend, bewundernswert.

So oft ich zu dem ausgezeichneten Mathematiker gerufen wurde, machte durchaus nicht seine Weltberühmtheit den größten Eindruck auf mich. Ich vergaß die logarithmischen Formeln und sogar die unsterbliche Entdeckung des Planeten Neptun, um mich dem Reize des Pradierschen Werkes zu überlassen. Dieser schöne, unter seinem antiken Faltenwurf so bewundernswürdig geformte Körper, diese ausdrucksvollen Züge lenkten meine Blicke auf sich und nahmen meine Gedanken gefangen. Sehr oft, wenn wir gegen vier Uhr die Bureaux verließen, um wieder nach Paris zu gehen, erspähte ich durch die halbgeöffnete Thüre die Abwesenheit des Direktors. Montag und Mittwoch waren die besten Tage, ersterer wegen der Sitzungen des Instituts, bei welchen er selten fehlte, letzterer wegen derjenigen des Schiffahrtsamtes, welche er mit dem tiefsten Widerwillen mied, und die ihn veranlaßten, die Sternwarte ganz besonders deswegen zu verlassen, um seine Verachtung besser kundzugeben. An solchen Tagen stellte ich mich vor meine liebe Urania, betrachtete sie nach Herzenslust, begeisterte mich an der Schönheit ihrer Formen und ging befriedigter, aber vielleicht nicht glücklicher hinweg. Sie entzückte mich, ließ aber ein Bedauern in mir zurück.

Eines Abends — es war an jenem Abend, wo ich die Veränderung ihrer Gesichtszüge je nach der Beleuchtung entdeckte — hatte ich das Zimmer weit offen gefunden und eine Lampe auf dem Kamin, welche die Muse von einer ihrer verführerischsten Seiten beleuchtete. Das schräg einfallende Licht umspielte leicht ihre Stirne, Wangen, Lippen und Hals. Der Ausdruck war wunderbar. Ich näherte mich und betrachtete sie anfangs ganz starr. Alsdann kam ich auf den Gedanken, den Standort der Lampe zu verändern und das Licht auf die Schultern, den Arm, den Hals, das Haar fallen zu lassen. Die Statue schien zu leben, zu denken, wieder zu erwachen und zu lächeln. Seltsame Empfindung, sonderbares Gefühl: ich war ganz davon hingerissen; aus einem Bewunderer war ich ein Verliebter geworden. Man würde mich damals sehr betroffen gemacht haben, wenn man mir gesagt hätte, daß das keine wahre Liebe und dieser Platonismus nur ein Kindertraum wäre. Der Direktor kam dazu und schien über meine Anwesenheit nicht so erstaunt, als ich hätte fürchten können (man ging zuweilen durch dieses Zimmer, um sich in die Beobachtungssäle zu begeben). Aber in dem Augenblick, wo ich die Lampe auf das Kamin stellte, sagte er zu mir: »Zur Beobachtung des Jupiter kommen Sie zu spät.« Und als ich zur Thüre hinausging, fügte er mit tiefverächtlicher Miene hinzu: »Wären Sie vielleicht Dichter?« — wobei er die erste Silbe des letzten Wortes eigentümlich dehnte.


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Ich hätte ihm mit dem Beispiel Keplers, Galileis, d'Alemberts, der beiden Herschel und anderer berühmter Gelehrter dienen können, welche gleichzeitig Dichter und Astronomen waren; ich hätte ihn an den ersten Direktor der Sternwarte selbst erinnern können, an Jean Dominique Cassini, der Urania in lateinischen, italienischen und französischen Versen besang: aber die Zöglinge der Sternwarte waren nicht gewohnt, dem SenatorDirektor irgend etwas zu erwidern. Damals waren die Senatoren Leute von Wichtigkeit, und der Direktor der Sternwarte war unabsetzbar. Und dann hätte auch unser großer Mathematiker auf das wunderbarste Gedicht Dantes, Ariosts, Hugos mit demselben Blick tiefer Geringschätzung herabgesehen, den ein Neufundländer auf ein Glas Wein wirft, das man ihm zu trinken hinhält. Zudem war ich unbestreitbar im Unrecht.

Wie mir dieses reizende Bild Uranias mit all seinem lieblichen Gesichtsausdruck überallhin folgte! Sein Lächeln war so anmutig! Und dann leuchtete aus seinen BronzeAugen manchmal ein wirklicher Blick. Es fehlte ihm nur die Sprache. Die folgende Nacht nun, als ich kaum eingeschlafen war, sah ich die erhabene Göttin wieder vor mir, und diesmal redete sie mit mir.

O, sie war ganz Leben. Und welch' schöner Mund! Ich hätte jedes Wort küssen mögen. ... »Komm,« sagte sie zu mir, »komm mit in den Himmel da hinauf, weit von der Erde; du sollst auf diese niedrige Welt herabblicken, du sollst das unvermeidliche All in seiner Größe schauen. Da! Sieh!« —


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Kapitel II.
Die Muse des Himmels – Eine Reise durch die Weltgebäude
und die Welten – Die unbekannten Menschengeschlechter

Nun sah ich, wie die Erde in die gähnenden Tiefen der Unermeßlichkeit hinabfiel; schnell versanken die Kuppeln der Sternwarte, das erleuchtete Paris; wenn ich mich auch regungslos verhielt, so hatte ich doch einen Eindruck, wie man ihn empfindet, wenn man in einem in die Lüfte aufsteigenden Ballon die Erde unter sich verschwinden sieht. Ich stieg, stieg lange, mit magischer Kraft zum unerreichbaren Zenith emporgetragen. Urania war ganz nahe bei, nur ein wenig über mir, sah mich sanften Blickes an und zeigte mir die Reiche der Erde. Ich erkannte Frankreich, den Rhein, Deutschland, Österreich, Italien, das Mittelländische Meer, Spanien, den Atlantischen Ocean, den Kanal, England. Aber dieses ganze liliputische Erdenbild verkleinerte sich sehr schnell. Bald war der Erdball auf die scheinbare Dimension des Mondes im letzten Viertel, dann auf die eines kleinen Vollmondes zurückgeführt.

»Das ist nun,« sagte sie zu mir, »jener berühmte Erdball, auf welchem sich so viele Leidenschaften tummeln, und welcher in seinem engen Kreis die Gedanken so vieler Millionen Wesen einschließt, deren Blick nicht darüber hinausgeht. Sieh nur, wie seine ganze scheinbare Größe in dem Maße abnimmt, als unser Gesichtskreis sich erweitert. Schon unterscheiden wir Europa nicht mehr von Asien. Hier ist Kanada und Nordamerika. Wie das alles so klein ist!«

Als wir in der Nähe des Mondes vorbeikamen, hatte ich die Gebirgslandschaften unseres Trabanten, die lichtstrahlenden Gipfel, die tiefen schattigen Thäler wahrgenommen, und ich hätte dabei verweilen mögen, um diesen benachbarten Wohnplatz in der Nähe zu studieren. Doch Urania, welche es verschmähte, auch nur einen einzigen Blick darauf zu werfen, zog mich in raschem Flug gegen die gestirnten Regionen mit sich hinan.

Wir stiegen immerfort. Die Erde, die in dem Maße immer kleiner wurde, als wir uns von ihr entfernten, bot nur noch den Anblick eines einfachen Sternes, welcher durch das Sonnenlicht sich glänzend von der leeren und schwarzen Tiefe der Unendlichkeit abhob. Wir hatten uns der Sonne zugewendet, welche im Raume strahlte, ohne ihn zu erleuchten, und sahen gleichzeitig mit ihr die Sterne und die Planeten, welche von dem Sonnenlichte nicht mehr verdunkelt wurden, weil es den unsichtbaren Äther nicht erhellte. Die engelgleiche Göttin zeigte mir den Merkur in der Nähe der Sonne, die auf der entgegengesetzten Seite glänzende Venus, die ihr in Anblick und Glanz gleichende Erde, den Mars, dessen Binnenmeere und Kanäle ich erkannte, den Jupiter mit seinen vier ungeheuren Monden, den Saturn, den Uranus ...


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»Alle diese Welten,« sagte sie, »werden im leeren Weltraum durch die Anziehung der Sonne getragen, die sie mit großer Schnelligkeit umkreisen; ein harmonischer Chor, der sich um seinen Mittelpunkt schwingt. Die Erde ist nur eine schwimmende Insel, ein Fleckchen in jener großen Sonnenheimat, und dieses Sonnenreich ist selbst nur eine Provinz mitten in der unendlichen Sternenwelt.«

Noch immer weiter stiegen wir hinauf. Die Sonne mit ihrem System entfernte sich reißend schnell; die Erde war nur noch ein Punkt. Selbst der Jupiter, diese so riesige Welt, erschien wie Mars und Venus zu einem kleinen Pünktchen zusammengeschrumpft, welches kaum das der Erde übertraf.


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Wir flogen an dem mit seinen gigantischen Ringen umgürteten Saturn vorbei, dessen Zeugnis allein schon genügte, um die im Weltall herrschende ungeheure und undenkbare Mannigfaltigkeit zu beweisen; an Saturn, der mit seinen Ringen, welche aus Körperchen bestehen, die in schwindelerregendem Kreislauf mit fortgerissen werden, und mit seinen acht Trabanten, die ihn wie ein himmlisches Gefolge begleiten, ein wirkliches System für sich darstellt.


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In dem Maße, in welchem wir aufstiegen, nahm die Größe unserer Sonne ab. Bald sank sie auf die Stufe eines Sternes herab, dann verlor sie alle Majestät und jede Überlegenheit über das Sternenvolk, und glänzte kaum noch etwas mehr als die andern Sterne. Ich verlor mich in der Anschauung dieser ganzen gestirnten Unermeßlichkeit, inmitten welcher wir uns immer noch erhoben, und suchte die Sternbilder zu erkennen; doch diese begannen wegen der durch meine Fahrt bewirkten Verschiebung der Perspektive ganz merklich ihre Gestalt zu verändern; die Milchstraße war unter unserm Flug zusammengestürzt wie ein in die unendliche Tiefe fallender, zerschmelzender Katarakt von Sonnen; die Sterne, denen wir uns näherten, entsandten phantastische Flammengebilde, aus welchen sich goldene und silberne Strahlenbündel wie Lichtströme ergossen, die uns durch blitzähnliches Leuchten blendeten. Ich glaubte zu sehen, wie unsere Sonne, die unmerklich ein ganz kleiner Stern geworden war, sich mit dem Sternbild des Centauren vereinigte, während aus der Gegend, nach welcher Urania mich davontrug, ein neues, fahles, bläuliches, recht sonderbares Licht auf mich fiel. Die Helle hatte nichts Irdisches an sich und erinnerte mich an keine jener Lichtwirkungen, welche ich an den Landschaften der Erde weder unter den so wechselnden Färbungen der Dämmerungen nach einem Gewitter, noch in den wallenden Morgennebeln, noch auch während der ruhigen und stillen Mondscheinstunden auf dem Meeresspiegel bewundert hatte. Letzterer Lichtwirkung näherte sich jener Anblick vielleicht am meisten; aber dieses eigentümliche Licht war und wurde mehr und mehr wirklich blau, nicht durch den Reflex des Himmelblaus oder durch den Kontrast, wie ihn das mit dem Gaslicht verglichene elektrische Licht bewirkt, sondern blau, wie wenn die Sonne selbst blau gewesen wäre!

Wie groß war nicht mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß wir uns in der That einer durchaus blauen Sonne näherten, einer glänzenden, wie aus unserm schönsten irdischen Himmel herausgeschnittenen Scheibe, die sich lichtvoll von einem ganz schwarzen mit Sternen besäten Grunde abhob. Diese saphirne Sonne war der Mittelpunkt eines von ihrem Lichte erleuchteten Planetensystems. Wir kamen eben an einem dieser Planeten ganz nahe vorbei. Die blaue Sonne vergrößerte sich zusehends, aber — eine ebenso sonderbare neue Erscheinung wie die erstere — das Licht, womit sie diesen Planeten erleuchtete, vermischte sich von einer gewissen Seite her mit einer grünen Färbung. Ich sah wieder in den Himmel und gewahrte eine zweite Sonne von — schönem Smaragdgrün. — Ich traute meinen Augen nicht!


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»Wir durcheilen jetzt,« sagte Urania, »das Sonnensystem des Sternes Gamma in der Andromeda, von dem du nur erst einen Teil siehst; denn es besteht in Wirklichkeit aus  d r e i  Sonnen; einer blauen, einer grünen und einer orangegelben. Die blaue Sonne, die kleinste, dreht sich um die grüne, und diese umkreist mit ihrer Begleiterin die große orangefarbene Sonne, welche du sogleich erblicken wirst.«

Wirklich sah ich auch sofort eine dritte Sonne zum Vorschein kommen in der Farbe jener glühenden Ausstrahlung, deren Kontrast mit dem ihrer beiden Begleiter die eigentümlichsten Beleuchtungen hervorbrachte. Ich kannte dieses merkwürdige Sternsystem recht gut, weil ich es mehr als einmal mit dem Fernrohr beobachtet hatte, aber ich hatte keine Ahnung von seinem wirklichen Glanze. Welches Glühen, welch' blendende Lichtmassen! Welche Lebhaftigkeit der Farben in dieser seltsamen Quelle blauen Lichtes, in dieser grünen Beleuchtung der zweiten Sonne und in dem blaßrotgoldenen Strahlen der dritten!


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Doch wir hatten uns, wie ich schon sagte, einer zu dem SaphirsonnenSystem gehörigen Welt genähert. Alles war blau, Landschaften, Gewässer, Pflanzen, Felsen, mit einem Anflug von Grün auf der von der zweiten Sonne erhellten Seite und kaum gestreift von den Strahlen der am fernen Horizont aufgehenden dritten Sonne. Je mehr wir in die Atmosphäre dieser Welt eindrangen, ertönte eine liebliche und köstliche Musik in den Lüften, wie ein Wohlgeruch, wie ein Traum. Nie hatte ich etwas Derartiges gehört. Die weiche, tiefe, fernklingende Melodie schien von einem durch Orgelbegleitung getragenen Chor von Harfen und Geigen herzurühren. Es war ein auserlesener Gesang, der vom ersten Augenblicke an entzückte, der nicht zerlegt zu werden brauchte, um verstanden zu werden, und der die Seele mit einem Wonnegefühl erfüllte. Es war mir, als hätte ich eine Ewigkeit zuhören können; ich wagte nicht, meine Führerin anzureden; so fürchtete ich, auch nur  e i n e n  Ton zu verlieren. Urania bemerkte dies. Sie wies mit der Hand nach einem See und zeigte auf eine Gruppe von geflügelten Wesen, welche über den blauen Wassern schwebten.

Die Gestalt derselben war keineswegs die irdischmenschliche. Es waren Wesen, die offenbar dazu geschaffen waren, in der Luft zu leben. Sie schienen aus Licht gewoben zu sein. Von weitem hielt ich sie anfangs für kleine Wasserjungfern: sie hatten deren schlanke und zierliche Gestalt, große Flügel, Lebhaftigkeit und Leichtigkeit. Aber als ich sie näher untersuchte, gewahrte ich, daß ihr Wuchs dem unsrigen nicht nachstand, und an dem Ausdruck ihrer Blicke erkannte ich, daß es keine Tiere waren. Ihre Köpfe glichen genau denen der Libellen, und wie diese Luftwesen hatten sie keine Beine. Die so köstliche Musik, die ich hörte, war nichts anderes als das Geräusch ihres Fluges. Sie waren sehr zahlreich, vielleicht mehrere Tausende.

Auf den Gipfeln der Berge sah man Pflanzen, die weder Bäume noch Blumen waren, welche ungewöhnlich hohe schwache Stengel trieben, und diese verzweigten Stengel trugen, wie wenn sie die Arme ausstreckten, große tulpenförmige Becher. Diese Pflanzen waren belebt; wenigstens gaben sie, wie unsere Mimosen und noch stärker, und wie die Desmodie* mit beweglichen Blättern ihre inneren Eindrücke durch Bewegungen kund. Diese Lufthaine bildeten wirkliche Pflanzenstädte. Die Bewohner dieser Welt hatten keine anderen Wohnungen als diese Wäldchen, und in diesen duftenden Mimosen ruhten sie sich aus, wenn sie nicht in den Lüften schwammen.

* Das Büschelkraut in Bengalen; es ist merkwürdig wegen der infolge der Einwirkung des Sonnenlichtes eintretenden Bewegung der Blättchen: während das Endblättchen sich auf- und abwärts bewegt, machen die Seitenblättchen mit ihrer Spitze eine rotierende Bewegung (A. d. Übers.)

»Diese Welt erscheint dir phantastisch,« sagte Urania, »und du fragst dich wohl, welche Gedanken, Sitten, Geschichte, Kunstzweige, Litteratur und Wissenschaften diese Wesen haben können. Es würde zu weit führen, alle Fragen zu beantworten, welche du stellen könntest. Nur das wisse, daß ihre Augen eure besten Fernröhren übertreffen, daß ihr Nervensystem beim Durchgang eines Kometen schwingt und auf elektrischem Wege Dinge entdeckt, welche ihr auf der Erde nie kennen lernen werdet. Die Organe, welche du über den Flügeln siehst, dienen ihnen als Hände, die geschickter sind als die eurigen. Als Buchdruck haben sie die unmittelbare Photographie der Ereignisse und die phonetische Fixierung der Worte selbst. Übrigens beschäftigen sie sich nur mit wissenschaftlichen Untersuchungen, d. h. mit dem Studium der Natur. Die drei Leidenschaften, welche den größten Teil des menschlichen Lebens verzehren: das Jagen nach dem Glück, der politische Ehrgeiz und die Liebe, sind ihnen unbekannt, weil sie nichts bedürfen, um zu leben; weil es weder internationale Trennungen, noch eine andere Regierungsform giebt als einen Verwaltungsrat; und weil sie Zwitter sind.«


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»Zwitter!« wiederholte ich. Und ich wagte hinzuzusetzen: »Ist dies besser?« —

»Es ist etwas Anderes. Es giebt weniger große Unruhen in der Welt.«

»Man muß sich,« fuhr sie fort, »von irdischen Empfindungen und Ideen ganz frei machen, um in der Lage zu sein, , die durch die mannigfaltigen Formen der Schöpfung bekundete unendliche Verschiedenheit zu verstehen. Gleichwie auf eurem Planeten von einem Zeitalter zum andern die Arten sich geändert haben — von den so seltsamen Wesen der ersten geologischen Epochen bis zum Auftreten des Menschengeschlechts —, gleichwie noch jetzt die Tier- und Pflanzenwelt der Erde aus den verschiedensten Formen — vom Menschen bis zur Koralle, vom Vogel bis zum Fisch, vom Elefanten bis zum Schmetterling — besteht: ebenso haben, in unvergleichlich weiterem Umfang, die Naturkräfte unter den unzähligen Gebieten des Himmels einer unendlichen Verschiedenheit von Wesen und Dingen den Ursprung gegeben. Die Gestalt der Wesen ist auf jedem Weltkörper das Ergebnis der jedem Himmelskörper eigentümlichen Elemente, d. h. Masse, Wärme, Licht, Elektricität, Dichtigkeit, Schwere.

Die Gestaltungen, die Organe, die Zahl der Sinne — ihr habt deren nur fünf, und diese sind ziemlich dürftig — hängen von den Lebensbedingungen jeder Sphäre ab. Das Leben ist irdisch auf der Erde, marsisch auf dem Mars, saturnisch auf dem Saturn, neptunisch auf dem Neptun, d. h. jedem Wohnort entsprechend, oder — um mich noch besser, noch schärfer auszudrücken — hervorgerufen und entwickelt von jeder Welt gemäß ihres organischen Zustandes nach einem obersten Gesetze, welchem die gesamte Natur gehorcht, dem Gesetze des Fortschrittes.«


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Während sie mit mir sprach, war ich mit dem Blick dem Flug der luftigen Wesen nach der Blumenstadt hin gefolgt und hatte starr vor Erstaunen gesehen, wie die Pflanzen sich bewegten, sich aufrichteten oder niederbeugten, um sie aufzunehmen; die grüne Sonne war unter den Horizont hinabgesunken und die orangefarbene am Himmel emporgestiegen: die Landschaft war mit einem feenhaften Farbenbild geschmückt, über welchem ein ungeheurer, halb orangefarbener, halb grüner Mond schwebte. Nun verstummte die überwältigende Melodie, welche die Atmosphäre erfüllte, und aus tiefer Stille heraus hörte ich einen Gesang, der mit einer so reinen Stimme anhob, daß keine menschliche mit ihr sich vergleichen ließe.

»Welches wunderbare System,« rief ich aus, »eine solche Welt, erhellt durch solche Leuchten? Das sind also genau besehen Doppelsterne,  d r e i fache,  v i e l fache Sterne?«

»Glänzende Sonnen sind diese Sterne!« erwiderte die Göttin. »Leicht verknüpft durch die Bande einer gegenseitigen Anziehung seht ihr sie von der Erde aus zwei und zwei im Schoß der Himmel gebettet, immer schön, immer lichtvoll, immer rein.

Im unendlichen Raum schwebend, stützen sie sich einander, ohne sich je zu berühren, wie wenn ihre mehr moralische als stoffliche Verbindung durch ein unsichtbares und höheres Prinzip bestimmt würde; und auf harmonischen Kurven kreisen sie im Takt umeinander, als himmlische Paare geboren im Frühling der Schöpfung in den Sterngefilden der Unermeßlichkeit.

Während die einfachen Sonnen, wie die eurige, vereinzelt, unverrückt, ruhig in dem Raume glänzen, scheinen die doppelten und vielfachen Sterne die stillen Regionen der ewigen Leere durch ihre Bewegungen, ihre Färbung und ihr Leben zu beseelen. Diese Sternenuhren bezeichnen für euch die Jahrhunderte und die Zeitrechnungen der andern Welträume.

Doch wir wollen unsere Reise fortsetzen. Wir sind erst einige Billionen Meilen von der Erde entfernt.«

»— Einige Billionen?«

»Ja. Wenn wir von hier aus das Getöse auf eurem Planeten, seine Vulkane, seine Kanonaden, seine Donner, oder das Lärmen der großen Massen an den Tagen der Revolution oder die zum Himmel dringenden frommen Kirchengesänge hören könnten, so ist die Entfernung so groß, daß diese Geräusche, vorausgesetzt, sie könnten mit der Schnelligkeit des Schalles die Luft durcheilen, nicht weniger als fünfzehn Millionen Jahre brauchten, um bis hierher zu dringen. Wir würden heute bloß das hören, was vor 15 000 000 Jahren auf der Erde vorging.


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Dennoch sind wir im Verhältnis zur Unendlichkeit des Weltalls noch sehr nahe bei deiner Heimat.

Du erkennst noch immer eure Sonne, dort unten, ein ganz kleines Sternchen. Wir sind nicht aus dem Weltall herausgekommen, zu welchem sie mit ihrem Planetensystem gehört.

Dieses Weltall besteht aus mehreren Millionen von Sonnen, welche Billionen Meilen von einander entfernt sind.

Seine Ausdehnung ist so bedeutend, daß ein Blitz bei der Schnelligkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde 15 000 Jahre braucht, um sie zu durchschneiden.

Und überall, überall Sonnen, nach welcher Seite wir auch unsere Blicke richten mögen; überall Licht, Wärme- und Lebensquellen, Quellen von unerschöpflicher Verschiedenheit. Sonnen jedes Glanzes, jeder Größe, jeden Alters, getragen in der ewigen Leere, im Lichtäther durch die gegenseitige Anziehung aller und durch die Bewegung einer jeden.

Jeder Stern, eine ungeheure Sonne, dreht sich um sich selbst wie eine Feuerkugel und steuert auf ein Ziel hin.

Eure Sonne bewegt sich und trägt euch nach dem Sternbild des Herkules hin, diejenige, deren System wir soeben durchschnitten, geht nach dem Süden der Plejaden, Sirius eilt auf die Taube zu, Pollux schwingt sich gegen die Milchstraße, alle diese Millionen, ja Milliarden Sonnen durcheilen die Unermeßlichkeit mit Schnelligkeiten, welche zwei, drei- und vierhunderttausend Meter in der Sekunde erreichen.

Die  B e w e g u n g, welche das Gleichgewicht im Universum erhält, macht das Wesen seiner Organisation, seiner Kraft, seines Lebens aus.«


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Kapitel III.
Die unendliche Mannigfaltigkeit
der Wesen –Die Verwandlungen

Schon lange war das dreifarbige Sonnensystem unter uns entschwunden. Unser Flug ging in die Nähe einer großen Anzahl von Welten vorbei, die ganz verschieden von unserer irdischen Heimat waren. Die einen schienen mir ganz mit Wasser bedeckt und von Wassertieren bevölkert, die andern nur von Pflanzen. Ja, einige zeigen keine Spur von Wasser: es sind diejenigen, welche zu Systemen gehören, die, wie der Stern Alpha im Herkules, keinen Wasserstoff besitzen. Andere schienen ganz Feuer zu sein. Bei mehreren machten wir halt. Welche undenkbare Mannigfaltigkeit!

Auf einem unter ihnen strahlen die Felsen, die Pflanzen, die Landschaften während der Nacht das Licht wieder aus, was sie tagsüber aufgenommen und angesammelt haben. Möglich, daß der Phosphor einen wichtigen Bestandteil in der chemischen Zusammensetzung dieser Körper bildet. Das ist ein seltsamer Weltkörper, auf dem man die Nacht nicht kennt, obgleich ihm die Satelliten fehlen! Es scheint, als erfreuten sich seine Bewohner einer sehr wertvollen organischen Eigentümlichkeit: sie sind so geschaffen, daß sie alle inneren Lebensfunktionen des Organismus wahrnehmen. Von jedem kleinsten Körperteilchen geht ein Nerv aus, welcher dem Gehirn die verschieden empfangenen Eindrücke mitteilt, so daß der Mensch sich inwendig sieht und alle Krankheitsursachen vom ersten Entstehen an erkennt; die geringsten Leiden werden schon im Keime unterdrückt.

Auf einem andern Himmelskörper, an welchem wir auch nachts, d. h. auf seiner Nachtseite vorbeikamen, sind die menschlichen Augen so gebaut, daß sie leuchten, daß sie hell machen, wie wenn ein phosphoreszierendes Fluidum von ihrem eigentümlichen Sterne ausstrahlte. Eine nächtliche Versammlung einer großen Menge von Leuten bietet einen wahrhaft phantastischen Anblick, weil die Helle wie die Farbe der Augen je nach den verschiedenen Leidenschaften, welche sie beleben, sich verändert. Ferner ist auch die Macht dieser Blicke derart, daß sie einen elektrischen und magnetischen Einfluß von wechselndem Stärkegrad ausüben und in gewissen Fällen das Opfer, gegen welches sich ihre ganze Willenskraft richtet, niederschmettern, tot hinstürzen lassen können.

Ein wenig weiter machte mich mein himmlischer Führer auf einen Weltkörper aufmerksam, wo sich die lebenden Wesen einer wertvollen Fähigkeit erfreuen; die Seele kann nämlich ohne den oft unangenehmen und immer traurigen Umstand des Todes den Körper wechseln. Ein Gelehrter, welcher sein ganzes Leben lang für die Bildung des Menschengeschlechts gearbeitet hat und das Ende seiner Tage herankommen sieht, ohne sein edelmütiges Unternehmen hinausführen gekonnt zu haben, vermag es, den Körper mit einem Jüngling zu vertauschen und ein neues noch viel nützlicheres Leben als zuvor zu beginnen. Zu einer solchen Seelenwanderung genügt die Zustimmung des jungen Menschen und die magnetische Einwirkung eines zuständigen Arztes. Manchmal sieht man auch zwei durch die so süßen und starken Bande der Liebe verbundenen Wesen einen ähnlichen Körpertausch nach mehrjährigem Zusammenleben vornehmen: die Seele des Gatten nimmt für den Rest ihres Daseins Wohnung in dem Körper der Gattin und umgekehrt. Für jeden von ihnen wird dann die innigste Lebensgemeinschaft unvergleichlich vollständiger. Auch sieht man Gelehrte, Geschichtsforscher, welche zwei Jahrhunderte statt eines leben möchten, in eine Art künstlichen Winterschlafs sich versenken, welcher ihr Leben um die Hälfte des Jahres und sogar noch länger unterbricht. Einige erreichen es sogar, dreimal länger als ein gewöhnlicher Hundertjähriger zu leben.

Als wir bald danach ein anderes System durchflogen, begegneten wir einer Gattung von Lebewesen, die wieder ganz anders und sicher höherer Art waren, als wir. Bei den Bewohnern des uns vor Augen stehenden Planeten, einer durch eine glänzende Wasserstoffsonne erleuchteten Welt, ist die Gedankenäußerung nicht an das Wort gebunden. Wie vielmal ist es uns nicht schon vorgekommen, daß wir einen klaren und inhaltschweren Gedanken, der uns durch den Kopf ging, aussprechen und niederschreiben wollten, und daß wir merkten, wie dieser Gedanke schon bei den ersten gesprochenen oder geschriebenen Worten den Zusammenhang verlor, sich verflüchtigte, verdunkelte oder umgestaltete? Die Bewohner jenes Planeten haben einen sechsten Sinn, den man den Selbsttelegraphen nennen könnte, vermöge dessen der Gedanke sich der Außenwelt mitteilt und auf einem etwa die Stelle unserer Stirne einnehmenden Organe gelesen werden kann. Diese schweigsamen Unterhaltungen sind oft die geistreichsten und am genauesten ausgedrückten; sie sind immer die aufrichtigsten.

Wir sind kindlicherweise geneigt zu glauben, die menschliche Organisation lasse auf Erden nichts zu wünschen übrig. Jedoch, haben wir es nie beklagt, unangenehme Worte, eine widersinnige Rede, eine von Leerheiten aufgeblähte Predigt, schlechte Musik, Übelrederei oder Verleumdungen wider unseren Willen anhören zu müssen? Unsere Grammatiken mögen so viel behaupten als sie wollen, daß wir diesen Reden »unser Ohr verschließen« können; dem ist leider nicht so. Man kann die Ohren nicht zumachen, wie die Augen. Es ist eben da eine Lücke. Ich war sehr überrascht gewesen, einen Planeten zu sehen, wo die Natur diesem Mangel abgeholfen hat. Als wir einen Augenblick dabei verweilten, zeigte mir Urania jene Ohren, welche sich wie Augenlider schlossen und so die Fortpflanzung des Tons gründlich abschnitten. »Dort giebt es,« sagte sie zu mir, »viel weniger verhaltene Zornesausbrüche als bei uns, aber die Trennung zwischen den politischen Parteien tritt viel schärfer hervor, da die Gegner nichts hören wollen und ihnen dies auch wirklich gelingt, trotz der geschwätzigsten Advokaten und der mit den besten Lungen versehenen Volksredner.«

Auf einer andern Welt, deren Dunstkreis beständig mit Elektricität geladen, auf welcher die Temperatur eine sehr hohe ist und deren Bewohner gar keinen hinreichenden Grund haben, Bekleidungsstücke zu erfinden, kommen gewisse Leidenschaften durch die Erleuchtung eines Körperteils zum Ausdruck. Was im kleinen auf unseren irdischen Wiesen vorgeht, wo man während der milden Sommerabende sieht, wie sich die Leuchtkäfer in stiller Flamme verzehren, das geschieht dort im großen. Die Beobachtung der leuchtenden Paare zur Abendzeit in den großen Städten bietet einen seltsamen Anblick. Die Farbe der Phosphorescenz ist je nach den Geschlechtern, die Stärke derselben je nach Alter und Temperament verschieden. Das starke Geschlecht brennt in mehr oder weniger rotglühender und das anmutige in einer bläulichen, manchmal fahlen und weniger bemerkbaren Flamme. Unsere Johanniswürmchen allein könnten sich eine nur annähernde Vorstellung von der Natur der Eindrücke machen, welche jene eigenartigen Wesen empfinden. Ich traute meinen Augen nicht, als wir die Atmosphäre dieses Planeten durcheilten. Aber ich war noch überraschter, als wir bei dem Trabanten dieser sonderbaren Welt anlangten.

Es war dies ein einzelner, von einer Art Dämmersonne erleuchteter Mond. Ein düsteres Thal lag vor unseren Blicken. An den auf beiden Seiten des Thales vereinzelt stehenden Bäumen hingen in Schweißtücher eingehüllte menschliche Wesen. Sie hatten sich mit ihrem Haar selbst an die Äste festgebunden und schliefen da in tiefster Stille. Was ich aber für Schweißtücher gehalten hatte, war ein durch Verlängerung ihrer verworrenen und gebleichten Haare gebildetes Gewebe. Als ich mich über eine solche Stellung wunderte, belehrte mich Urania, daß dies ihre gewohnte Weise sei, sich zu begraben und wiederaufzuerstehen. Ja, auf diesem Weltkörper besitzen die menschlichen Wesen die organische Fähigkeit der Insekten, welchen es gegeben ist, im Zustande der Puppe einzuschlafen, um sich in geflügelte Schmetterlinge zu verwandeln. Es lebt dort so etwas wie eine doppelte Menschenrasse, und die Vertreter der ersten Verwandlungsstufe, die gröber geformten und materiellen Wesen, wollen nur sterben, um in der glänzendsten Verwandlung wieder zu erstehen. Jedes Jahr auf diesem Weltkörper entspricht ungefähr 200 Erdenjahren. Man lebt dort zwei Dritteile des Jahres in dem unentwickelten Zustand, ein Drittel (den Winter) im Zustand der Puppe, und im folgenden Frühling fühlen die Hängenden, wie das Leben in ihren umgestalteten Körper unmerklich wiederkehrt: sie regen sich, erwachen wieder, lassen ihren Haarwuchs am Baume und indem sie als wunderbar beflügelte Wesen sich von ihrer Hülle freimachen, schwingen sie sich in die Luftregionen auf, um dort ein neues Phönixjahr, d. h. zwei Jahrhunderte unseres rasch dahineilenden Planeten, zu leben.

Wir durchflogen so eine große Anzahl von Sternsystemen, und es schien mir, als wäre die ganze Ewigkeit nicht lang genug gewesen, um mich an allen diesen auf der Erde unbekannten Schöpfungen zu erfreuen; allein mein Führer ließ mir kaum Zeit mich zurechtzufinden und immer neue Sonnen und neue Welten tauchten auf. Auf unserem Fluge wären wir beinahe mit durchsichtigen Kometen zusammengestoßen, welche wie Hauche von einem System zum andern irrten, und mehr als einmal hatte ich mich zu wunderbaren Planeten mit lachenden Landschaften hingezogen gefühlt, deren Menschenwelten neue Gegenstände des Forschens gewesen wären. Die fünf dürftigen Sinne, welche unsere einzige organische Ausrüstung ausmachen, sind wirklich bedeutungslos vor dem Reichtum der Wahrnehmungen der mit 15, 18 und sogar 25 Sinnen ausgestatteten Wesen, wie wir solchen auf mehreren Erdkörpern begegneten. Doch die himmlische Muse trug mich unaufhaltsam immer höher hinan, immer weiter, bis wir endlich dahinkamen, wo mir die Vorhöfe des Weltalls zu liegen schienen.

Die Sonnen wurden seltener, lichtärmer, blässer, die Nacht wurde zwischen den Gestirnen dunkler, und bald befanden wir uns mitten in einer wahren Öde, da die Milliarden Sterne, welche das von der Erde aus sichtbare Weltall ausmachen, sich entfernt hatten, und alles auf eine kleine, in der unendlichen Leere vereinzelt erscheinende Milchstraße sich zusammengezogen hatte.

»Da sind wir denn endlich an den Grenzen der Schöpfung angekommen!« rief ich aus.

»Schaue!« antwortete sie und zeigte nach dem Zenith.


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Kapitel IV.
Die Unendlichkeit und die Ewigkeit –
Die Zeit, der Raum und das Leben –
Die himmlischen Horizonte

Doch wie! War dem so? Ein neues Weltall senkte sich zu uns herab! Millionen und aber Millionen von Sonnengruppen schwebten über uns und lösten sich zusehends in dem Maße, als wir aufstiegen, in eine ungeheure Sternenwolke auf. Ich versuchte den unendlichen Raum um mich herum in allen seinen Tiefen mit dem Auge zu durchdringen, und überall gewahrte ich ein ähnliches Leuchten, nach allen Entfernungen hin ausgestreute Sternenhaufen.

Das neue Weltall, in das wir eindrangen, bestand aus roten, rubin- und granatfarbenen Sonnen; mehrere hatten geradezu die Farbe des Bluts. Der Flug durch dasselbe war ein wahres Wetterleuchten. Pfeilschnell flogen wir dahin von Sonne zu Sonne, aber unaufhörliche elektrische Strömungen berührten uns wie die Ausstrahlungen eines Nordlichts. Welch sonderbare Aufenthaltsorte sind doch jene durch rote Sonnen einzigartig beleuchteten Welten! Darauf bemerkten wir in einer Gegend dieses Weltraums eine Gruppe von Nebensonnen, die aus einer großen Anzahl von rosenfarbenen und blauen Sternen bestand. Plötzlich stürzte sich ein ungeheurer Komet, dessen Kern einem riesigen Rachen glich, auf uns und hüllte uns ein. Erschrocken drückte ich mich an die Seite der Göttin, welche mir auf einen Augenblick in einem leuchtenden Nebel entrückt wurde. Doch wir fanden uns in einer dunklen Öde wieder, denn dieser zweite Weltraum war entschwunden, wie der erste.

»Die Schöpfung,« sagte sie, »besteht aus einer unendlichen Anzahl deutlich unterschiedener, durch die Abgründe des Nichts von einander getrennter Welträume.«

»Eine  u n e n d l i c h e  Anzahl?«

»Mathematischer Einwurf,« versetzte sie. »Freilich kann eine Zahl, so groß sie auch immer sein mag, nicht wirklich unendlich sein, da man sie ja immer um eine Einheit vermehren, oder sogar verdoppeln, verdreifachen, hundertfältig machen kann. Doch bedenke, daß der gegenwärtige Augenblick nur die Pforte ist, durch welche die Zukunft sich der Vergangenheit entgegenstürzt. Die Ewigkeit ist ohne Ende, und die Zahl der Welträume wird, wie sie, auch unendlich sein. Überdies bilden die Sterne, die Sonnen, die Welträume keine  Z a h l. Sie sind, um es besser auszudrücken, zahllos.


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Blicke umher! du siehst weiter, immer und überall neue himmlische Inselmeere, neue Weltenräume.«

»Es scheint mir, Urania, daß wir schon sehr lange und mit großer Schnelligkeit in einen grenzenlosen Himmel aufsteigen?«

»Wir könnten  i m m e r  so fortaufsteigen,« versetzte sie, »nie würden wir eine bestimmte Grenze erreichen.

Wir könnten dort, zur Linken, zur Rechten, vor uns, hinter uns, abwärts, in gleichviel welcher Richtung dahintreiben; nie und nirgends würden wir auf eine Schranke stoßen.

Niemals, nie ein Ende.«

»Weißt du, wo wir sind? Weißt du, welchen Weg wir durchlaufen haben?«

»Wir sind in ... in der Vorhalle der Unendlichkeit, wie wir schon auf der Erde darin waren. W i r  s i n d  u mv k e i n e n  e i n z i g e n  S c h r i t t  v o r w ä r t s  g e k o m m e n! «

Eine große Aufregung hatte sich meines Geistes bemächtigt. Die letzten Worte Uranias waren mir wie ein eisiger Schauder bis ins Mark gedrungen. »Nie ein Ende! nie! nie!« wiederholte ich. Und ich konnte nichts anderes denken noch reden. Dennoch trat die Pracht des Anblicks mir wieder vor Augen, und das Gefühl meiner Nichtigkeit wich der Begeisterung.

»Sternkunde!« rief ich aus. »Das begreift alles in sich! Diese Dinge zu verstehen! In der Unendlichkeit leben. O, Urania! Was sind alle übrigen menschlichen Gedanken gegenüber der Wissenschaft! Schatten! Trugbilder!«

»O,« sagte sie, »du wirst wieder auf der Erde erwachen, du wirst, und das mit Recht, die Wissenschaft deiner Lehrer wieder bewundern; aber bedenke es wohl: die jetzige Sternkunde, die schöne Wissenschaft eines Newton, eines Laplace, eines Le Verrier, ist noch nicht die endgültige Wissenschaft.

Das, mein Sohn, ist nicht der Zweck, den ich seit Hipparch und Ptolemäus verfolge. Betrachte diese Millionen Sonnen, welche derjenigen ähnlich sind, die die Erde belebt, und wie diese Quellen der Bewegung, der Thätigkeit und des Lichtes sind; nun denn, der Gegenstand der zukünftigen Wissenschaft ist: das Studium des  u n i v e r s e l l e n  u n d  e w i g e n  L e b e n s. Bis auf diesen Tag ist man noch nicht in diesen Tempel eingedrungen. Die Zahlen sind nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel; sie stellen nicht das Weltgebäude dar, sondern nur die Methoden, die Gerüste. Du wirst bald die Morgenröte eines neuen Tages schauen. Die mathematische Sternkunde wird der physischen Sternkunde, dem wahren eigentlichen Studium der Natur, das Feld räumen.

Ja,« fügte sie hinzu, »die Astronomen, welche die scheinbaren Bewegungen der Gestirne bei ihrem täglichen Durchgang im Meridian berechnen; diejenigen, welche den Eintritt der Finsternisse, der Erscheinungen am Himmelsgewölbe, der periodischen Kometen verkündigen; diejenigen, welche den Stand der Sterne und Planeten unter den verschiedenen Graden der Himmelskugel so sorgfältig und so genau berechnen; diejenigen, welche Kometen, Planeten, Trabanten, veränderliche Sterne entdecken; diejenigen, welche die durch die Anziehung des Mondes und der Planeten bewirkten Störungen in den Bewegungen der Erde untersuchen und bestimmen; diejenigen, welche ihre Nächte der Entdeckung der Fundamentalelemente des Weltsystems widmen: alle Beobachter oder Berechner sind Vorarbeiter, Vorläufer der neuen Sternkunde. Es sind dies zwar unermeßliche Arbeiten, bewundernswürdige Kraftäußerungen und erhabene Werke, welche die höchsten Fähigkeiten des Menschengeistes ans Licht bringen. Doch Mathematiker und Meßkünstler sind die Streitmacht der Vergangenheit. Von nun an wird das Herz der Gelehrten für einen noch edleren Kampfpreis schlagen. Alle jene großen Geister haben sich bei dem Studium des Himmels in Wirklichkeit nicht über die Erde erhoben. Aber der Endzweck der Sternkunde ist nicht: die scheinbare Stellung glänzender Punkte zu zeigen und im Raume sich bewegende Steine zu wiegen, noch uns die Finsternisse, die Mondphasen oder Ebbe und Flut im voraus bekannt zu geben. Alles dies ist schön, aber es ist unzureichend.

Wenn das Leben nicht auf Erden vorhanden wäre, so würde dieser Planet für irgendwelchen Geist jedes Interesses durchaus entbehren; und dasselbe läßt sich von allen Welten sagen, welche in den Tiefen der Unendlichkeit um Milliarden Sonnen kreisen. Das Leben ist der Zweck der gesamten Schöpfung. Wenn es kein Leben noch Denken gäbe, so wäre dies alles null und nichtig. Die Schöpfung ist ein Gedicht, in dem jeder Buchstabe eine Sonne ist.

Du bist dazu bestimmt, bei einer vollständigen Umgestaltung der Wissenschaft mitzuwirken. Die Materie wird dem Geiste den Platz räumen.«

»Das Leben im Universum!« sagte ich. »Sind denn alle Planeten unseres Sonnensystems bewohnt? ... Sind die Milliarden Welten, welche die Unendlichkeit bevölkern, bewohnt? ... Gleichen jene Menschengeschlechter den unsrigen? ... Werden wir sie je kennen lernen? ...«

»Der Zeitraum, während dessen du auf Erden lebst, selbst die Dauer des irdischen Menschengeschlechtes ist nur ein Augenblick in der Ewigkeit.«

Ich verstand diese Antwort auf meine Fragen nicht.

»Es liegt durchaus kein Grund vor,« fuhr Urania fort, »daß alle Welten j e t z t bewohnt seien. Die gegenwärtige Epoche ist nicht wichtiger als diejenigen, welche ihr vorausgegangen sind oder ihr folgen werden.

Die Dauer des Bestehens der Erde wird viel länger — vielleicht zehnmal länger sein — als diejenige der Periode des menschlichen Lebens auf ihr. Unter etwa zehn aufs Geratewohl aus der Unermeßlichkeit herausgegriffenen Welten könnten wir z. B., je nachdem sich's trifft, kaum eine von einer intelligenten Rasse bewohnte finden. Die einen sind es früher gewesen, andere werden es künftig sein; diese befinden sich im Vorbereitungsstadium, jene haben alle ihre Phasen durchlaufen; hier sind es Wiegen, dort Gräber; und dann auch offenbart sich eine unendliche Mannigfaltigkeit in den Äußerungen der Naturkräfte, da ja das Erdenleben in keiner Weise der Typus des Lebens außerhalb der Erde ist. Es können Wesen in Formen leben und denken, die ganz verschieden von denen sind, die man auf euren Planeten kennt. Die Bewohner der andern Welten haben weder eure Gestalt, noch eure Sinne. Sie sind eben andere.


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Der Tag wird kommen und zwar in nächster Zeit, da du ja berufen bist, ihn zu erleben, wo dieses Studium der Lebensbedingungen in den verschiedenen Gebieten des Weltalls der Hauptgegenstand — und der große Anziehungspunkt — der Astronomie sein wird. Statt sich einfach mit der Entfernung, der Bewegung und der stofflichen Masse eurer Nachbarplaneten zu beschäftigen, werden die Astronomen bald deren physische Beschaffenheit, ihren geographischen Charakter, ihre klimatischen und Witterungsverhältnisse entdecken, werden in das Geheimnis ihrer Lebensorganisation eindringen und sich über ihre Bewohner streiten. Sie werden finden, daß Mars und Venus gegenwärtig mit denkenden Wesen bevölkert sind, daß Jupiter dagegen in der ersten organischen Vorbereitungsperiode steht, daß Saturn unter Bedingungen dahinschwebt, die ganz verschieden von denjenigen sind, welche bei der Herausbildung des Erdenlebens vorlagen, und, ohne jemals einen dem der Erde ähnlichen Zustand durchzumachen, von Wesen bewohnt sein wird, die mit irdischen Organismen unvereinbar sind. Neue Methoden werden zur Kenntnis der physischen und chemischen Beschaffenheit der Gestirne, der Natur der Atmosphären führen. Vervollkommnete Instrumente werden sogar gestatten, direkte Beweise für das Dasein jener planetarischen Menschengeschlechter zu liefern und daran zu denken, in Verbindung mit denselben zu treten. Dies ist die wissenschaftliche Umgestaltung, welche das Ende des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnen und das zwanzigste einleiten wird.«


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Entzückt lauschte ich der himmlischen Muse Worten, welche mir die Bestimmung der Astronomie in einem ganz neuen Lichte erscheinen ließen und mich mit noch lebhafterer Wißbegierde erfüllten. Ich hatte das Rundgemälde der unzähligen, den Raum durchrollenden Welten vor Augen, und ich begriff, daß der Zweck der Wissenschaft der sein müsse, uns mit jenen fernen Weltallen bekannt zu machen, uns in jenen ungeheuren Gesichtskreisen bewegen zu lassen. Die schöne Göttin fuhr fort:

»Die Aufgabe der Astronomie wird eine noch höhere sein. Nachdem sie euch zum Bewußtsein gebracht, zu der Erkenntnis geführt haben wird, daß die Erde nur eine Stätte im himmlischen Vaterland und daß der Mensch ein Bürger des Himmels ist, wird sie weiter gehen. Mit der Enthüllung des Planes, nach welchem das physische Universum aufgebaut ist, wird sie zeigen, daß die gesamte moralische Welt auf demselben Plan beruht, daß beide Welten nur eine und dieselbe Welt bilden, und daß der Geist den Stoff beherrscht. Was sie aber hinsichtlich des R a u m s gethan haben wird, das wird sie auch bezüglich der Z e i t thun. Nachdem ihr die Unendlichkeit des Raums in ihrer ganzen Bedeutung gewürdigt und erkannt haben werdet, daß dieselben Gesetze gleichzeitig allerorten herrschen und aus dem Universum eine einzige Einheit machen, werdet ihr erfahren, daß die Jahrhunderte der Vergangenheit und der Zukunft mit der Gegenwart zusammenhängen und daß die denkenden Monaden durch aufeinanderfolgende und fortschreitende Umwandlungen ewig fortleben werden; ihr werdet erfahren, daß es unvergleichlich höhere Geister giebt als die größten Geister in dem irdischen Menschengeschlecht und daß alles sich nach der höchsten Vollendung hinbewegt; ihr werdet erfahren, daß auch die stoffliche Welt nur ein Schein ist und daß das wirkliche Wesen in einer unwägbaren, unsichtbaren und unberührbaren Kraft besteht.

Die Sternkunde wird also in hervorragender Weise und vor allem die Richtschnur der Philosophie sein. Diejenigen, welche folgern werden, ohne astronomisches Wissen mit in Rechnung zu ziehen, werden an der Wahrheit vorbeigehen. Diejenigen aber, welche ihrer Fackel getreulich folgen werden, werden sich stufenweise in der Lösung der großen Aufgaben erheben.

Die astronomische Philosophie wird die Religion der höheren Geister sein.

Du sollst,« fügte sie hinzu, »diese doppelte Umgestaltung der Wissenschaft miterleben. Wenn du die irdische Welt verlassen wirst, wird jene astronomische Wissenschaft, welche du schon mit allem Recht bewunderst, in ihrer Form wie in ihrem Geiste gänzlich erneuert sein.

Aber das ist noch nicht alles. Diese Erneuerung einer uralten Wissenschaft würde dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit wenig nützen, wenn jene erhabenen Kenntnisse, welche den Geist entfalten, die Seele erleuchten und über die mittelmäßigen Geister erheben, auf den engen Kreis der Astronomen von Beruf beschränkt blieben. Auch diese Zeit wird vergehen. Der Scheffel muß umgestoßen werden. Man muß die Fackel in die Hand nehmen, ihren Schein verstärken, sie auf die öffentlichen Plätze, in die volkreichen Straßen, bis in die Volksversammlungen tragen. Jedermann ist berufen, das Licht zu empfangen; jedermann dürstet darnach, besonders die Geringen, die vom Glück Enterbten; denn diese denken mehr, sind wißbegieriger, während die mit ihrem Geiste Zufriedenen ihre Unwissenheit nicht ahnen und beinahe stolz darauf sind, darin zu verharren. Ja, das Licht der Astronomie muß über die Welt ausgegossen werden; es muß bis in die Massen des Volks eindringen, die Gewissen erleuchten, die Herzen erheben. Und gerade dies wird seine schönste Sendung sein; gerade darin wird seine wohlthätige Wirkung bestehen.«


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Kapitel V.
Das Licht aus vergangenen
Jahrhunderten – Die Enthüllungen der Muse

Also sprach meine himmlische Führerin. Ihr Gesicht war schön wie der Tag, ihre Augen glänzten hell, ihre Stimme glich einer göttlichen Musik. Ich sah, wie die Welten im Raume uns umkreisten, und ich fühlte, daß eine unendliche Harmonie die Natur regiert.

»Jetzt wollen wir auf die Erde zurückkehren,« sagte Urania zu mir und deutete mit dem Finger nach der Stelle, wo unsere Erdensonne verschwunden war. »Doch siehe wieder um dich. Du hast begriffen, daß der Raum unendlich ist; du wirst auch begreifen, daß die Zeit ohne Ende ist.«

Wir flogen durch Sternbilder und kamen wieder auf das Sonnensystem zu. Ich sah wirklich die Sonne als einen kleinen Stern wieder erscheinen.

»Ich will dir auf einen Augenblick, wenn auch nicht das göttliche Schauen, so doch wenigstens das Gesicht der Engel verleihen. Deine Seele soll die Ätherschwingungen empfinden, die das Wesen des Lichtes ausmachen, und wissen, wie die Geschichte jeder Welt von Ewigkeit an in Gott liegt. Schauen heißt wissen. Sieh!«

Gleichwie ein Mikroskop uns eine Ameise in der Größe eines Elefanten zeigt; gleichwie es das Unsichtbare sichtbar machen kann, da es bis in die unendlich kleinen Teile eindringt: so erlangte mein Gesicht auf den Befehl der Muse plötzlich ein ungeahntes Wahrnehmungsvermögen und unterschied im Raume neben der sich verfinsternden Sonne die Erde, die aus einer unsichtbaren zur sichtbaren wurde.

Ich erkannte sie, und je mehr ich hinsah, um so mehr vergrößerte sich ihre Scheibe, welche das Ansehen des fast ganzen Vollmondes bot. Bald gelang es mir, in dieser sich vergrößernden Scheibe die geographischen Hauptansichten zu unterscheiden: den Schneeflecken des Nordpols, die Umrisse Europas und Asiens, die Nordsee, das Atlantische Meer und das Mittelländische. Je mehr ich meine Aufmerksamkeit darauf richtete, desto mehr erblickte ich. Die Einzelheiten wurden mehr und mehr bemerkbar, wie wenn ich mit mikroteleskopischen Augengläsern stufenweise gewechselt hätte.


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Ich erkannte die geographische Gestalt Frankreichs; aber unser schönes Vaterland kam mir ganz grün vor, vom Rhein bis zum Ocean und vom Kanal bis zum Mittelländischen Meer, wie wenn es von einem einzigen und ungeheuren Wald bedeckt gewesen wäre. Doch gelang es mir, die geringsten Einzelheiten immer besser zu unterscheiden, denn die Alpen, die Pyrenäen, der Rhein, die Rhône, die Loire waren leicht erkenntlich.

»Richte deine Aufmerksamkeit scharf auf das Bild,« versetzte meine Begleiterin.

Mit diesen Worten setzte sie ihre feinen Fingerspitzen auf meine Stirne, wie wenn sie mein Gehirn hätte magnetisieren und meinen Sinnen ein noch größeres Wahrnehmungsvermögen hätte geben wollen.

Nun drang ich noch aufmerksamer durch die Einzelheiten des Gesichts und hatte Gallien zur Zeit Julius Cäsars vor Augen. Es war zur Zeit des durch den Patriotismus des Vercingetorix angefachten Unabhängigkeitskriegs. Ich sah diese Bilder von oben herab, wie man die Mondlandschaften mit dem Teleskop oder eine Gegend von der Gondel eines Ballons aus sieht; aber ich erkannte Gallien, die Auvergne (Arvernia) mit Gergovia, den PuydeDôme, die erloschenen Vulkane, die Seen, und in Gedanken stellte ich mir leicht den gallischen Schauplatz vor, von dem ein Abriß vor mir lag.


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»Wir sind so fern von der Erde,« sagte Urania, »daß das Licht die ganze seit Julius Cäsar verflossene Zeit braucht, um von dort bis hierher zu kommen. Wir empfangen jetzt hier nur diejenigen Lichtstrahlen, welche zu jener Zeit von der Erde ausgingen. Dennoch läuft das Licht im Äther mit einer Schnelligkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde. Das ist schnell, sehr schnell, aber nicht bloß in diesem Augenblick. Die Astronomen der Erde, welche jetzt die in unserem Abstand liegenden Sterne beobachten, sehen dieselben nicht, wie sie gegenwärtig sind, sondern so, wie sie waren, als die erst heute zu ihnen gelangenden Lichtstrahlen von diesen Sternen ausgingen, d. h. so wie sie vor 18 Jahrhunderten waren.

Von der Erde, wie von keinem Punkt im Raume, sieht man je die Gestirne, wie sie sind, sondern so, wie sie gewesen sind. Man ist über ihre Geschichte um so mehr im Rückstand, je weiter man von ihnen entfernt ist.

Ihr beobachtet mit dem Teleskop sorgfältigst Sterne, welche nicht mehr vorhanden sind. Sogar mehrere der Sterne, die ihr mit bloßem Auge seht, sind nicht mehr da. Mehrere unter den Nebelsternen, deren Bestandteile ihr mit dem Spektroskop zerlegt, sind Sonnen geworden. Mehrere eurer schönsten roten Sterne sind jetzt erloschen und ohne Leben: wenn ihr euch ihnen nähertet, würdet ihr sie nicht mehr sehen.

Das Licht, welches von allen die Unermeßlichkeit erfüllenden Sonnen ausgegangen ist, sowie das von allen durch diese Sonnen erleuchteten Welten in den Raum zurückgeworfene Licht trägt die Photographien aller Jahrhunderte, aller Tage, aller Augenblicke durch den unendlichen Himmelsraum hindurch. Wenn man ein Gestirn betrachtet, so sieht man es so, wie es in dem Augenblick war, wo das Lichtbild, das man davon auffängt, von ihm ausging, gerade wie man beim Hören einer Glocke den Schall empfängt, nachdem er ausgegangen ist, und das um so länger nachher, je weiter man von ihr entfernt ist.

Daraus ergiebt sich, daß die Geschichte aller Welten gegenwärtig im Raum dahinzieht, ohne jemals schlechtweg zu verschwinden, und daß alle vergangenen Ereignisse in dem Schoß der Unendlichkeit unzerstörbar gegenwärtig sind.

Die Dauer des  A l l s  wird kein Ende nehmen. Die Erde wird enden und einstens nur noch ein Grab sein. Aber es werden neue Sonnen und neue Erden da sein, neue Frühlinge und neues Lächeln, und stets wird das Leben blühen in dem grenzen- und endlosen All.

Ich habe dir zeigen wollen,« sagte sie nach kurzer Pause, »wie die Zeit ewig ist. Du hattest die Unendlichkeit des Raumes empfunden und die Größe des Weltalls begriffen. Jetzt ist deine Himmelsreise vollendet. Nähern wir uns der Erde wieder, und kehre in deine Heimat zurück.


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Was dich betrifft,« fügte sie noch hinzu, »so wisse, daß das Studium die einzige Quelle jeder intellektuellen Bedeutung ist und daß die Kenntnis des menschlichen Herzens zur Nachsicht und Güte leitet; sei nie weder arm noch reich, hüte dich vor jedem Ehrgeiz wie vor jeder Kriecherei; sei unabhängig: die Unabhängigkeit ist das seltenste der Güter und die erste Bedingung des Glücks.«

Urania sprach in ihrem sanften Tone. Aber die durch alle diese außerordentlichen Gemälde hervorgerufene Erregung hatte mein Gehirn so erschüttert, daß ich plötzlich tief erbebte. Ein Schauder überlief mich vom Kopf bis zu den Füßen und zweifelsohne führte dies mein rasches Erwachen mitten in einer lebhaften Aufregung herbei. Ach! diese entzückende Himmelsreise war zu Ende.

Ich suchte Urania und fand sie nicht. Ein Mondstrahl, der durch mein Zimmerfenster fiel, hatte gerade mit dem Rand eines Vorhangs gespielt und schien die luftige Gestalt meiner himmlischen Führerin unbestimmt hinzuzeichnen; doch es war nur ein Mondstrahl.


Als ich tags darauf wieder auf die Sternwarte kam, war mein erster Gedanke, unter irgend einem Vorwande in das Kabinett des Direktors zu eilen und die liebliche Muse wiederzusehen, welche mich mit einem solchen Traum beschenkt hatte.

Die Standuhr war verschwunden! — An ihrer Stelle thronte die weißmarmorne Büste des berühmten Astronomen.

Ich suchte in andern Zimmern und, unter tausend gelegentlichen Vorwänden, bis in die Wohnräume; doch sie war fort.

Tagelang, wochenlang suchte ich, ohne daß es mir gelang, sie wieder zu sehen, noch auch nur zu erfahren, was aus ihr geworden war. —

Ich hatte einen Freund, einen Vertrauten, der etwa ebenso alt war wie ich, obgleich er wegen seines aufsprossenden Bartes etwas weniger jung schien, aber auch ein ebenso starker Idealist und vielleicht ein noch größerer Träumer; überdies der einzige unter dem ganzen Personal der Sternwarte, mit welchem ich je einen engeren Freundschaftsbund geschlossen habe. Er teilte meine Freuden und meine Leiden. Wir hatten denselben Geschmack, dieselben Ideen, dieselben Gefühle. Er hatte sowohl meine jugendliche Bewunderung für eine Statue und die Personifizierung verstanden, durch welche meine Phantasie sie belebt hatte, als auch die Schwermut darüber, meine liebe Urania gerade in dem Augenblick verloren zu haben, wo sie mich so ganz für sich eingenommen hatte. Er hatte mehr als einmal die Lichteffekte auf ihrer himmlischen Physiognomie bewundert und über meine Verzückungen lächelnd wie ein erwachsener Bruder, ging er, wenn er mich manchmal etwas scharf über meine Zärtlichkeit für ein Idol neckte, so weit, mich »Camille Pygmalion« zu nennen. Aber eigentlich sah ich bald, daß auch er sie liebte.

Dieser Freund, der mir leider einige Jahre nachher in der vollen Blüte der Jugend entrissen werden sollte, dieser gute Georges Spero, ein eminenter Kopf und hochherzig, dessen Andenken mir ewig teuer bleiben wird, war damals der Privatsekretär des Direktors, und seine so aufrichtige Zuneigung wurde mir bei diesem Umstand durch eine ebenso feine als unvorhergesehene Aufmerksamkeit bewiesen.

Als ich nämlich eines Tages nach Hause kam, sah ich mit fast ungläubigem Staunen die berühmte Stutzuhr gerade vor mir auf meinem Kamin stehen! —

Sie war es ja! Aber wie war sie dahin gekommen? Auf welchem Wege? Woher?

Ich erfuhr, daß der berühmte Urheber der Entdeckung Neptuns sie einem der ersten Pariser Uhrmacher zur Ausbesserung geschickt hatte, daß dieser eine höchst interessante alte astronomische Uhr aus China erhalten und deren Umtausch angeboten hatte, der auch angenommen worden war, und daß Georges Spero, welcher mit dem Abschluß des Geschäfts beauftragt worden war, das Werk Pradiers zurückgekauft hatte, um es mir zur Erinnerung an die Mathematikstunden anzubieten, welche ich ihm gegeben hatte.

Mit welcher Freude sah ich meine Urania wieder! Mit welchem Glück weidete ich meine Augen an ihr! Diese liebliche Personifikation der Muse des Himmels hat mich seitdem nie verlassen. In meinen Stunden des Forschens stand die schöne Statue vor mir und schien mich an die Ansprache der Göttin zu erinnern, mir die Bestimmung der Astronomie zu verkündigen, mich zu meinen jugendlichen wissenschaftlichen Bestrebungen zu leiten. Seitdem haben leidenschaftlichere Erregungen meine Sinne bethören, fesseln, beunruhigen können; aber ich werde nie die ideale Empfindung vergessen, welche die Sternmuse mir eingeflößt hatte, noch die Himmelsreise, auf welche sie mich mitnahm, noch die unerwarteten Rundblicke, welche sie vor meinem Auge entrollte, noch die Wahrheiten, die sie mir über Ausdehnung und Bau des Weltalls offenbarte, — noch endlich das Glück, das sie mir verlieh, indem sie meinem Geiste die ruhigen Betrachtungen in Natur und Wissenschaft für immer als Lebensaufgabe vorzeichnete.


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Zweiter Teil. Georges Spero


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Kapitel I.
Das Leben – Die Forschung – Das Studium

Die Abendsonnenglut durchströmte die Atmosphäre wie wunderbare Goldstrahlen. Von den Anhöhen von Passy aus erging sich der Blick über die ungeheure Stadt, welche damals mehr als je nicht eine Stadt, sondern eine Welt war. Die Weltausstellung von 1867 hatte in diesem kaiserlichen Paris alles vereinigt, was das Jahrhundert Anziehendes und Verführerisches bot. Die Blüten der feinen Bildung glänzten dort in ihren lebhaftesten Farben und welkten hin in der Glut ihres eigenen Duftes.

Die Herrscher Europas hatten soeben eine lärmende Fanfare gehört, die letzte der Monarchie: die Wissenschaften, die Künste, die Industrie streuten ihre neuen Schöpfungen in unerschöpflicher Freigiebigkeit aus. Wesen und Dinge erschienen in einer Art allgemeiner Trunkenheit. Regimenter marschierten auf mit Musik an der Spitze; Wagen kreuzten sich pfeilschnell nach allen Seiten; Millionen Menschen wogten im Staube der Alleen, der Quais, der Boulevards hin und her; aber selbst dieser Staub, vergoldet durch die Strahlen der untergehenden Sonne, ward zum Glorienschein über der glänzenden, prächtigen Stadt. Die hohen Gebäude, die Dome, die Türme der Schlösser und Kirchen erglänzten im Widerschein des flammenden Gestirns; in der Ferne hörte man durch Orchestertöne hindurch das verworrene Gemurmel von Stimmen und verschiedene Geräusche, und dieser lichte Abend als Schluß eines blendenden Sommertages ließ in dem Gemüt ein Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks zurück. Die Äußerungen der Lebenskraft eines großen, auf dem Höhepunkt seines Lebens und seines Glückes angekommenen Volkes drängten sich hier gewissermaßen in einem Punkte zusammen.

Von den Anhöhen von Passy, von der Terrasse eines hängenden Gartens aus, wie in den Tagen Babylons über dem trägen Lauf des Stromes, betrachten zwei sich an die Steineinfassung anlehnende Wesen das geräuschvolle Schauspiel. Die wogende Oberfläche dieses Meeres von Menschen überschauend, in ihrer stillen Einsamkeit glücklicher als alle Atome dieser wirbelnden Masse, gehören sie nichtzur gemeinen Welt und schweben über diesem Treiben in der reinen Höhe ihres Glückes. Ihre Geister denken, ihre Herzen lieben, oder um dieselbe Thatsache genauer auszudrücken: ihre Seelen leben.


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In der jugendlichen ihres achtzehnten Frühlings läßt das junge Mädchen ihren träumerischen Blick über die Verherrlichung der untergehenden Sonne dahingleiten, glücklich, daß sie lebt, noch glücklicher, daß sie liebt. Sie denkt gar nicht an die Millionen menschlicher Wesen, welche zu ihren Füßen sich drängen; ohne sie zu sehen, betrachtet sie die glühende Sonnenscheibe, welche hinter den purpurnen Abendwolken hinabsinkt, sie atmet die von dem Duft der Rosenguirlanden des Gartens erfüllte Luft und empfindet in ihrem ganzen Wesen jene Ruhe inneren Glückes, welches in ihrem Herzen einen unaussprechlichen Hymnus der Liebe ertönen läßt. Ihr blondes Haar umgiebt ihre Stirne mit einem duftigen Glorienschein und fällt in reichen Ringeln auf ihren feinen und schlanken Wuchs herab; ihre blauen, von langen schwarzen Wimpern eingefaßten Augen erscheinen wie ein Abglanz des reinen Himmels; ihre weißen Arme, ihr Hals verraten eine zarte Gestalt; ihre Wangen und Ohren sind lebhaft gefärbt; in dem Gesamtbild ihrer Person erinnert sie ein wenig an jene kleinen Marquisen der Maler des 18. Jahrhunderts, welche sich ihres eingezogenen Lebens nicht sehr lange erfreuen sollten. Sie steht aufrecht. Ihr Gefährte, der kaum erst seinen Arm um sie gelegt hatte, als er mit ihr das Gemälde von Paris betrachtete und den Tönen der KaiserGardenMusik lauschte, hat sich neben sie gesetzt. Seine Augen haben Paris und den Sonnenuntergang vergessen, um nur noch seine anmutige Freundin zu sehen, und ohne es selbst zu merken, betrachtet er sie mit einem eigentümlich starren und sanften Blicke und bewundert sie, wie wenn er sie zum ersten Male sähe, kann sich nicht abwenden von diesem herrlichen Profil und umgiebt sie mit seinem Blick wie mit einem magnetischen Zauber.


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Der junge Studierende blieb in diese Betrachtung versunken. War er mit 25 Jahren noch ein Student? Aber ist man es denn nicht immer? Und nannte sich unser damaliger Lehrer, Herr Chevreul, in seinem 103. Jahre nicht erst gestern noch den Alterspräsidenten der Studenten Frankreichs? Georges Spero hatte seine Lycealstudien, die nichts lehren, außer wie man arbeitet, schon sehr frühe beendigt und verfolgte die Lösung der großen Probleme der Naturwissenschaften mit unermüdlichem Eifer. Die Astronomie insbesondere hatte von Anfang an seinen Geist entflammt, und ich hatte ihn gerade an der Pariser Sternwarte kennen gelernt, wo er seit seinem 16. Jahre eingetreten war und eine recht sonderbare Eigenheit, nämlich die, keinen Ehrgeiz zu besitzen und keine Beförderung zu wünschen, sich bemerklich gemacht hatte. Im Alter von 16 Jahren wie in dem von 25 glaubte er sich am Vorabend seines Todes, dachte vielleicht, daß das Leben wirklich schnell vergehe und daß es überflüssig sei, etwas außer der Wissenschaft zu wünschen, überflüssig, nach etwas zu streben, was mehr sei als das Glück, zu forschen und kennen zu lernen. Er war wenig mitteilsam, obgleich sein Charakter im Grunde der eines fröhlichen Kindes war. Von äußerst zarter Empfindung blieben seine Beziehungen zu den Menschen im allgemeinen in sehr engen Grenzen; denn die geringste Enttäuschung verursachte ihm ein wirkliches Seelenleiden. Sein sehr kleiner und sehr anmutig geschwungener Mund schien zu lächeln, wenn man die Mundwinkel aufmerksam betrachtete; sonst aber schien er eher nachdenklich und schweigsam. Seine Augen, deren unbestimmte Farbe an das Blaugrün am Horizont des Meeres erinnerte und sich je nach dem Lichte und den inneren Erregungen veränderte, sprühten von lebendigem innerem Feuer und zeigten gewöhnlich eine große Sanftmut; aber unter gewissen Umständen hätte man sie für vom Blitz entflammt, oder auch eiskalt halten können. Der Blick war tief, manchmal unergründlich und sogar seltsam, rätselhaft. Das Ohr war klein und anmutig gerändert, das Ohrläppchen gut entwickelt und leicht abstehend, was bei den Physiognomen für ein Zeichen von Geistesschärfe gilt. Die Stirne war breit, obgleich der Kopf eher klein war und nur durch ein schönes, schillerndes, lockiges Haar größer schien. Sein Bart war fein, kastanienbraun wie seine Haare und leicht gekräuselt. Von mittlerem Wuchse, machte seine ganze Person den Eindruck der Vornehmheit, aber einer angeborenen, ebenso anspruchslos als zwanglos bewahrten Vornehmheit.

Weder meine Freunde noch ich hatten je irgendwie Kameradschaft mit ihm gepflogen. An freien Tagen, in den Stunden des Vergnügens war er nie da. Beständig in seine Studien vertieft, hätte man glauben können, daß er sich rastlos der Auffindung des Steins der Weisen, der Quadratur des Kreises oder des perpetuum mobile gewidmet hätte. Nie habe ich einen Freund von ihm kennen gelernt, wenn ich es nicht selbst bin; auch bin ich nicht sicher, sein volles Vertrauen besessen zu haben. Übrigens hat er auch vielleicht in seinem Leben kein anderes Herzensgeheimnis gehabt als das, zu dessen Darsteller ich mich mache, und das ich, wenn auch nicht als Vertrauter, so doch als Augenzeuge genau kennen lernen konnte.

Das Rätsel der Seele nahm sein Denken beständig in Anspruch. Manchmal vertiefte er sich mit so angestrengter Kopfarbeit in die Erforschung des Unbekannten, daß er unter dem Schädel ein Kribbeln empfand, bei dem seine ganze Denkfähigkeit zu schwinden schien. Besonders wenn er lange über die Bedingungen der Unsterblichkeit nachgedacht hatte, sah er auf einmal das ephemere Leben der Gegenwart vor sich verschwinden und die endlose Ewigkeit vor seinem Geiste sich aufthun. Bei diesem Schauen seiner mitten in die Ewigkeit versetzten Seele wollte er w i s s e n . Der Anblick eines bleichen und erstarrten Leichnams, der in ein Schweißtuch eingehüllt, in einem Sarge ausgestreckt, dem engen Grabe, der letzten und schauerlichen Wohnung unter dem Grashügel, in dem die Grille zirpt, übergeben wird, brachte sein Denken nicht so aus der Fassung, als die Ungewißheit über die Zukunft. »Was wird aus mir werden? Was wird aus uns?« fragte er wiederholt, von einer fixen Idee beherrscht. »Wenn wir im Tode ganz untergehen, welch alberne Posse ist dann das Leben mit seinen Kämpfen und Hoffnungen? Sind wir aber unsterblich, was thun wir dann während der unendlichen Ewigkeit? Wo werde ich, wo werden alle Erdenbewohner in hundert Jahren sein? Und die Bewohner aller Welten? Für immer sterben, nur einen Augenblick gelebt zu haben: wie lächerlich! Wäre es nicht hundertmal besser, nicht gelebt und nicht gelitten zu haben? Wenn es uns aber bestimmt ist, ewig zu leben, ohne je etwas an dem Verhängnis ändern zu können, das uns mit sich zieht, und immer die endlose Ewigkeit vor uns zu haben, wie können wir dann den Druck einer solchen Bestimmung ertragen? Ist dies das Geschick, das uns erwartet? Wenn wir je einmal lebensmüde wären, so wäre es uns untersagt zu fliehen, und unmöglich, ein Ende zu machen! Dies wäre eine noch unverzeihlichere Grausamkeit, als die eines kurzdauernden Lebens, das erlischt, wie der Flug einer Mücke erlahmt beim Eintritt des Frostes.


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Warum sind wir denn geboren? Um in Ungewißheit zu schmachten? Um nicht eine einzige unserer Hoffnungen nach der Prüfungszeit bestehen bleiben zu sehen? Um wie Stumpfsinnige zu leben, wenn wir  n i c h t  denken, und wie Narren,  w e n n  wir es thun? In nichts Zweck, noch Folgerichtigkeit! ... Und man redet uns von einem ›lieben Gott‹! Und es giebt Religionen, Priester, Seelenhirten, Rabbiner, Bonzen! Doch dieses Menschengeschlecht ist nur eine Rasse von betrogenen Betrügern. Die Religion ist das Vaterland wert und der Priester den Soldaten. Die Männer aller Nationen sind bis an die Zähne bewaffnet, um sich wie Dummköpfe einander umzubringen. Nun! das ist auch das Klügste, was sie thun können: es ist der beste Dank, den sie der Natur für das dumme Geschenk abstatten können, das sie ihnen damit machte, daß sie ihnen das Leben gab.«

Ich versuchte, ihn zu beruhigen, da ich mir eine Philosophie zurechtgelegt hatte, die mich einigermaßen befriedigte. »Die Furcht vor dem Tode,« sagte ich, »scheint mir durchaus unbegründet. Es sind nur zwei Annahmen zulässig. Wenn wir jeden Abend einschlafen, so steht es nicht in unserer Macht, am andern Morgen wieder aufzuwachen, und wenn wir darüber nachdenken, so hindert uns dies doch nicht, uns dem Schlaf zu überlassen.

Gleichwohl werden wir

1) entweder, wenn mit dem Leben alles aufhört, gar nicht mehr und nirgends wiedererwachen, und in diesem Falle ist es ein nicht beendigter Schlaf, der für uns ewig dauern wird; wir werden also darüber n i e etwas erfahren; oder wir werden


2) wenn die Seele den Körper überlebt, anderswo erwachen, um unsere Thätigkeit fortzusetzen. Dann kann aber dieses Erwachen nicht fürchterlich sein; es muß vielmehr entzückend sein, weil jede Daseinsform in der Natur aus irgend einem Grunde vorhanden ist, und weil jedes Geschöpf, das niedrigste wie das edelste, sein Glück in der Verwendung seiner Fähigkeiten findet.«


Dieses Raisonnement schien ihn zu beruhigen. Doch die Qualen des Zweifels stellten sich bald wieder ein und machten sich wie Dornen fühlbar. Manchmal irrte er auf den weithin ausgedehnten Friedhöfen von Paris umher, mit einem Blick, der sich unter den rechtwinklig aneinander gereihten Gräbern verlor, — jenen Denkmälern, die den Toten a n g e messen und genau nach dem menschlichen Nichts b e messen sind; er suchte dann die menschenleersten Wege zwischen den Gräbern auf und lauschte dem Rauschen des Windes in den Bäumen und dem Rascheln der dürren Blätter auf den Pfaden. Manchmal auch zog er sich in der Umgegend der Großstadt durch die Gehölze hindurch zurück, in denen unaussprechlich schwermütige Seufzer ertönten, und ganze Stunden lang ging er dahin im Selbstgespräch und verspätete sich bis in die Nacht hinein, (bis zum Mondschein) bis die Strahlen jener nächtlichen Sonne, welche für die Toten geschaffen zu sein scheint, sich über die Erde verbreiteten. Manchmal endlich verblieb er einen ganzen Tag lang in seinem Atelier am PanthéonPlatze, das ihm als Arbeitskabinett, als Schlafzimmer und als Empfangssalon zugleich diente, zerlegte da bis tief in die Nacht hinein ein von der Klinik mitgebrachtes Gehirn und studierte unter dem Mikroskop die in dünne Blättchen zerschnittene graue Substanz.


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Die Unsicherheit in den sogenannten positiven Wissenschaften, der plötzliche Stillstand seines Geistes in der Lösung von wissenschaftlichen Fragen versetzten ihn damals in helle Verzweiflung, und mehr als einmal fand ich ihn in träger Niedergeschlagenheit mit glänzend starren Augen, fieberglühenden Händen, beschleunigtem, unregelmäßigem Puls. Gerade in einer solchen Krise, wo ich ihn auf einige Zeit hatte allein lassen müssen, glaubte ich ihn nicht mehr lebend anzutreffen, als ich gegen 5 Uhr morgens wieder kam. Er hatte ein Glas mit Cyankalilösung neben sich stehen, welches er bei meinem Eintritt zu verbergen suchte. Aber mit großer Heiterkeit der Seele gewann er sofort seine Ruhe wieder und sagte mit flüchtigem Lächeln: »Wozu das? Wenn wir unsterblich sind, würde das ja doch zu nichts dienen. Aber ich wollte s o es schneller erfahren.« Er gestand mir an jenem Tag, daß es ihm vorgekommen wäre, als würde er unter Schmerzen an den Haaren bis an die Decke emporgehoben, um darauf mit seiner ganzen Schwere wieder auf den Fußboden zurückzufallen.

Die Gleichgültigkeit der Menge hinsichtlich dieses großen Rätsels der Bestimmung des Menschengeschlechts, einer Frage, die in seinen Augen alle andern übertraf, weil es sich um unser Sein oder Nichtsein handelt, war geeignet, ihn im höchsten Grade außer sich zu bringen. Er sah überall nur Leute, die den materiellen Interessen lebten, einzig darauf bedacht, »Geld zu machen«, die jeden Augenblick ihres Lebens unter den verschiedensten Formen jenen Interessen widmeten, und fand kein freies, unabhängiges Wesen, das ein geistiges Leben führte. Es schien ihm, als könnten, ja dürften denkende Wesen, ungeachtet sie an das Leben des Körpers gebunden sind, da es ja nicht anders thunlich ist, wenigstens nicht die Sklaven einer so groben Organisation  b l e i b e n, und als müßten sie ihre besten Augenblicke dem  h ö h e r e n  Leben widmen.

Zu der Zeit, wo unsere Erzählung beginnt, war Georges Spero schon berühmt, ja hervorragend durch seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten, die er veröffentlicht hatte, und durch mehrere Werke von hohem litterarischem Werte, welche seinem Namen den Beifall der ganzen Welt gewonnen haben. Obgleich er erst im 25. Lebensjahr stand, hatte schon mehr als eine Million seine Werke gelesen, die zwar nicht für das große Publikum geschrieben waren, die aber den seltenen Erfolg gehabt hatten, ebensosehr von der lernbegierigen Majorität als von der gebildeten Minorität richtig gewürdigt zu werden.


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Man hatte ihn als den Meister einer neuen Schule auf den Schild gehoben und ausgezeichnete Kritiker, die weniger seine äußerliche Persönlichkeit, noch sein Alter kannten, sprachen von seinen »Doktrinen«. Wie kam es nun, daß dieser eigenartige Philosoph, dieser strenge Forscher, zur Zeit des Sonnenuntergangs zu den Füßen eines jungen Mädchens und allein mit ihr auf jener Terrasse saß, wo wir sie vorhin antrafen? Die Fortsetzung dieser Erzählung wird es uns zeigen.


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Kapitel II.
Die Erscheinung – Die Reise nach Norwegen –
Die Gegensonne – Eine Begegnung am Himmel

Ihre erste Begegnung war wirklich eigentümlicher Art gewesen. Als leidenschaftlicher Beschauer der Naturschönheiten, immer auf der Suche nach großartigen Bildern, hatte der junge Naturforscher im vorhergehenden Sommer die Reise nach Norwegen in der Absicht unternommen, jene einsamen Fjorde, in welche das Meer tief eindringt, und jene Gebirge mit den schneeigen Gipfeln, die ihre fleckenlosen Häupter über die Wolken erheben, zu besichtigen und besonders mit dem lebhaften Verlangen, dort eingehende Studien über die Nordlichter, jene großartigen Erscheinungen in dem Leben unseres Planeten, zu machen. Auf dieser Reise hatte ich ihn begleitet. Die Sonnenuntergänge jenseits der ruhigen und tiefen Fjorde, das Aufgehen dieses glänzenden Gestirns über den Bergen erfüllten seine Künstler- und Dichterseele mit unaussprechlicher Empfindung. Wir blieben länger als einen Monat dort und durchstreiften die malerische Gegend, welche sich von Christiania bis an die skandinavischen Alpen erstreckt. Nun war Norwegen das Vaterland jenes Kindes des Nordens, welches einen so tiefen Eindruck auf sein noch schlummerndes Herz machen sollte. Sie stand da, einige Schritte von ihm, und dennoch wollte es der Zufall, dieser Gott der Alten, daß sie erst der Tag unserer Abreise zusammenführte.

Das Licht der Morgensonne vergoldete die fernen Gipfel. Die junge Norwegerin war von ihrem Vater auf einen jener Berge geführt worden, auf welchen sich so viele Touristen begeben, um, wie auf dem Rigi in der Schweiz, den Sonnenaufgang mitanzusehen, welcher an jenem Tage wundervoll gewesen war. Icléa war einige Schritte seitwärts auf eine Bergspitze gestiegen, um die Einzelheiten der Landschaft besser zu unterscheiden, als sie beim Umdrehen, mit dem Gesicht nach der der Sonne entgegengesetzten Seite gewendet, um den ganzen Horizont überblicken zu können, nicht mehr über dem Berge, noch auf der Erde, sondern im Himmelsraum selbst ihr eigenes Bild, ihre ganze Person sehr leicht erkenntlich gewahrte. Eine lichte Glorie umgab ihren Kopf und ihre Schultern mit einem glänzenden Kranz, und ein großer Luftkreis, der schwach in den Farben des Regenbogens schimmerte, umgab die geheimnisvolle Erscheinung.


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Betroffen von der Eigentümlichkeit des Schauspiels, und noch unter dem Eindruck der Pracht des Sonnenaufgangs stehend, bemerkte sie nicht sogleich, daß eine andere Gestalt die ihre begleitete, das Profil eines Männerkopfes als Silhouette eines unbeweglich in Betrachtung vor ihr stehenden Reisenden, der an jene Heiligenbilder erinnerte, die man auf den Kirchenpfeilern findet. Diese männliche Gestalt und die ihrige waren von demselben Luftkreis umrahmt. Plötzlich bemerkte sie dies sonderbare männliche Profil in der Luft, glaubte von einer phantastischen Vision getäuscht zu werden und machte verwundert eine Bewegung der Überraschung und fast des Schreckens. Ihr Luftbild machte dieselbe Bewegung, und sie sah, wie die Erscheinung des Reisenden die Hand nach dem Hute führte und das Haupt wie zum Gruße entblößte, dann die Schärfe der Umrisse verlor und gleichzeitig mit ihrem eigenen Bild erlosch.

Die Verklärung auf Tabor, wo die Jünger Jesu plötzlich am Himmel das Bild des Meisters in Begleitung desjenigen des Moses und Elias erblickten, versetzte ihre Zeugen in kein größeres Erstaunen, als dasjenige der unschuldigen, norwegischen Jungfrau beim Anblick dieser »Gegensonne« war, deren Theorie allen Meteorologen bekannt ist.


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Diese Erscheinung prägte sich wie ein wunderbarer Traum tief ihrem Denken ein. Sie hatte ihren Vater gerufen, der in kleiner Entfernung hinter der Bergspitze zurückgeblieben war; aber als er herbeikam, war alles verschwunden. Sie bat ihn um eine Erklärung, ohne eine andere Antwort zu erhalten, als die Äußerung eines Zweifels, oder gar eine Verneinung der Wirklichkeit des Phänomens. Dieser ausgezeichnete Mann, ein früherer höherer Offizier, gehörte zu jener Klasse von Skeptikern, welche einfach alles verneinen, was sie nicht wissen oder nicht verstehen. Das liebe Geschöpf mochte ihn noch so sehr versichern, daß sie ihr Bild am Himmel gesehen hätte — und sogar das eines Mannes, den sie für jung und von feinem Wesen hielt, — sie mochte die Einzelheiten der Erscheinung noch so oft erzählen und hinzufügen, daß die Gestalten ihr mehr als lebensgroß erschienen und riesigen Schattenbildern geglichen hätten, — er erklärte ihr ganz entschieden, daß man das optische Täuschungen heiße, welche die Phantasie besonders in den Jugendjahren hervorrufe, wenn man schlecht geschlafen habe.


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Als wir aber am Abend desselben Tages das Dampfboot bestiegen, bemerkte ich ein junges Mädchen mit etwas aufgelösten Haaren, welches meinen Freund mit unverhaltenem Erstaunen ansah. Sie stand auf dem Quai am Arme ihres Vaters und blieb da unbeweglich stehen, wie die in eine Salzsäule verwandelte Frau des Lot. Ich zeigte sie Georges gleich bei unserer Ankunft auf dem Schiffe; aber kaum hatte er den Kopf nach ihr umgedreht, so sah ich, wie die Wangen des jungen Mädchens sich purpurrot färbten, und sofort wandte sie den Blick ab, um ihn auf das Rad des Fahrzeugs zu richten, das sich in Bewegung zu setzen begann. Ich weiß nicht, ob Spero darauf acht gab. In der That hatte keiner von uns am Morgen etwas von der Lufterscheinung gesehen, wenigstens nicht in dem Augenblick, wo das junge Mädchen in unsere Nähe gekommen war; und sie selbst war uns durch ein dichtes Gesträuch verborgen geblieben: der Osten, die Pracht des Sonnenaufgangs hatte uns besonders angezogen. Mittlerweile grüßte er Norwegen, welches er nur ungern verließ, mit derselben Bewegung, mit der er die aufgehende Sonne begrüßt hatte; und die Unbekannte bezog diesen Gruß auf sich.

Zwei Monate später hielt der Graf K... in Paris gelegentlich eines neuen Triumphs seiner Landsmännin Christine Nilsson eine zahlreiche Gesellschaft. Die junge Norwegerin und ihr Vater, die nach Paris gekommen waren, um einen Teil des Winters dort zuzubringen, waren auch unter der Zahl der Gäste; sie kannten sich seit langer Zeit als Landsleute, da ja Schweden und Norwegen Schwestern sind. Wir dagegen kamen zum ersten Male hin und verdankten unsere Einladung dem Erscheinen des letzten Buches Speros, das schon durch einen glänzenden Erfolg berühmt geworden war. Träumerisch, gedankenvoll, fein gebildet durch die gediegene Erziehung der Länder des Nordens, nach Kenntnissen begierig, hatte Icléa wiederholt mit Interesse jenes etwas mystische Buch gelesen, in dem der neue Metaphysiker die Bedrängnisse seiner durch die »Gedanken« Pascals nicht beruhigten Seele dargelegt hatte. Zu erwähnen ist noch, daß sie seit mehreren Monaten die Prüfung für das höhere Lehrfach mit Erfolg bestanden hatte und nach Verzicht auf das Studium der Medizin, zu dem sie sich anfangs hingezogen fühlte, gerade anfing, sich mit den neuesten Untersuchungen der psychologischen Physiologie bekannt zu machen.

Als »Herr Georges Spero« angekündigt wurde, hatte es ihr geschienen, als wäre eben ein unbekannter Freund, ja ein Geistesverwandter eingetreten. Sie erbebte wie von einem elektrischen Schlage berührt. Er dagegen, wenig Weltkind, schüchtern, in Gesellschaft Unbekannter befangen, weder Tänzer, noch Spieler, oder Plauderer, war, ziemlich gleichgültig gegen Walzer und Quadrillen, aber aufmerksam auf einige mit Gefühl vorgetragene neuere Musikstücke, ruhig in derselben Saalecke neben einigen Freunden sitzen geblieben und hatte den ganzen Abend verstreichen lassen, ohne sich ihr zu nähern, obgleich er sie bemerkt und in jener ganzen blendenden Abendgesellschaft nur sie gesehen hatte. Ihre Blicke waren sich mehrmals begegnet. Gegen das Ende, gegen zwei Uhr morgens, wo die Gesellschaft sich näher aneinander anschloß, wagte er es, zu ihr zu kommen, ohne jedoch sie anzureden. Sie sprach zuerst mit ihm, um ihm einen Zweifel über den Schluß seines Buches auszudrücken.


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Sich geschmeichelt fühlend, aber noch mehr überrascht, daß jene metaphysischen Blätter eine Leserin, und zwar eine Leserin von solchem Alter hatten, antwortete der Verfasser ziemlich ungeschickt, daß diese Untersuchungen für eine Frau eine etwas ernste Sache wären. Sie erwiderte, daß die Frauen, die jungen Mädchen nicht immer ausschließlich in der Koketterie aufgingen und daß sie deren kenne, welche zuweilen dächten, suchten, arbeiteten, studierten. Sie redete mit ziemlicher Lebhaftigkeit, um die Frauen gegen die wissenschaftliche Geringschätzung gewisser Männer zu verteidigen und für ihre geistige Befähigung einzutreten, und es fiel ihr nicht schwer, eine Sache zu gewinnen, deren Gegner ja der Angeredete überdies in keiner Weise war.

Dieses neue Buch, dessen Erfolg trotz der Wichtigkeit des Gegenstandes ein sofortiger und glänzender war, hatte den Namen Georges Speros mit einem wahren Nimbus von Berühmtheit umgeben, und der bedeutende Schriftsteller wurde überall in den Salons mit lebhafter Sympathie empfangen. Die beiden jungen Leute hatten kaum einige Worte gewechselt, so sah er sich als den Mittelpunkt der Freunde des Hauses und genötigt, verschiedene Fragen zu beantworten, welche ihr ungestörtes Zusammensein unterbrachen.

Einer der hervorragendsten Kritiker jener Zeit, SainteBeuve, hatte gerade dem neuen Werke einen langen Artikel gewidmet, und die allgemeine Unterhaltung drehte sich um den Gegenstand des Buches. Icléa hielt sich abseits. Sie fühlte, und die Frauen irren sich darin selten, daß der Held der Unterhaltung sie bemerkt hatte, daß sein Denken mit dem ihrigen schon durch ein unsichtbares Band verbunden war und daß bei der Antwort auf mehr oder weniger banale Fragen sein Geist nicht ganz bei der Sache war. Dieser erste innere Triumph genügte ihr; sie wünschte keine andern. Und dann hatte sie auch in seinem Profil den geheimnisvollen Schatten der Lufterscheinung und den jungen Reisenden auf dem Schiff zu Christiania erkannt.


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Bei dieser ersten Zusammenkunft unterließ er nicht, ihr seine Begeisterung über die wunderbar schön gelegenen Punkte Norwegens zu bezeugen und seine Reise zu erzählen. Sie brannte vor Erwartung, irgend ein Wort, eine Anspielung auf jenes Luftbild zu hören, was sie so sehr befremdet hatte, und verstand sein Schweigen, seine Bescheidenheit nicht. Er aber, der die Nebensonne in dem Augenblick nicht bemerkt hatte, in welchem ihr eigener Schatten darauf gefallen war, hatte nichts Besonderes an einer Erscheinung wahrgenommen, die er schon mehrmals und unter günstigeren Bedingungen von oben herab aus der Gondel eines Ballons studiert hatte, und konnte nichts darüber sagen. Auch den Augenblick der Einschiffung konnte er sich nicht mehr vorstellen, und obgleich das blonde Kind ihm gar nicht fremd vorkam, so erinnerte er sich doch nicht, mit ihr zusammengetroffen zu sein. Was mich betrifft, so hatte ich sie sofort erkannt. Er plauderte mit ihr über Seen, Flüsse, Fjorde, Berge, und erfuhr von ihr, daß ihre Mutter sehr jung an einem Herzleiden gestorben war, daß ihr Vater das Leben in Paris jedem andern vorzog, und daß sie ohne Zweifel nur noch sehr selten in ihr Vaterland zurückkehren würde.

Eine bemerkenswerte Gleichheit des Geschmacks und der Vorstellungen, eine lebhafte gegenseitige Sympathie und Achtung setzten sie sofort in Beziehung zu einander. Auf englische Art erzogen, bewegte sie sich in jener Unabhängigkeit des Geistes und jener Freiheit des Handelns, welche die Frauen in Frankreich erst nach dem Eintritt in die Ehe kennen lernen, und sie fühlte sich durch keine jener konventionellen Rücksichten gebunden, welche bei uns bestimmt zu sein scheinen, Unschuld und Tugend zu beschützen.

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Zwei Freundinnen ihres Alters waren sogar schon allein nach Paris gekommen, um ihre musikalische Ausbildung zu vollenden, und sie lebten mitten in dem Babylon beisammen, übrigens vollkommen sicher, ohne je die Gefahren geahnt zu haben, von denen Paris erfüllt sein soll. Das junge Mädchen empfing die Besuche Georges Speros, wie ihr Vater selbst sie hätte empfangen können, und in einigen Wochen hatte die Verwandtschaft ihrer Charaktere und ihrer Geschmacksrichtungen sie in denselben Studien, in denselben Forschungen, oft in denselben Gedanken vereinigt. Fast jeden Tag rich tete er, einem geheimen Zuge folgend, seine Schritte vom lateinischen Viertel nach den Ufern der Seine, denen er bis zum Trocadero folgte, und brachte mehrere Stunden mit Icléa, sei es in der Bibliothek oder auf der Terrasse des Gartens oder auch auf einem Spaziergang im »Wäldchen« zu.

Der durch die Erscheinung am Himmel bewirkte erste Eindruck war in Icléas Seele haften geblieben. Sie betrachtete den jungen Gelehrten, wenn auch nicht wie einen Gott oder Helden, so doch wenigstens wie einen seine Zeitgenossen übertreffenden Menschen. Das Lesen seiner Werke befestigte diesen Eindruck und erhöhte ihn noch mehr; sie empfand für ihn mehr als Bewunderung, eine wirkliche Verehrung. Nachdem sie ihn persönlich kennen gelernt hatte, verlor der große Mann nichts in ihren Augen. Sie fand ihn so ungewöhnlich, so transcendent in seinen Studien, in seinen Arbeiten, in seinen Untersuchungen und zugleich so einfach, so aufrichtig, so gut und so nachsichtig gegen alle; und indem sie jeden Vorwand benutzte, um seinen Namen aussprechen zu hören, mußte sie manchmal so ungerechte Kritiken von Nebenbuhlern mit anhören, daß sie anfing, ihn mit einem fast mütterlichen Gefühl zu lieben. Besteht denn dieses Gefühl beschützender Zuneigung schon in dem Herzen der jungen Mädchen?


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Vielleicht, aber sicher liebte sie ihn zuerst so. Ich glaube, schon weiter oben gesagt zu haben, daß der Charakter dieses Denkers einen melancholischen Grundzug hatte, etwas von jener Schwermut der Seele an sich trug, von welcher Pascal redet, und welche dem Heimweh nach dem Himmel gleicht. Er suchte in der That beständig die Lösung des ewigen Rätsels, das »Sein oder Nichtsein« Hamlets. Manchmal konnte man ihn traurig sehen, betrübt bis in den Tod. Doch, seltsamer Widerspruch, sobald seine trüben Gedanken sozusagen im Forschen sich verzehrt hatten, sobald sein erschöpftes Gehirn die Fähigkeit verlor, noch zu schwingen, kam es wie eine Ruhe, wie eine Aufheiterung über ihn: der Umlauf seines Blutes fachte das organische Leben wieder an, der Philosoph verschwand, um einem fast einfältigen Kind zu weichen, das in leichtem Frohsinn sich an allem und an nichts erfreute, das eine fast weibliche Geschmacksrichtung hatte, und die Blumen, die Düfte, die Musik, das Träumen liebte; das manchmal ganze Stunden mit der Untersuchung des Baues und des Lebens einer unansehnlichen, an einer Mauer hinkriechenden Pflanze zubrachte, oder sogar eine erstaunliche Sorglosigkeit zeigte.


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Kapitel III.
To be or not to be – Was ist das mensch-
liche Wesen? – Die Natur, das Weltall

Gerade dieser Abschnitt in dem geistigen Leben des Mädchens hatte diese beiden Wesen so innig miteinander verbunden. Glücklich, das Dasein zu haben, in der Blüte ihres Lebensfrühlings und sich dem Lichte des Lebens zuwendend, eine in allen Harmonien der Natur tönende Harfe, träumte das schöne Kind des Nordens manchmal noch von den Elfen und Feen seiner Heimat, von den Engeln und den Mysterien der christlichen Religion, die ihre Kindheit behütet hatten; aber ihre Frömmigkeit, ihr Kinderglaube hatten ihre Vernunft nicht verdunkelt; sie dachte frei, suchte die Wahrheit aufrichtig, und wenn sie es vielleicht bedauerte, nicht mehr an das Paradies der Prediger zu glauben, so fühlte sie dennoch das unabweisbare Verlangen in sich, immer zu leben. Der Tod erschien ihr als eine grausame Ungerechtigkeit. Nie sah sie im Geiste ihre im vollen Glanze des dreißigsten Jahres auf das Totenbett dahingestreckte schöne Mutter, die zur Zeit der vollsten Rosenblüte auf einen grünenden und duftenden, von dem Gesang der Vögel widerhallenden Friedhof hinweggetragen, die plötzlich aus dem Buch der Lebenden gestrichen worden war, während die ganze Natur immer noch sang, blühte und strahlte; nie, sage ich, sah sie das bleiche Antlitz ihrer Mutter wieder vor sich, ohne daß ein plötzlicher Schauder sie von Kopf bis zu Fuß überlief. Nein, ihre Mutter war nicht tot; nein, sie selbst würde nicht sterben, weder mit dreißig Jahren, noch später. Und  e r! Er sollte sterben, dieses höchst durchgeistigte Wesen sollte durch ein Stillestehen des Herzens oder des Atmungsorgans in das Nichts zurücksinken? Nein, das war nicht möglich. Die Menschen irren sich. Einst wird man es erfahren.


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Auch sie dachte manchmal an diese Geheimnisse; wenn auch mehr unter einer ästhetischen und sentimentalen als wissenschaftlichen Form, so dachte sie doch daran. Alle ihre Fragen, alle ihre Zweifel, der geheime Zweck ihrer Gespräche, ihr vielleicht so rascher Anschluß an ihren Freund: alles dies entsprang dem nicht zu stillen den Wissensdurst, welcher ihre Seele quälte. Sie hoffte auf ihn, weil sie schon die Lösung der größten Fragen in seinen Schriften gefunden hatte. Diese hatten sie das Weltall kennen gelehrt, und diese Kenntnis erwies sich schöner, lebensvoller, größer, poetischer als die früheren Irrtümer und Täuschungen. Von dem Tage an, wo sie aus seinem Munde erfahren hatte, daß sein Leben keinen andern Zweck habe, als die Erforschung der Wirklichkeit, war sie auch gewiß, daß er dieselbe auch finden würde, und ihr Geist klammerte sich an den seinigen und verknüpfte sich mit demselben vielleicht noch fester als ihr Herz.

Seit etwa drei Monaten führten sie so ein gemeinschaftliches Geistesleben und brachten täglich mehrere Stunden mit dem Lesen der in verschiedenen Sprachen geschriebenen Originalabhandlungen über wissenschaftliche Philosophie, Molekularphysik, organische Chemie, Thermodynamik und über die verschiedenen Wissenschaften zu, deren Ziel die Kenntnis des Wesens der Dinge ist; sie besprachen die wirklichen oder scheinbaren Widersprüche in den Hypothesen, fanden zuweilen in den rein litterarischen Schriftstellern recht überraschende Beziehungen und Übereinstimmungen mit den wissenschaftlichen Sätzen und waren erstaunt über ein gewisses Vorherwissen der großen Geister. Dieses Lesen, Forschen und Vergleichen hatte immer dadurch etwas Aufregendes für sie, daß es sie dahin führte, die neun Zehntel jener Schriftsteller, deren Werke geradezu gehaltlos sind, und die Hälfte des letzten Zehntels, deren Schriften nur einen untergeordneten Wert haben, auszuscheiden; nachdem sie so das Feld der Litteratur vom Unkraut gereinigt hatten, bewegten sie sich mit einer gewissen Befriedigung in dem gewählten Kreis der höheren Geister.

Eines Tages kam Spero früher als gewöhnlich. »Heureka!« rief er. Doch sich rasch zusammennehmend, unterbrach er sich mit einem: »Vielleicht ...«

An den Kamin gelehnt, in dem ein lustiges Feuer prasselte, während seine Gefährtin ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll betrachtete, begann er mit einer Art unbewußter Feierlichkeit zu reden, wie wenn er sich in der Waldeinsamkeit mit seinem eigenen Geist unterhalten hätte:

»Alles, was wir sehen, ist nur Schein. Die Wirklichkeit ist anders.

Die Sonne scheint sich um uns zu drehen, morgens auf- und abends unterzugehen, und die Erde, auf der wir sind, scheint unbeweglich. Das Gegenteil ist wahr. Wir bewohnen die Außenseite eines sich im Wirbel drehenden Wurfgeschosses, das mit einer fünfundsiebzigmal größeren Geschwindigkeit in den Raum geschleudert ist, als diejenige ist, mit welcher eine Kanonenkugel dahinfliegt.

Ein harmonisches Konzert entzückt unser Ohr. Der Ton existiert nicht, ist nur ein Eindruck auf unsere Sinne, welcher durch an sich stille Luftschwingungen von einer gewissen Stärke und Schnelligkeit hervorgebracht wird. Ohne den Gehörnerv und das Gehirn gäbe es keine Töne. In Wirklichkeit giebt es nur B e w e g u n g .

Der Regenbogen wölbt seinen strahlenden Kreis; die vom Regen befeuchtete Rose und Kornblume funkeln in der Sonne; die grüne Wiese, das goldene Getreidefeld bringen mit ihren leuchtenden Farben Abwechselung in der Ebene. Es giebt keine Farben, es giebt kein Licht; es giebt nur S c h w i n g u n g e n d e s Ä t h e r s , welche den Sehnerv treffen. Trügender Schein. Die Sonne erwärmt und befruchtet, das Feuer brennt; aber es giebt keine Wärme, sondern nur E m p f i n d u n g e n . Die Wärme ist wie das Licht nur eine Art von Bewegung. Alles ist unsichtbare, aber die ganze Natur durchdringende und dieselbe beherrschende Bewegung.

Hier ist ein starker eiserner Balken, einer von denen, die heutzutage so allgemein bei Bauwerken verwendet werden. Er wird in einer Höhe von 10 Metern auf zwei Mauern frei hingelegt, auf denen seine beiden Enden ruhen. Er ist ›tragfähig‹, sicherlich. In der Mitte hat man eine Last von 1000, 10 000 Kilogramm auf ihn gelegt, und dieses ungeheure Gewicht spürt er nicht einmal; kaum kann man mit dem Nivellierinstrument eine unmerkliche Biegung bestimmen. Dennoch ist dieser Balken aus Molekülen zusammengesetzt, welche sich nicht berühren, welche in beständiger Schwingung sind, welche unter dem Einfluß der Wärme auseinandergehen und in der Kälte sich wieder zusammenziehen. Worin besteht nun die Festigkeit dieses Eisenbalkens? In seinen stofflichen Teilchen? Gewiß nicht, weil sie sich nicht berühren. Diese Festigkeit hat ihren Sitz in der Anziehung der Moleküle, d. h. in einer immateriellen Kraft.

Ganz allgemein gesprochen, giebt es nichts Festes. Nehmen wir eine schwere eiserne Kugel in die Hände; dieselbe besteht aus unsichtbaren Urteilchen, welche sich nicht berühren und ihrerseits wieder aus Atomen bestehen, welche sich ebensowenig berühren. Der Zusammenhang, welchen die Oberfläche dieser Kugel zu haben scheint und ihre scheinbare Festigkeit sind also reine Täuschungen. Für einen Geist, der ihren inneren Bau zerlegte, ist das ein Schwarm von Mückchen, die an diejenigen erinnern, die an Sommertagen in der Luft wirbeln. Ferner: erhitzen wir diese uns fest scheinende Kugel, so wird sie schmelzen; erhitzen wir sie noch mehr, so wird sie verdunsten, ohne deshalb ihre Natur zu verändern; flüssig oder gasförmig, wird es immer Eisen sein.

Wir sind eben in einem Hause. Alle diese Mauern, Fußböden, Tapeten, Möbel, dieser Marmorkamin bestehen aus Molekülen, die sich ebensowenig berühren. Und alle diese körperbildenden Moleküle befinden sich in einer Kreisbewegung umeinander.

Unser Körper ist in demselben Falle. Er ist durch einen beständigen Molekularkreislauf gebildet; es ist eine unaufhörlich verzehrte und erneuerte Flamme; ein Strom, an dessen Ufer man sich in dem Glauben niederläßt, immer dasselbe Wasser vor sich zu sehen, wo aber der beständige Lauf der Dinge ein immer neues Wasser zuführt.

Jedes Kügelchen unseres Blutes ist eine Welt (und wir haben deren 5 000 000 in jedem Kubikmillimeter). Ununterbrochen, ohne Rast und Ruhe, cirkuliert, geht, drängt sich alles in unseren Puls- und Blutadern, in unserem Fleisch und Gehirn in einem Lebensstrudel, der verhältnismäßig ebenso reißend ist, als der der Himmelskörper. Moleküle für Moleküle erneuert sich unser Gehirn, unser Schädel, unsere Augen, unsere Nerven und unser ganzer Muskelapparat unaufhörlich und so schnell, daß unser Körper in einigen Monaten ganz umgebildet wird.

Durch Erwägungen, die sich auf die MolekularAttraktion gründen, hat man berechnet, daß in einem ganz kleinen mit einer Stecknadelspitze aufgetragenen Wassertröpfchen, einem für das bloße Auge unsichtbaren Tröpfchen von 1 Tausendstel Kubikmillimeter, mehr als 225 Millionen Moleküle sind.

In einem Stecknadelkopf sind nicht weniger als achttausend Trillionen Atome, und diese Atome sind durch Abstände voneinander getrennt, die bedeutend größer sind, als ihre eigenen Dimensionen, welche ihrerseits selbst mit dem stärksten Mikroskop unsichtbar sind. Wenn man die Zahl der in einem Stecknadelkopf enthaltenen Atome zählen wollte, indem man in Gedanken jede Sekunde eine Milliarde wegnähme, so müßte man diese Operation 253 000 Jahre fortsetzen, um mit der Zählung fertig zu werden.

In einem Tropfen Wasser, in einem Stecknadelkopf sind unvergleichlich mehr Atome, als Sterne an dem den mit ihren stärksten Teleskopen bewaffneten Astronomen bekannten ganzen Himmel.

Wer erhält die Erde, die Sonne und alle Gestirne des Weltalls in dem ewigen Raum? Wer hält jenen langen eisernen Balken zwischen zwei Mauern, auf den man mehrere Stockwerke errichten will? Wer erhält die Gestalt aller Körper? — Die Kraft.

Das Weltall, die Dinge und die belebten Wesen, alles, was wir sehen, ist aus unsichtbaren und unwägbaren Atomen (kleinsten Teilchen) gebildet. Das Weltall ist ein Dynamismus (untrennbarer Zusammenhang von Kraft und Materie). Gott ist die Seele des Weltalls: in ihm leben, weben und sind wir.

Wie die Seele die den Körper bewegende Kraft ist, so ist der Unendliche die das Weltall bewegende Kraft! Die bloß mechanische Theorie vom Weltall ist unzureichend für die auf den letzten Grund der Dinge gehende Analyse. Der menschliche W i l l e ist freilich schwach im Vergleich mit den kosmischen Kräften. Wenn ich jedoch einen Eisenbahnzug von Paris nach Marseille, ein Schiff von Marseille nach Suez schicke, so verschiebe ich aus freiem Willen einen unendlich kleinen Teil der Erdmasse, und ich ändere den Lauf des Mondes. O, ihr Blinden des neunzehnten Jahrhunderts, kehret zurück zu dem Schwane von Mantua: Mens agitat molem.

Wenn ich die Materie zerlege, so komme ich zuletzt auf das unsichtbare Atom: die Materie verschwindet, geht in Dunst auf. Wenn meine Augen die Macht hätten, die Wirklichkeit zu schauen, so sähen sie durch die Mauern hindurch, die aus getrennten Molekülen gebildet sind, durch die Körper, die Atomenwirbel sind. Unsere leiblichen Augen sehen nicht, was da ist; mit dem Auge des Geistes muß man sehen. Verlassen wir uns nicht auf das einzige Zeugnis unserer Sinne; es giebt ebensoviele Sterne über unserem Haupt während des Tages als während der Nacht.


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In der Natur giebt es weder Astronomie noch Physik, weder Chemie noch Mechanik: es sind dies subjektive Beobachtungsmethoden. Es giebt nur eine einzige Einheit. Das unendlich Große ist identisch mit dem unendlich Kleinen. Der Raum ist unendlich, ohne groß zu sein. Die Dauer ist ewig, ohne lang zu sein. Sterne und Atome sind eins.

Die Einheit des Universums wird durch die unsichtbare, unwägbare, geistige Kraft bewirkt, welche die Atome in Bewegung setzt. Wenn ein einziges Atom aufhörte, durch die Kraft bewegt zu werden, würde das Weltall stille stehen. Die Erde bewegt sich um die Sonne, die Sonne strebt nach einer Centralsonne hin, welche selbst wieder in Bewegung ist; die Millionen, die Milliarden Sonnen, welche das Weltall erfüllen, laufen schneller als die Geschosse des Pulvers; jene Sterne, die uns unbeweglich vorkommen, sind Sonnen, welche mit einer täglichen Geschwindigkeit von 10, 20, 30 Millionen Kilometer in den unendlichen Raum geschleudert sind und alle auf ein unbekanntes Ziel hinlaufen: Sonnen, Planeten, Erden, Monde, herumschweifende Kometen ...; der von dem Analytiker gesuchte feste Punkt, der Centralschwerpunkt, flieht in dem Maße, als man ihm nachjagt, und ist in Wirklichkeit nirgends vorhanden. Die Atome, welche die Körper bilden, bewegen sich verhältnismäßig ebenso schnell als die Sterne am Himmel. Die Bewegung  b e h e r r s c h t  alles,  b i l d e t  alles.

D a s  u n s i c h t b a r e  A t o m   ist der Angriffspunkt der Kraft.

Das, was das menschliche Wesen hauptsächlich ausmacht, was es organisiert, ist durchaus nicht seine körperliche Substanz; es ist weder der Urstoff, noch die Zelle, noch sind es jene wunderbar fruchtbaren Verbindungen des Kohlenstoffs mit dem Wasserstoff, mit dem Sauerstoff und mit dem Stickstoff; es ist die unsichtbare, geistige Lebenskraft. S i e gruppiert, dirigiert und hält beisammen die unzähligen Moleküle, welche die bewundernswürdige Harmonie des lebenden Körpers bilden.

Der Stoff und die Kraft sind nie getrennt voneinander gesehen worden; das Vorhandensein des einen schließt das Vorhandensein der andern in sich; ja vielleicht sind sie substantiell identisch.

Daß sich der Körper nach dem Tode  m i t  e i n e m m a l e auflöst, wie er sich während des Lebens  l a n g s a m  zersetzt und unaufhörlich neu bildet, daran liegt wenig. D i e  S e e l e  b l e i b t. Das organisierende psychische Atom ist der Mittelpunkt jener Kraft. Auch dieses ist unzerstörbar.

Was wir sehen, ist trügerisch. D a s  W i r k l i c h e  i s t  d a s  U n s i c h t b a r e.«

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Mit großen Schritten begann er auf und ab zugehen. Das junge Mädchen hatte ihm zugehört, wie man einem Apostel, einem vielgeliebten Apostel zuhört; und obgleich er eigentlich nur für sie gesprochen hatte, so schien er doch nicht ihre Anwesenheit beachtet zu haben., so unbeweglich und still hatte sie sich verhalten. Sie näherte sich ihm und nahm eine seiner Hände in die ihrigen. »Oh!« sagte sie, »wenn du auch noch nicht zur Wahrheit hindurchgedrungen bist, so wird sie dir doch nicht entgehen.«

Dann fuhr sie unter Anspielung auf seine gewohnte Zurückhaltung über alles und mit Wärme fort: »Du glaubst, daß es dem Erdenmenschen unmöglich sei, die Wahrheit zu erreichen, weil wir nur fünf Sinne haben und eine Menge Erscheinungen in der Natur unserem Geiste fremd bleiben, da es keinen Weg giebt, auf dem sie zu ihm gelangen können. Gleichwie uns das Gesicht versagt wäre, wenn wir des Sehnervs beraubt wären, das Hören, wenn wir keinen Gehörnerv hätten u.s.w.: so bleiben uns auch die Schwingungen, die Kraftäußerungen unbekannt, welche zwischen den Saiten unseres organischen Instruments hindurchgehen, ohne die vorhandenen erzittern zu lassen. Ich gebe dir zu und nehme mit dir an, daß die Bewohner gewisser Welten unvergleichlich weiter vorangeschritten sein können als wir; doch es scheint mir, daß du, obgleich ein Erdgeborener, es doch gefunden hast.«

»Meine Teure,« erwiderte er, indem er sich auf den großen Diwan in der Bibliothek neben ihr niederließ, »es steht wohl fest, daß unserer irdischen Harfe Saiten fehlen, und es ist wahrscheinlich, daß ein Bürger des Systems des Sirius über unseren Dünkel lachen würde. Das kleinste Stückchen Magneteisen ist stärker als Newton und Leibniz, um den magnetischen Pol zu finden, und die Schwalbe kennt die Abweichung der Magnetnadel besser als Christoph Kolumbus oder Magellan. Was sagte ich eben? — Daß der Schein trügt, und daß unser Geist die unsichtbare Kraft durch die Materie hindurch erkennen muß. Es giebt nichts Gewisseres. Die Materie ist nicht, was sie scheint, und kein über die Fortschritte der positiven Wissenschaften unterrichteter Mensch könnte sich heute noch für einen Materialisten ausgeben. Lernen wir das Unfaßbare und Nichtstoffliche durch die Undurchsichtigkeit der Körper hindurch mit unserem geistigen Auge erkennen.«

»Alsdann,« versetzte sie, »wäre ja das psychische Gehirnatom, das Prinzip des menschlichen Organismus, unvergänglich, wie alle Atome anderwärts, wenn man die Fundamentalsätze der Chemie zugiebt. Es würde sich jedoch von den andern durch eine Art von höherer Rangstufe unterscheiden, da ihm die Seele anhaftet. Und es würde das Bewußtsein seines Daseins nicht verlieren? Die Seele wäre einer elektrischen Substanz vergleichbar? Ich sah einmal, wie der Blitz durch einen Salon fuhr und die Lichter auslöschte. Als man sie wieder anzündete, fand man, daß die Vergoldung der Wanduhr weggeschmolzen, der Kronleuchter aus ciseliertem Silber aber an mehreren Punkten vergoldet war. Es zeigt sich darin eine schnellwirkende Kraft.«

»Stellen wir keine Vergleiche an; sie würden alle zu weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Alles Licht, was uns die Wissenschaft auf dieser Erde bieten kann, ist nur ein schwacher Strahl, der durch die Pforte des Unbekannten hindurchfällt. Wir w i s s e n alle, daß wir sterben werden, aber wir g l a u b e n es nicht. Nun, wie könnten wir es auch glauben? Wie könnten wir den Tod begreifen, der nur ein Übergang aus einem bekannten Zustand in einen unbekannten, aus einem sichtbaren in einen unsichtbaren ist? Daß die Seele als Kraft besteht, das ist nicht zweifelhaft. Daß sie mit dem organisierenden Gehirnatom nur eins sei, können wir zugeben. Daß sie so die Auflösung des Körpers überlebe, begreifen wir.«

»Aber was wird aus ihr? Wo kommt sie hin?«

»Die meisten Seelen ahnen nicht einmal ihr eigenes Dasein. Unter den 1400 Millionen menschlicher Wesen, die unsern Planeten bevölkern, denken neunundneunzig Hundertel nicht. Was sollten sie mit ihrer Unsterblichkeit machen? Wie das Eisenmolekül unbewußt in dem Blute schwimmt, das unter der Schläfe Lamartines oder Hugos pulsierte, oder eine Zeitlang in dem Schwerte Cäsars gebunden bleibt; wie das Wasserstoffmolekül in dem Gas des Opernhauses glänzt, oder in dem Wassertropfen aufgeht, der auf dem dunkeln Meeresgrund vom Fische verschluckt wird; so schlummern die lebendigen Atome, welche nie gedacht haben.


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Die Seelen, welche denken, bleiben dem geistigen Leben erhalten. Sie bewahren das Erbe der Menschheit und vermehren es für die Zukunft. Ohne jene Unsterblichkeit der menschlichen Seelen, welche ein Bewußtsein ihres Daseins haben und durch den Geist leben, müßte die ganze Geschichte der Erde in Nichts verlaufen, und die gesamte Schöpfung, die der erhabensten Welten sowohl, als auch die unseres untersten Planeten, wäre eine trügerische Ungereimtheit, die noch erbärmlicher und gehaltloser wäre als der Schmeiß eines Erdenwurmes. Dieser hat einen Grund zu sein, und das Weltall sollte ihn nicht haben! Bildest du dir ein, die Milliarden Welten erreichen die höchste Entwickelung des Lebens und des Denkens, um endlos in der Geschichte des gestirnten Alls aufeinanderzufolgen, und hätten keinen andern Zweck, als beständig getäuschte Hoffnungen zu erwecken und beständig wieder vernichteten Größen das Dasein zu geben? Wir mögen uns noch so sehr demütigen, wir können nicht zugeben, daß das Nichts der höchste, letzte Zweck des beständigen Fortschritts sei, den die ganze Geschichte der Natur beweist. Nun, die Seelen sind die Keime der planetarischen Menschengeschlechter.«

»Können sie sich denn von einer Welt auf die andere versetzen?«

»Nichts ist so schwierig zu verstehen, als das, was man nicht weiß; nichts ist einfacher als das, was man kennt. Wer wundert sich heute noch, wenn er sieht, wie der elektrische Telegraph den menschlichen Gedanken sofort durch Kontinente und Meere hin befördert? Wer wundert sich, wenn er sieht, wie die Anziehung des Mondes die Wassermassen des Oceans aufrührt und die Flut erzeugt? Wen wundert es, zu sehen, wie sich das Licht von einem Stern auf den andern mit der Schnelligkeit von 300 000 Kilometern in der Sekunde fortpflanzt? Übrigens könnten allein die Denker die Größe dieser Wunder würdigen; das gemeine Volk wundert sich über nichts. Wenn irgend eine neue Entdeckung es uns möglich machte, morgen den MarsBewohnern Zeichen zu geben und Antworten darauf zu erhalten, so würden übermorgen drei Viertel der Menschen nicht mehr darüber erstaunt sein.

Ja, die Lebenskräfte können sich von einer Welt auf die andere übertragen, freilich nicht überall, noch immer, und auch nicht alle. Es giebt Gesetze und Bedingungen. Mein Wille kann mit Hilfe meiner Muskeln meinen Arm erheben, einen Stein schleudern; nehme ich ein Gewicht von 20 Kilo, so wird er meinen Arm noch heben; will ich aber ein Gewicht von 1000 Kilo nehmen, so kann ich es nicht mehr. Die einen Geister sind unfähig zu irgend einer Thätigkeit, andere haben Fähigkeiten erlangt, die alles gewöhnliche Maß überschreiten. Mozart imponierte mit s e c h s Jahren allen seinen Zuhörern durch die Macht seines musikalischen Genies und veröffentlichte mit a c h t Jahren seine beiden ersten Sonaten, während der größte dramatische Dichter, den es gegeben hat, Shakespeare, vor seinem dreißigsten Jahre noch kein seines Namens würdiges Stück geschrieben hatte. Man muß nicht glauben, daß die Seele irgend einer übernatürlichen Welt angehöre. Alles liegt in der Natur. Es sind kaum mehr als 100 000 Jahre, daß das irdische Menschengeschlecht sich aus der tierischen Puppe entwickelte; Millionen Jahre lang, während der langen historischen Reihe der primären, sekundären und tertiären Periode, gab es auf der Erde kein einziges denkendes Wesen, das diese großartigen Schauspiele würdigte, kein einziges menschliches Auge, um sie zu beschauen. Der Fortschritt hat die niederen Pflanzen- und Tierseelen langsam emporgehoben; der Mensch ist auf dem Planeten ganz neu. Die Natur zeigt einen unaufhörlichen Fortschritt; das Weltall ist ein beständiges Werden; das Empordringen ist das höchste Gesetz.


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Nicht alle Welten,« fuhr er fort, »sind jetzt bewohnt. Die einen stehen am Anfang, andere am Abend ihres Daseins. In unserem Sonnensystem z. B. scheinen Mars, Venus, Saturn und mehrere seiner Monde in voller Lebensentfaltung zu stehen; Jupiter hat wohl seine primäre Periode noch nicht hinter sich; unser Mond hat vielleicht keine Bewohner mehr. Unsere jetzige Epoche hat in der allgemeinen Geschichte des Weltalls nicht mehr Bedeutung als unser Ameisenhaufen in der Unendlichkeit. Vor dem Vorhandensein der Erde hat es von aller Ewigkeit her mit menschlichen Wesen bevölkerte Welten gegeben; wenn unser Planet den letzten Seufzer ausgestoßen haben wird, und wann die letzte Menschenfamilie an den Ufern der letzten Lagune des Eismeeres in den letzten Schlaf versinken wird, werden immer noch unzählige Sonnen in der Unendlichkeit glänzen, und es wird immer noch Morgen und Abende, Frühlinge und Blumen, Hoffnungen und Freuden geben. Andere Sonnen, andere Erden, andere Menschengeschlechter. Der grenzenlose Raum ist besät mit Gräbern und mit Wiegen. Aber Leben, Denken, ewiger Fortschritt sind der Endzweck der Schöpfung.

Die Erde ist der Trabant eines Sternes. Gegenwärtig wie in Zukunft sind wir Himmelsbürger. Mögen wir es wissen oder nicht: wir leben in Wirklichkeit in den Sternen.«

So unterhielten sich die beiden Freunde über die ernsten Fragen, welche ihr Denken ganz beschäftigten. Wenn sie eine Lösung fanden, und war sie auch unvollständig, so empfanden sie ein wirkliches Glück darüber, einen Schritt weiter in der Erforschung des Unbekannten gethan zu haben, und sie konnten dann ruhiger über die alltäglichen Dinge des Lebens plaudern. Es waren zwei von gleichem Wissensdrang beseelte Geister, die mit der ganzen Innigkeit der Jugend dem Gedanken lebten, sich von der Welt isolieren, die menschlichen Eindrücke beherrschen und in ihrem Aufschwung nach oben den Stern der Wahrheit erreichen zu können, der in den Höhen der Unendlichkeit über ihrem Haupte funkelte.


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Kapitel IV.
Amor – Icléa – Die Anziehung

So innig, so entzückend nun auch dieses Leben zu Zweien war, es fehlte doch etwas darin. Jene Unterhaltungen über die hochernsten Fragen von Sein und Nichtsein, der Ideenaustausch über die Analyse der menschlichen Natur, die Forschungen über den Endzweck des Daseins der Dinge, die astronomischen Betrachtungen und die Fragen, welche sie nahelegten, befriedigten zuweilen ihren Geist, aber nicht ihr Herz. Wenn sie in der Bogenlaube des Gartens oder in der stillen Bibliothek lange nebeneinander geplaudert hatten, konnte sich der Studierende, der Forscher nicht von seiner Gefährtin losmachen, und beide blieben, Hand in Hand, stumm, von einer unwiderstehlichen Gewalt angezogen und zurückgehalten. Auge in Auge betrachtete er sie und wagte nicht, sich allzulang von einer allzu bezaubernden Anmut fesseln zu lassen; er erdachte einen Vorwand, um sie zu verlassen, und plötzlich befand er sich wieder bei ihr und bewunderte dieses lebendige Gedicht, diese von himmlischem Lichte belebten Augen, diesen idealen Mund, dessen lebhafte Färbung den Gedanken an die zum Pflücken reife Kirsche erweckte. Nach der Trennung empfanden beide eine eigentümliche, schmerzliche Leere in der Brust, ein unbestimmbares Mißbehagen, wie wenn irgend ein zu ihrem beiderseitigen Leben notwendiges Band zerrissen worden wäre und beide sehnten sich nur nach der Stunde der Rückkehr. Er liebte sie nicht um seinetwillen, sondern um ihretwillen mit einer fast unpersönlichen Zuneigung in einem Gefühl von ebenso hoher Achtung als heißer Liebe. Als sie aber eines Tages auf dem, wie gewöhnlich mit Büchern und losen Blättern beladenen Diwan in der Bibliothek nebeneinander saßen, geschah es, daß, wahrscheinlich unter dem ganzen Druck der zur Bekämpfung einer unwiderstehlichen Anziehung gemachten Anstrengungen, der Kopf des jungen Schriftstellers sich unmerklich auf die Schultern seiner Gefährtin neigte und daß fast ebenso rasch .... ihre Lippen sich begegneten.


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Oh unbeschreibliche Freuden der geteilten Liebe! Unendlicher Freudenrausch des nach Glück dürstenden Wesens, süße Musik der Herzen, in welche ätherische Höhen habt ihr nicht die eurer höchsten Glückseligkeit überlassenen Erwählten emporgetragen! Plötzlich dem alltäglichen Erdenleben entrückt, schwingen sie sich raschen Flugs in verzauberte Paradiese auf, verlieren sich in himmlische Höhen und schweben in den erhabenen Regionen ewiger Wonne. Die Welt mit ihrem Schein und ihrem Elend ist für sie nicht mehr vorhanden. Sie leben im Lichte, in der Glut, wie Salamander und Phönix; frei von allem Niederziehenden, leicht wie eine Flamme, verzehren sie sich selbst; und immer strahlend, immer unverwundbar und unbesieglich erstehen sie aus ihrer Asche wieder.

Der so lange verhaltene Strom stürzte die beiden Liebenden in ein Leben des Entzückens, das sie die Metaphysik und ihre Aufgaben für einen Augenblick vergessen ließ. Dieser Augenblick dauerte ein halbes Jahr. Die zarteste, aber auch die mächtigste Empfindung hatte in ihnen die unzureichende geistige Befriedigung aus ihrem Gedankenleben ergänzt und sie plötzlich ganz in Besitz genommen, sie beinahe der Welt entrückt. Vom Tage des ersten Kusses an hatte sich Georges Spero nicht bloß ganz dem öffentlichen Leben entzogen; er hörte auch auf, zu schriftstellern, und ich selbst verlor ihn trotz der langjährigen und wahren Zuneigung, die er mir bewiesen, aus den Augen. Logiker hätten daraus schließen können, daß er zum erstenmal in seinem Leben zufrieden wäre und daß er die Lösung des großen Problems, den letzten Zweck des Daseins der Wesen, gefunden hätte.

Sie lebten in jenem gegenseitigen Sichselbstgenugsein, welches uns die Fehler der Menschen kleiner und letztere selbst liebenswürdiger und besser erscheinen läßt, indem es sie unserm optischen Mittelpunkt entrückt. Befriedigt von ihrer gegenseitigen Zuneigung, sang ihnen alles in Natur und Menschheit einen immer forttönenden Lobgesang des Glücks und der Liebe.

Sehr oft gingen sie abends der Seine entlang und betrachteten träumend die wunderbaren Effekte von Licht und Schatten, welche den in der Abenddämmerung so wunderschönen Pariser Himmel zu der Zeit schmücken, wo die Umrisse der Türme und Gebäude sich schwarz auf dem hellen Westen abheben. Rosen- und purpurfarbene Wolken, die der ferne Widerschein des Meeres beleuchtet, über dem gerade um jene Stunde die verschwundene Sonne glänzt, verleihen unserm Himmel einen Charakter, der nicht mehr derjenige Neapels ist, wenn es im Westen von dem Spiegel des Mittelländischen Meeres bespült wird, der aber vielleicht noch denjenigen Venedigs übertrifft, dessen fahle Beleuchtung einen orientalischen Charakter zeigt. Mochten sie nun, nachdem ihre Schritte sie nach der Insel der Cité geführt hatten, an Notre-Dame oder am alten Châtelet vorbei, dessen schwarze Umrisse in den klaren und hellen Himmel emporstiegen, am Lauf des Flusses hinabgehen; mochten sie noch lieber, angezogen durch den glänzenden Westen und durch die ländliche Umgebung, bis jenseits der Wälle der ungeheuren Stadt auf den Flußdämmen hinuntergengangen sein und sich bis in die von den Hügelreihen von Meudon und St.Cloud eingeschlossenen Einöden von Boulogne und Billancourt verirrt haben: sie betrachteten die Natur, vergaßen die geräuschvolle, hinter ihnen verschwundene Stadt und nahmen, in gleichem Schritt und Tritt, nur  e i n  Wesen, gleichzeitig dieselben Eindrücke in sich auf, dachten dieselben Gedanken und redeten schweigend dieselbe Sprache. Der Strom floß zu ihren Füßen, das Lärmen des Tages verstummte, die ersten Sterne glänzten am Himmel. Icléa machte es Vergnügen, sie Georges zu nennen, wie sie nacheinander zum Vorschein kamen.


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Der März und der April bringen in Paris oft milde Abende, an denen das erste, den Frühling ankündigende Lüftchen weht. Die glänzenden Sterne des Orion, der blendende Sirius, die Zwillinge Kastor und Pollux, funkeln am unermeßlichen Himmel; die Plejaden sinken nach dem westlichen Horizont hinab, aber Arkturus und Bootes, der Hirte der himmlischen Herden, kommen wieder und einige Stunden später erhebt sich die weiße und funkelnde Wega am östlichen Himmelsrande, welcher bald darauf die Milchstraße folgt. Arkturus mit seinen goldenen Strahlen war immer der erste Stern, den sie an seinem durchdringenden Glanz und an seiner Stelle in der Verlängerungslinie des Schwanzes des Großen Bären erkannte. Manchmal schwebte der Halbmond am westlichen Himmel, und die junge Beschauerin bewunderte, wie Ruth neben Boas, »jene goldene Sichel im Felde der Sterne«.

Die Sterne umgeben die Erde; die Erde ist in dem Himmel. Spero und seine Gefährtin fühlten es wohl, und vielleicht auf keinem andern Himmelskörper lebte ein Paar inniger im Himmel und in der Unendlichkeit als sie.

Unmerklich jedoch, vielleicht ohne daß er selbst es gewahrte, nahm der junge Philosoph Schritt für Schritt seine unterbrochenen Studien wieder auf, betrachtete dabei die Dinge in einer sehr optimistischen Stimmung, die ihm trotz seiner natürlichen Güte früher nicht eigen war, schied alle einschneidenden Schlußfolgerungen aus, weil er sie einer unvollständigen Kenntnis der Dinge zuschrieb und betrachtete die Bilder in Natur und Leben in einem neuen Lichte. Auch sie hatte, wenigstens teilweise, die Studien wieder aufgegriffen, welche sie in Gemeinschaft mit ihm begonnen hatte; aber ein neues, weltumfassendes Gefühl erfüllte ihre Seele, und ihr Geist fühlte sich nicht mehr so frei für die Verstandesthätigkeit. Da sie in jener Liebe für ein Wesen ganz aufging, das sie ganz ihr eigen nannte, so sah sie nur durch ihn, handelte nur für ihn. Wenn sie sich während der stillen Abend stunden ans Klavier setzte, um entweder ein Nocturno von Chopin zu spielen, welches vor ihrer Liebe nicht verstanden zu haben sie in Erstaunen setzte, oder um sich zu begleiten; wenn sie mit ihrer so reinen und umfassenden Stimme die norwegischen Lieder von Grieg und von Bull, oder die Melodien Schumanns sang: so schien es ihr, vielleicht ohne daß sie es wußte, als wäre der Geliebte der einzige Zuhörer, der fähig sei, diese Eingebungen des Herzens zu verstehen.


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Welche köstlichen Stunden verlebte er in jener geräumigen Bibliothek in dem Hause zu Passy, wo er, auf dem Diwan ausgestreckt, den wechselvollen Rauchspiralen einer türkischen Cigarette nachblickte, während sie, den Erinnerungen ihrer Phantasie hingegeben, den süßen »Saetergientens Sondag« ihres Vaterlandes, die »Serenade« aus Don Juan, den »See« von Lamartine sang, oder wenn sie, mit ihren geübten Fingern über die Tasten gleitend, den lieblichen »Traum« aus dem Menuett von Boccherini in die Lüfte entsandte.

Der Frühling war gekommen. Der Monat Mai hatte in Paris die Eröffnung der Festlichkeiten der Weltausstellung gesehen, von welcher wir im Anfang dieser Erzählung sprachen, und der hochgelegene Garten in Passy beschützte das Eden des liebenden Paares. Der Vater Icléas, welcher plötzlich nach Tunesien gerufen worden war, war mit einer Sammlung arabischer Waffen für sein Museum in Christiania zurückgekommen. Es war seine Absicht, bald nach Norwegen zurückzugehen, und zwischen der jungen Norwegerin und ihrem Freund war festgesetzt worden, daß ihre Hochzeit in ihrer Heimat am Jahrestage der geheimnisvollen Erscheinung stattfinden sollte.


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Ihre Liebe war schon ihrer Natur nach weit entfernt von allen jenen alltäglichen Verbindungen, von denen die einen auf das grobsinnliche Vergnügen, oder auf den weltlichen Müßiggang und die Laune eines Augenblicks sich gründen, die andern aber auf mehr oder weniger verhüllte Interessen, welche die meisten menschlichen Liebesverhältnisse darbieten. Durch ihre Geistesbildung bewegten sie sich nur in höheren Gedankenregionen; die Zartheit ihrer Gefühle erhielt sie in einer idealen Welt, wo aller Druck des materiellen Lebens vergessen war; die äußerste Reizbarkeit ihrer Nerven, die auserlesene Feinheit ihrer Empfindungen versetzten sie in Ekstasen, deren Wonne unendlich schien. Wenn man in andern Welten liebt, so kann die Liebe dort nicht tiefer, noch durchgeistigter sein. Für einen Physiologen wären sie beide ein lebendiges Zeugnis für die Thatsache gewesen, daß, im Widerspruch mit der herrschenden Ansicht, alle Genüsse im Gehirn ihren Ursprung haben, da die Stärke der sinnlichen Empfindungen der seelischen Empfindsamkeit des Wesens entspricht.


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Paris war für sie keine Stadt, keine Welt, sondern der Schauplatz der menschlichen Geschichte. Schon hatten sie viele Stunden in unsern herrlichen Museen, besonders unter den alten und neueren Meisterwerken unseres großen Louvre zugebracht, wo die Kunst die ganze Geschichte des menschlichen Denkens in unvergänglichen Denkmälern verewigt zu haben scheint. Diese bewundernswerten Galerien des Louvre haben mehr noch als diejenigen von Versailles den königlichen Glanz bewahrt. Hier trafen sie gerne zusammen, um dann von da aus, mitten unter den Wahrzeichen des alten Paris, die längst entschwundenen Jahrhunderte wieder aufleben zu lassen ... Die alten, durch die modernen Umgestaltungen noch nicht zerstörten Stadtviertel: die Cité mit Notre Dame, St.Julien le Pauvre, deren Mauern noch an Chilperich und Fredegunde erinnern; die alten Wohnungen, in denen Albert der Große, Dante, Petrarca, Abailard lebten; die alte, früher als die Sorbonne errichtete Universität, und aus denselben entschwundenen Zeiten das Kloster St.Merry mit seinen düstern Gäßchen; die Abtei St.Martin; der ChlodwigsTurm auf St. Genoveva; St.GermaindesPrés, das Andenken an die Merowinger; St.Germain d'Auxerrois, deren Glocke in der BartholomäusNacht Sturm läutete; die engelhafte Kapelle im Palast Ludwigs IX.: alle diese Erinnerungen an die Geschichte Frankreichs waren Zielpunkte ihrer Wallfahrten. Inmitten der Menschenmassen standen sie allein in der Betrachtung der Vergangenheit und sahen, was fast niemand zu sehen versteht.


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So redete die ungeheure Stadt in ihrer einstigen Sprache zu ihnen, entweder wenn sie, verschwunden unter den Chimären, Greifen, Pfeilern, Kapitälen und Arabesken der Türme und Galerien von Notre-Dame, den menschlichen Bienenstock zu ihren Füßen im Abendnebel einschlummern sahen, oder wenn sie, noch höher steigend, von der Kuppel des Pantheons aus die frühere Gestalt von Paris und seine jahrhundertelange Entfaltung von den die Thermen bewohnenden römischen Kaisern an bis zu Philipp August und seinen Nachfolgern herab wiederherzustellen suchten. Die Frühlingssonne, der blühende Flieder, die freudejauchzenden Maimorgen, voll Vogelsang und NervenErregung, führten sie zuweilen fern von Paris, aufs Geratewohl auf die Wiesen und in die Wälder. Die Stunden enteilten wie der Hauch der Lüftchen; der Tag war geschwunden wie ein Traum, und die Nacht spann den göttlichen Liebestraum weiter. Auf der wirbelnden Welt des Jupiter, wo Tage und Nächte mehr als zweimal so schnell vergehen als hienieden und nicht einmal zehn Stunden dauern, sehen die Liebenden die Stunden nicht rascher schwinden. Das Maß für die Zeit liegt eben in uns selbst.

Eines Abends saßen sie alle beide auf dem brustwehrlosen Dach des alten Schloßturms von Cheuvreuse, von wo aus man ungehindert die ganze umliegende Landschaft übersieht. Die laue Thalluft stieg ganz durchtränkt von den starken Düften der benachbarten Waldungen bis zu ihnen hinauf; die Grasmücke sang noch, und die Nachtigall stimmte im dunkelnden Schatten der Gebüsche ihren Lobgesang an die Sterne an. Die Sonne war soeben in blendendem Gold und Scharlach untergegangen und bloß der Westen blieb von noch lebhaftem Lichte erhellt. Alles schien am Busen der unermeßlichen Natur in Schlummer zu versinken.

Ein wenig bleich, aber von dem Lichte des westlichen Himmels beleuchtet, schien Icléa vom Tageslicht durchdrungen und innerlich erhellt; so weiß und wie durchsichtig war ihr Gesicht. Mit ihren in Sehnsucht schwimmenden Augen, ihrem kleinen, leicht geöffneten Kindermunde schien sie in die Betrachtung der Abendbeleuchtung verloren. An Speros Brust gelehnt und die Arme um seinen Hals geschlungen, überließ sie sich ihrer Träumerei, als eine Sternschnuppe gerade über dem Turm durch den Himmel schoß.


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Ein wenig abergläubisch, fuhr sie erschreckt auf. Schon traten die glänzendsten Sterne aus der Tiefe des Himmels hervor: sehr hoch, fast im Zenith, Arkturus in glänzendem Goldgelb; nach Osten hin, ziemlich in der Höhe, Wega in reinem Weiß; im Norden, Capella; im Westen, Kastor, Pollux und Prokyon. Auch ließen sich schon die sieben Sterne des Großen Bären, die Spika in der Jungfrau, der Regulus unterscheiden. Unmerklich besetzte sich das Firmament mit Sternen, welche einer nach dem andern hervortraten. Der Polarstern bezeichnete den einzigen unbeweglichen Punkt der Himmelskugel. Der Mond, dessen rötliche Scheibe durch das abnehmende Licht weniger rund erschien, ging auf. Mars glänzte im Südwesten zwischen Pollux und Regulus, Saturn im Südosten. Die Dämmerung wich langsam der geheimnisvollen Herrschaft der Nacht.

»Findest du nicht,« sagte sie, »daß alle diese Sterne wie Augen aussehen, die auf uns herabblicken?«

»Himmlische Augen, wie die deinigen. Was können sie auf Erden Schöneres sehen, als dich — und unsere Liebe?«

»Dennoch!« setzte sie hinzu.

»Ja, dennoch, die Welt, die Familie, die Gesellschaft, das Herkommen, die Sittengesetze, was weiß ich noch? Ich errate deine Gedanken. Alles dies haben wir vergessen, um, wie die Sonne, wie alle diese Gestirne, wie die schlagende Nachtigall, wie die ganze Natur, nur dem Gesetz der Anziehung zu gehorchen. Bald werden wir jenem gesellschaftlichen Herkommen schuldige Rechnung tragen, und dann können wir unsere Liebe laut verkündigen. Werden wir deshalb glücklicher sein? Kann man glücklicher sein, als wir es gerade in diesem Augenblicke sind?«

»Ich bin dein,« versetzte sie. »Was mich betrifft, bin ich nicht mehr auf der Welt; ich bin untergegangen in deinem Lichte, in deiner Liebe, in deinem Glück; und ich wünsche nichts, nichts mehr! Nein. Ich dachte an diese Sterne, diese auf uns gerichteten Augen, und ich fragte mich, wo heute alle jene Menschenaugen sind, die sie seit Jahrtausenden betrachtet haben, wie wir es heute abend thun; wo alle jene Herzen sind, die geschlagen haben, wie unser Herz in diesem Augenblicke schlägt; wo alle jene Seelen sind, die in unendlichem Kuß sich vermählt haben in dem Dunkel geschwundener Nächte.«

»Sie sind noch alle da. Nichts kann zerstört werden. Wir verbinden Himmel und Erde, und wir haben recht. In allen Jahrhunderten, bei allen Völkern, unter allen Glaubenssystemen hat die Menschheit immer diesen gestirnten Himmel über das Geheimnis ihrer Geschicke befragt. Es war dies eine Art Wahrsagung. Die Erde ist ein Gestirn des Himmels, ebenso wie Mars und Saturn, die wir dort unten sehen, dunkle, von derselben Sonne wie wir beleuchtete Himmelserden sind, und wie alle diese Sterne, welche ferne Sonnen sind. Dein Gedanke spricht aus, was das Menschengeschlecht gedacht hat, seit es besteht. Alle Blicke haben am Himmel die Antwort auf das große Rätsel gesucht, und von den ersten Zeiten der Götterlehre an hat Urania sie gegeben.

Und sie, diese göttliche Urania, wird immer darauf antworten. Sie hält Himmel und Erde in den Händen; sie läßt uns im Unendlichen leben ... Und scheint es denn nicht, als hätte das poetische Empfinden unserer Väter die Wissenschaft durch das Leben, die Anmut und die Liebe ergänzen wollen, wenn es in Urania das Studium des Weltalls personifizierte? Sie ist die Muse im eigentlichsten Sinne des Wortes. Ihre Schönheit scheint uns zu sagen, daß man, um die Astronomie und die Unendlichkeit wirklich zu verstehen ... verliebt sein müsse.«

Die Nacht brach herein. Der Mond, der langsam am östlichen Himmel heraufstieg, verbreitete in der Atmosphäre eine Helle, welche unmerklich an Stelle derjenigen der Dämmerung trat, und schon tauchten in der Stadt zu ihren Füßen hier und da einige Lichter auf. Sie hatten sich wieder von ihrem Sitz erhoben und standen innig umschlungen mitten auf dem höchsten Teile des Turmes. Sie war schön, umkränzt von der Fülle ihres Haarschmucks, dessen Locken über ihre Schultern herabflossen. Veilchen, Nelken, Flieder- und Mairosendüfte drangen bis zu ihnen aus den angrenzenden Gärten herauf und erhoben sich mit den sinneberauschenden weichen Nachtlüften zu den Sternen empor. Einsamkeit und Stille umgab sie. Ein langer Kuß vereinigte ihre Lippen.

Sie träumte noch. Ein flüchtiges Lächeln erhellte plötzlich ihre Züge und verschwand wieder wie ein vorüberschwebendes Bild.

»Woran denkst du?« sagte er.

»— Oh! es war nichts. Ein weltlicher, gewöhnlicher, gehaltloser Gedanke. Nichts.«

»Aber was?« drängte er, und schloß sie wieder in die Arme.

»— Nun, ich fragte mich, ob ... man in jenen andern Welten auch einen Mund habe ... denn, siehst du, der Kuß! die Lippen! ... —«

So vergingen Stunden, Tage, Wochen, Monde in inniger Vereinigung aller ihrer Gedanken, Empfindungen und Eindrücke. Beide geleitet durch eine gleichgroße Verachtung der niedrigen Leidenschaften und durch ein instinktives Aufsuchen der schönsten Orte, welche die irdische Natur für den göttlichschönen Roman ihrer Herzen darbieten konnte, flohen sie oft weit weg von dem Menschengewühl und suchten die tiefe Einsamkeit des Waldes oder den erhabenen Anblick des Meeres auf. Die schattigen Schluchten des Waldes von Fontainebleau, die ruhigen und lachenden Ufer der ihn begrenzenden Seine, die wilden, mit Heide- und Farnkräutern bewachsenen Einöden, der murmelnde Bach von Vaux des Cernay, der abgelegene Park von Rambouillet, die alten feudalen Türme von Étampes und Montlhéry, die SeineMündung bei Le Havre, die Thälchen von SainteAdresse, das den endlosen Horizont des Meeres beherrschende Vorgebirge La Hève, die grünenden Felsen von Granville, die altertümlichen Wälle des Mont St. Michel, umspült von den Wogen der Flut, und die Wunder seiner in den Wolken thronenden Abtei: sie alle dienten ihnen der Reihe nach als Feld ihrer Ausflüge, wohin sie, wie zwei nach Freiheit und Liebe sich sehnende Vögel, sich begaben, um zu träumen, zu singen, zu schlummern und wieder in Traum und Gesang sich zu verlieren.


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Ihr Mondnächte mit eurem glänzend hellen Licht, ihr Sonnenuntergänge mit euren goldenen Flammen, und ihr, stille Sterne der Nacht, die ihr über der Meerestiefe funkelt! Nie waren entzückensvollere Blicke auf euch gerichtet, nie haben menschliche Herzen in innigerer Gemeinschaft mit dem ewigen Hauch der weltbewegenden Liebe gepocht.


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Ja, so vergingen wie ein süßer Traum die Monate dieses köstlichen Frühlings, dieses heißen Sommers. Die Julisonne hatte schon in ihrem Wendepunkt gestanden, und die Zeit der Abreise Icléas nach ihrer Heimat war herbeigekommen. Am festgesetzten Tage reiste sie mit ihrem Vater nach Christiania ab. Aber konnten sie lange getrennt bleiben? Wenn in der Arithmetik eins und eins zwei ist, so kann man wohl sagen, daß in der Liebe eins und eins eins ist.

Spero folgte ihnen einige Tage später. Es war die Absicht des jungen Gelehrten, die Monate August und September in Norwegen zuzubringen und dort die Studien fortzusetzen, welche er im Jahr vorher über die atmosphärische Elektricität und die Nordlichter begonnen hatte; Beobachtungen, welche so besonders interessant für ihn waren, und welche er in Angriff zu nehmen kaum Zeit gehabt hatte.

Dieser Aufenthalt in Norwegen war die Fortsetzung des süßesten Traumes. Sie besuchten zusammen jene einsamen und stillen Seen, jene wilden mit Heidekraut bedeckten Hügel, jene ausgedehnten und schwermütigen Landschaften, welche an Schottland erinnern, wie es durch Ossian auf der Leier der alten Barden besungen wird. Alles redete zu ihnen von Unendlichkeit und Liebe. Die blonde Tochter des Nordens umgab ihren Freund mit einem Nimbus beständigen Reizes, welcher ihn vielleicht für immer die Reize der Wissenschaft hätte vergessen machen, wenn sie nicht, wie wir sahen, selbst eine unstillbare persönliche Neigung zum Studium gehabt hätte.


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Die Versuche, welche der unermüdliche Forscher angestellt hatte, interessierten sie ebensosehr wie ihn, und sie nahm sofort daran teil, indem sie als ergebener Gehilfe sich seinen merkwürdigen Forschungen leidenschaftlich anschloß. Auch sie wollte sich über die Natur jener rätselhaften Flammen des Nordlichts Rechenschaft geben, welche abends die Lüfte durchzucken, und als die Reihenfolge dieser Forschungen ihn auf den Wunsch brachte, eine Ballonfahrt zu unternehmen, um die Erscheinung bis in ihren Ursprung zu verfolgen, da empfand auch sie dasselbe Verlangen. Er versuchte, sie davon abzubringen, da diese aeronautischen Unternehmungen nicht ohne Gefahr sind. Aber schon der Gedanke an eine zu teilende Gefahr hätte genügt, sie taub gegen alle Bitten des Vielgeliebten zu machen. Nach langem Zögern entschied sich Spero, sie mitzunehmen, und bereitete an der Universität Christiania einen Aufstieg für die erste Nordlichtsnacht vor.


Kapitel V.
Das Nordlicht – Der Aufstieg im Luftballon
– Mitten im Himmel – Die Katastrophe

Die Schwankungen der Magnetnadel hatten schon vor Sonnenuntergang den Eintritt des Nordlichts angezeigt, und man hatte die Füllung des Ballons mit reinem Wasserstoffgas begonnen, weil der Himmel im magnetischen Norden wirklich jene durchsichtige, grüngoldene Färbung zeigte, welche immer ein sicheres Anzeichen eines Nordlichts ist. In einigen Stunden waren die Vorbereitungen beendigt. Die ganz wolkenlose Atmosphäre war vollkommen klar, die Sterne funkelten am Himmel in tiefer, vom Monde nicht erhellter Dunkelheit, die nur nach Norden hin durch ein sanftes Licht gemildert war, das sich in Bogenform über einem dunklen Segment erhob und leichte, etwas grünrosenfarbene Strahlen in die Höhe schoß, die dem Pulsieren eines unbekannten Lebens glichen. Der Vater Icléas, der bei der Füllung des Ballons zugegen war, ahnte die Mitreise seiner Tochter nicht; aber im letzten Augenblick bestieg sie die Gondel, wie wenn sie dieselbe besichtigen wollte, Spero gab ein Zeichen und der Ballon erhob sich langsam, majestätisch über der Stadt Christiania, welche, von Tausenden von Lichtern erhellt, unter den beiden Luftschiffern erschien und mit dem Entschwinden in der schwarzen Tiefe an Größe immermehr abnahm.


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Bald schwebte das in schiefer Richtung aufsteigende kleine Himmelsboot über schwarzen Ebenen und die erbleichende Helle verschwand ganz. Das Geräusch der Stadt hatte sich gleichzeitig entfernt, eine tiefe Stille, die absolute Stille der Höhen, umgab das Luftfahrzeug. Unter dem Eindruck dieser beispiellosen Stille, vielleicht besonders durch die Neuheit der Situation, preßte sich Icléa an die Brust ihres verwegenen Freundes. Sie stiegen rasch. Das Nordlicht schien sich herabzusenken, indem es sich unter den Sternen ausbreitete wie eine von elektrischen Leuchten durchzuckte wogende Draperie von Gold- und Purpurmohr. Mit Hilfe einer kleinen Kristallkugel, in der sich Leuchtkäfer befanden, beobachtete Spero seine Instrumente und schrieb die den erreichten Höhen entsprechenden Indikationen auf. Das Luftschiff stieg immerfort. Welche unendliche Freude für den Forscher! In einigen Minuten sollte er an dem höchsten Punkte des Nordlichts schweben, sollte die Antwort auf die Frage nach der Höhe der Strahlenkrone finden, die von so vielen Physikern und besonders von seinen geliebten Lehrern, den beiden großen »Psychologen und Philosophen« Oersted und Ampère, vergebens gestellt wurde.

Die Aufregung Icléas hatte sich gelegt. »Hast du dich denn gefürchtet?« fragte sie ihr Freund. »Der Ballon ist sicher. Es ist kein Unfall zu fürchten. Alles ist berechnet. Wir werden in einer Stunde uns niederlassen. Es ist keine Spur von Wind auf der Erde.«

»Nein,« sagte sie, während ein himmlischer Glanz sie mit einem durchsichtigen, rosigen Schimmer beleuchtete; »aber es ist so seltsam, es ist so schön, so göttlich! Und es ist so großartig für mich, die ich so klein bin! Ich habe einen Augenblick geschaudert. Es scheint mir, als liebe ich dich mehr als je.«

Und indem sie ihre Arme um seinen Hals schlang, küßte sie ihn in langer, endloser, inniger Umarmung.

Der einsame Ballon schiffte still in den luftigen Höhen, — eine durchsichtige, mit dünner Seide überzogene Gaskugel, bei der man von der Gondel aus sehen konnte, wie die senkrechten Gürtel oben an der Kapsel des Ventils zusammenliefen, während der untere Teil des Ballons wegen der Ausdehnung des Gases weit offen blieb. Die Sternenhelle, von welcher Corneille redet, hätte in Ermangelung des Leuchtens des Nordlichts genügt, um das Ganze des kleinen Luftfahrzeugs erkennen zu lassen. Die Gondel, die an dem Netz hing, welches die seidene Kugel umgab, war vermittelst acht starker Stricke befestigt, die in den Korb der Gondel verflochten waren und unter den Füßen der Luftschiffer hindurchliefen. Die Stille war tief, feierlich; man hätte das Pochen ihrer Herzen hören können. Das letzte Geräusch von der Erde her war verstummt.


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Man schiffte in einer Höhe von etwa 5000 Metern mit unbekannter Schnelligkeit, da der Wind in den oberen Schichten das Luftschiff entführt, ohne daß man das geringste Wehen davon verspürt, der Ballon treibt mit der Luft fort, wie ein verhältnismäßig unbewegliches Molekül in der es mit sich fortreißenden Strömung. Als einzige Bewohner jener hocherhabenen Regionen freuten sich unsere beiden Reisenden jener seltenen Glückseligkeit, welche die Luftschiffer kennen, wenn sie jene scharfe und dünne Luft geatmet, auf die unteren Regionen herabgeblickt und in der Stille der Himmelsräume die Alltäglichkeiten des Erdenlebens vergessen haben; und besser als einer ihrer Vorgänger erkannten sie den Reiz dieser in ihrer Art einzigen Situation, indem sie denselben durch das Gefühl ihres eigenen Glückes verdoppelten, verzehnfachten. Sie sprachen leise, wie wenn sie gefürchtet hätten, von den Engeln gehört zu werden und zu sehen, wie der magische Zauber, der sie in der Nachbarschaft des Himmels festhielt, entweiche. Manchmal traf sie ein plötzliches Aufleuchten, die Ausstrahlung des Nordlichtes, dann aber fiel alles in eine um so tiefere und unergründlichere Finsternis zurück.

Sie trieben so in ihrem Traum unter den Sternen dahin, als urplötzlich ein Geräusch wie ein dumpfes Zischen an ihr Ohr schlug. Sie horchten, neigten sich über die Gondel hinaus und lauschten. Dieses Geräusch kam nicht von der Erde herauf. War es ein elektrisches Säuseln des Nordlichts? War es ein magnetisches Gewitter in den Höhen? Blitze schienen aus der Tiefe des Raums auf sie herzukommen, sie zu umflammen und zu erlöschen. Sie horchten atemlos. Das Geräusch war ganz nahe bei ihnen ... Das Gas entwich aus dem Ballon.

Sei es, daß das Ventil sich von selbst geöffnet hatte, sei es, daß sie selbst durch ihre Bewegungen einen Druck auf den Strick ausgeübt hatten: das Gas strömte aus.

Spero erkannte schnell, aber mit Schrecken die Ursache dieses beunruhigenden Geräusches; denn es war unmöglich, die Klappe wieder zu schließen. Er sah nach dem Barometer, welches langsam wieder zu steigen begann; der Ballon fing also an zu fallen. Und der erst langsame, aber unvermeidliche Fall mußte in mathematischer Proportion zunehmen. Als Spero nach unten blickte, sah er, wie die Flammen des Nordlichts sich in der klaren Oberfläche eines großen Sees spiegelten.


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Der Ballon sank schnell und war nur noch 3000 Meter über dem Boden. Scheinbar seine ganze Ruhe bewahrend, aber ohne sich über das Hereinbrechen der Katastrophe zu täuschen, warf der unglückliche Luftschiffer nach und nach die beiden noch übrigen Säcke Ballast, die Decken, die Instrumente, den Anker über Bord und machte die Gondel leer; aber diese ungenügende Erleichterung konnte die erlangte Fallgeschwindigkeit nur einen Augenblick verlangsamen. Fortwährend sinkend oder vielmehr jetzt mit unerhörter Schnelligkeit fallend, stand der Ballon rasch bloß noch einige hundert Meter über dem See. Ein heftiger Wind begann von unten nach oben zu wehen und ihnen um die Ohren zu sausen.

Der Ballon wirbelte um sich selbst, wie wenn eine Windhose ihn gefaßt hätte. Auf einmal fühlte Georges Spero eine heftige Umarmung und einen langen Kuß auf seinen Lippen: »Mein Gebieter, mein Gott, mein Alles, ich liebe dich!« rief sie, und indem sie zwei Stricke auseinanderbog, stürzte sie sich in die Tiefe.

Der vom Ballast entleerte Ballon flog wie ein Pfeil wieder in die Höhe; Spero war gerettet.

Der Sturz von Icléas Körper in das tiefe Wasser des Sees verursachte mitten in stiller Nacht ein dumpfes, seltsames, entsetzliches Geräusch.

Rasend vor Schmerz und Verzweiflung, fühlte er, wie ihm die Haare zu Berge standen, machte die Augen weit auf und sah doch nichts; mehr als 1000 Meter hoch wieder hinaufgetragen, zog er an dem Strick des Ventils in der Hoffnung, sogleich wieder nach der Unglücksstelle zurückzufallen; doch der Strick versagte den Dienst. Er suchte, tastete umher, aber umsonst. Unter seiner Hand fühlte er den kleinen Schleier seiner Geliebten, ein leichtes, wohlriechendes, noch von dem berauschenden Dufte seiner schönen Gefährtin getränktes Schleierchen, welches an einem der Stricke hängen geblieben war; er betrachtete die Stricke genau, glaubte die Spur der kleinen, daran geklammert gewesenen Finger wieder daran zu finden, und indem er seine Hände auf die Stelle legte, auf welche einige Sekunden zuvor Icléa die ihrigen gelegt hatte, schwang er sich hinaus.

Einen Augenblick blieb sein Fuß in den Seilen verstrickt; aber er hatte die Kraft, sich loszumachen, und fiel wirbelnd in die Luft.

Ein Fischerkahn, von dem aus man das Ende des Dramas mit angesehen hatte, war mit aller Kraft nach dem Punkte hingesteuert, wo das junge Mädchen herabgestürzt war, und es war gelungen, sie aufzufinden und in das Boot aufzunehmen. Sie war nicht tot. Aber alle Sorgfalt, die an sie verschwendet wurde, konnte nicht verhindern, daß das Fieber sie ergriff und hinwegraffte. Die Fischer kamen des Morgens in einen der kleinen Häfen an den Ufern des Sees und verbrachten sie in ihre bescheidene Hütte, ohne daß sie das Bewußtsein wieder erlangte. »Georges!« sagte sie, als sie die Augen aufschlug, »Georges!« und das war alles. Am andern Morgen hörte sie, wie die Dorfglocke ein Trauergeläute tönte. »Georges!« wiederholte sie, »Georges!« Man hatte seinen Körper in einiger Entfernung vom Ufer im Zustand einer formlosen Masse aufgefunden; sein Sturz aus einer Höhe von mehr als 1000 Metern hatte über dem See angefangen, aber der Körper, welcher die durch den Ballon erlangte wagrechte Geschwindigkeit beibehalten hatte, war nicht senkrecht heruntergefallen, sondern schief, wie wenn er längs eines dem Striche des Ballons folgenden Fadens herabgeglitten wäre, und wie eine vom Himmel gestürzte Masse auf einer an das Seeufer stoßenden Wiese aufgefallen, hatte seine Spur dem Boden tief eingedrückt und war dann mehr als einen Meter weit abgeprallt; aber sogar seine Gebeine waren zu Staub zermalmt und das Gehirn aus dem Schädel gespritzt. Sein Grab hatte sich kaum geschlossen, so mußte man neben demselben dasjenige Icléas bereiten, welche, mit erlöschender Stimme »Georges! Georges!« wiederholend, verschieden war.

* * *


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Ein einziger Stein bedeckte ihre beiden Gräber und dieselbe Weide breitete ihren Schatten über ihren Schlummer. Noch heute bewahren die Uferanwohner des schönen Sees von Tyrifjorden das schwermütige Andenken an die fast zur Legende gewordene Katastrophe in ihren Herzen, und man zeigt dem Reisenden den Grabstein nicht, ohne mit dem Andenken an sie auch die Klage über einen geschwundenen süßen Traum zu verbinden.


Kapitel VI.
Der ewige Fortschritt – Eine magnetische Sitzung

Die Tage, Wochen, Monate, Jahreszeiten und Jahre vergehen auf unserm Planeten schnell und jedenfalls auch auf den andern. Mehr als zwanzigmal schon hat die Erde ihre jährliche Umwälzung um die Sonne seit dem Tage vollendet, an dem das Geschick das Buch, welches meine beiden jungen Freunde seit fast einem Jahre lasen, so tragisch schloß; ihr Glück war kurz, ihr Morgen verging wie ein Frührot. Ich hatte sie, wenn auch nicht vergessen,* so doch wenigstens aus dem Gesicht verloren, als ich erst ganz kürzlich in einer hypnotischen Sitzung in Nancy, wo ich mich auf meiner Reise in die Vogesen einige Tage aufhielt, mich veranlaßt sah, Fragen an ein »Medium« zu stellen, mit dessen Hilfe die gelehrten Experimentatoren der Akademie Stanislaus einige jener wirklich erstaunlichen Resultate erzielten, über welche uns die wissenschaftliche Presse seit einigen Jahren unterhält. Ich weiß nicht, wie es kam, daß sich zwischen ihm und mir die Unterhaltung über den Planeten Mars entspann.

* Es giebt manchmal Fälle seltsamen Zusammentreffens. Am Tage, wo Spero den Aufstieg ausführte, der ihm so verhängnisvoll werden sollte, wußte ich, daß er sich in die Lüfte aufgeschwungen hatte; die ungewöhnliche Unruhe der Magnetnadel in Paris, wo ich geblieben war, hatte das Vorhandensein des von ihm für diese Luftreise so gespannt erwarteten starken Nordlichtes angekündigt. Man weiß wirklich, daß die Nordlichter sich in der Ferne durch magnetische Störungen kundgeben. Aber was mich am meisten überraschte, und wofür ich noch keine Erklärung gefunden habe, ist, daß ich gerade in der Unglücksstunde ein nicht zu bezeichnendes Unwohlsein empfand, und dann eine Art von Vorahnung, daß ihm ein Unglück zugestoßen wäre. Die Depesche, welche mir seinen Tod anzeigte, fand mich fast darauf vorbereitet.

Nachdem mir dieses Medium eine Strandgegend eines den Astronomen unter dem Namen »Sandbüchse« bekannten Meeres und eine sich aus diesem Ocean erhebende vereinzelte Insel, sowie die malerischen Landschaften und die rötliche Vegetation beschrieben hatte, welche jene Gestade schmücken, nebst den von den Wogen gepeitschten Klippen und den sandigen Küsten, an denen die Wellen verlaufen, erbleichte es plötzlich und fuhr mit der Hand nach der Stirn; seine Augen schlossen sich, seine Augenbrauen zogen sich zusammen; es schien einen flüchtigen Gedanken, der ihm immer wieder entfiel, festhalten zu wollen. »Sieh!« rief Doktor B. ..., indem er sich wie ein nicht zu umgehender Befehl vor es stellte. »Sieh! ich will es.«

»Sie haben da Freunde,« sagte er zu mir.

»Das überrascht mich nicht sehr,« erwiderte ich lachend, »ich habe genug für sie gethan.« *

* Anspielung auf die Beobachtungen des Mars durch den Verfasser. (D. Ü.)

»Zwei Freunde,« fügte er hinzu, »welche in diesem Augenblick von Ihnen sprechen.«

»Oh! oh! Leute, welche mich kennen?«

»Ja.«

»Und wie kommt das?«

»Die Leute haben Sie hier gekannt.«

»Hier?«

»Hier auf der Erde.«

»Ah! Ist es schon lange?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sind sie jung?«

»Ja, es sind zwei Liebende, welche sich vergöttern.«

Nun traten mir die Züge meiner betrauerten Freunde wieder ganz lebendig vor die Seele. Doch kaum hatte ich sie wieder erblickt, so rief das Medium diesmal mit festerer Stimme:

»Sie sind es!«

»Wie wissen Sie das?«

»Ich sehe es. Es sind dieselben Seelen. Dieselben Farben.«

»Wieso dieselben Farben?«

»Ja, die Seelen sind Licht.«

Einige Augenblicke darauf fügte es hinzu:

»Doch es besteht ein Unterschied.«

Dann blieb es still, mit gefalteter Stirne. Aber als sein Gesicht wieder ganz ruhig und heiter wurde, fuhr es fort:

»Er ist sie, die Frau, geworden. Sie ist jetzt er, der Mann. Sie lieben sich noch mehr wie früher.«

Wie wenn es selbst nicht verstanden hätte, was es soeben gesagt hatte, schien es eine Erklärung dafür zu suchen, machte, nach der Zusammenziehung aller Gesichtsmuskeln zu schließen, mühsame Anstrengungen und verfiel in eine Art Starrsucht, aus welcher es Doktor B. sogleich erweckte. Doch der Augenblick des Hellsehens war vorbei und kam nicht mehr.


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Ich teile den Lesern dieser Erzählung zum Schlusse letzteres Vorkommnis so mit, wie es sich vor meinen Augen zugetragen hat und ohne Erläuterungen. Hatte nun das Medium, nach der zur Zeit von einigen Hypnotiseuren aufgestellten Hypothese, unter dem Einfluß meines eigenen Gedankens gestanden, als der Professor ihm befahl, mir zu antworten? Oder hatte es sich, unabhängiger, wirklich »losgelöst« und über unsere Sphäre hinausgeblickt? Ich will mir nicht erlauben, hierüber zu entscheiden. Vielleicht wird die Fortsetzung dieser Erzählung es lehren.

Indessen gestehe ich in aller Offenheit, daß die Wiedergeburt meines Freundes und seiner verehrten Gefährtin auf jener Welt des Mars dem Auge des Denkers als die logische und natürliche Fortsetzung ihres so jäh unterbrochenen Erdendaseins erscheinen kann, da ja jene Welt unserem Wohnplatz benachbart und so merkwürdig ähnlich, jedoch viel älter und ohne Zweifel auf der Bahn des Fortschritts uns vorangeeilt ist.

Ohne Zweifel hatte Spero das Wahre getroffen, als er es aussprach, daß die Materie nicht das sei, was sie zu sein scheine, daß der Schein trüge, daß das Wirkliche das Unsichtbare sei, daß die Lebenskraft unzerstörbar, daß im Absoluten das unendlich Große mit dem unendlich Kleinen identisch sei, daß die Himmelsräume nicht undurchdringbar und daß die Seelen die Saat der planetarischen Menschengeschlechter seien. Wer weiß, ob die Philosophie des Dynamismus nicht eines Tags den Aposteln der Astronomie die Religion der Zukunft offenbaren wird? Trägt Urania nicht die Fackel, ohne welche jedes Problem unlösbar ist, ohne welche uns die ganze Natur in undurchdringlicher Finsternis begraben bliebe?

Der Himmel muß die Erde, das Unendliche muß die Seele und ihre immateriellen Kräfte erklären.

Das Unbekannte von heute ist die Wahrheit von morgen.

Die folgenden Seiten werden uns vielleicht das geheimnisvolle Band ahnen lassen, welches das Vergängliche mit dem Ewigen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, die Erde mit dem Himmel verknüpft.


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*

Dritter Teil. Himmel und Erde


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Kapitel I.
Die Telepathie – Das Unbekannte von gestern –
Das »Wissenschaftliche« –Die Erscheinungen –
Unerklärte Phänomene – Die Seelenkräfte –
Die Seele und das Gehirn

Die magnetische Sitzung in Nancy hatte einen tiefen Eindruck in meinem Geiste zurückgelassen. Sehr oft hatte ich an meinen verschwundenen Freund gedacht, an seine Forschungen auf den noch unerschlossenen Gebieten der Natur und des Lebens, an seine von aufrichtigem Streben nach Wahrheit geleiteten, eigenartigen analytischen Untersuchungen über das geheimnisvolle Problem der Unsterblichkeit. Aber ich konnte nicht mehr an ihn denken, ohne ihn mit der Idee einer auf dem Planeten Mars möglichen Wiedermenschwerdung in Verbindung zu bringen.

Diese Idee schien mir zwar kühn, verwegen, rein in der Einbildung bestehend, wenn man will, aber nicht absurd. Die Entfernung von hier bis zum Mars ist gleich Null hinsichtlich der Fernwirkung der Anziehungskraft; sie ist bedeutungslos für die Fortpflanzung des Lichts, da ja einer Lichtwelle einige Minuten genügen, um diese Millionen von Meilen zu durchlaufen. Ich dachte an den Telegraphen, an das Telephon, an den Phonographen, an die Übertragung des Willens eines Magnetiseurs auf sein Medium durch eine Entfernung von mehreren Kilometern hindurch, und manchmal sah ich mich vor die Frage gestellt, ob nicht irgend ein wunderbarer Fortschritt in der Wissenschaft mit einem Male eine himmlische Brücke schlagen könnte zwischen unserer Welt und ihren gleichgearteten Genossen in dem unendlichen Raum.

An den folgenden Abenden beobachtete ich, da tausend andere Gedanken mich beschäftigten, den Mars nur zerstreut durch das Teleskop. Der Planet war dessenungeachtet bewundernswert, wie er es den ganzen Frühling und Sommer 1888 gewesen war.. Ungeheure Überschwemmungen hatten auf einem seiner Kontinente, auf Libyen, stattgefunden, wie dies die Astronomen im Jahr 1882 und unter verschiedenen Umständen beobachtet hatten. Man erkannte, daß seine Witterungs- und klimatischen Verhältnisse nicht wie die unsrigen sind, und daß die Wassermassen, welche ungefähr die Hälfte des Planeten bedecken, eigentümliche Verschiebungen und periodische Veränderungen erfahren, von denen die Geographie unserer Erde keine Vorstellung geben kann.


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Die Schneemassen am Nordpol hatten sehr abgenommen, was bewies, daß der Sommer auf dieser Halbkugel ziemlich heiß gewesen war, obgleich die Temperatur nicht so hoch war, als auf der südlichen Halbkugel. Übrigens waren während der ganzen Reihe unserer Beobachtungen sehr wenig Wolken auf dem Mars. Doch, kaum glaublich, nicht diese astronomischen Thatsachen, die doch so wichtig sind und die Grundlagen unserer Konjekturen bilden, interessierten mich am meisten, sondern das, was der Magnetisierte mir über Georges und Icléa gesagt hatte. Die phantastischen Bilder, welche mein Gehirn durchkreuzten, verhinderten mich, eine wirklich wissenschaftliche Beobachtung zu machen. Ich fragte mich hartnäckig, ob es keinen Verkehr zwischen zwei weit von einander entfernten Wesen und selbst zwischen einem Toten und einem Lebendigen geben könnte, und jedesmal sagte ich mir, daß eine solche Frage an sich unwissenschaftlich und eines positiven Geistes unwürdig sei.

Doch, was nennen wir nach allem »Wissenschaft«? Was ist in der Natur nicht wissenschaftlich? Wo sind die Grenzen des positiven Studiums? Hat das Gerippe eines Vogels wirklich einen wissenschaftlicheren Charakter als sein Gefieder mit den lebhaften Farben und sein Gesang mit den so feinen Nüancen? Ist das Skelett einer hübschen Frau beachtenswerter als ihre Muskulatur und ihre lebende Gestalt? Ist die Analyse der Gemütsbewegungen nicht »wissenschaftlich«? Ist es nicht wissenschaftlich, zu untersuchen, ob die Seele wirklich von fern sehen kann, und wie? Und dann, was ist das für eine sonderbare Eitelkeit, für eine einfältige Anmaßung, uns einzubilden, die Wissenschaft habe ihr letztes Wort gesprochen; wir kennten alles, was es zu kennen giebt; unsere fünf Sinne reichten aus, um die Natur des Weltalls ganz zu verstehen? Läßt sich nach dem, was wir über die um uns her wirkenden Kräfte, die Anziehung, die Wärme, das Licht, die Elektricität, ermitteln, sagen, daß es keine andern Kräfte mehr gebe, welche uns entgehen, weil wir keine Sinne haben, sie wahrzunehmen? Nicht jene Hypothese ist absurd, sondern die Einfalt der Pädagogen und der klassisch Gebildeten. Wir lächeln über die Ideen der Astronomen, der Physiker, der Ärzte, der Theologen, die vor drei Jahrhunderten lebten; werden nach drei Jahrhunderten unsere Nachfolger in den Wissenschaften ihrerseits nicht auch über die Behauptungen derjenigen lächeln, welche heute alles zu kennen vorgeben?

Die Ärzte, denen ich vor fünfzehn Jahren die von mir in gewissen Versuchen beobachteten magnetischen Erscheinungen erzählte, verneinten alle aus Überzeugung die Wirklichkeit der beobachteten Thatsachen. Kürzlich begegnete ich einem von ihnen im Institut. »O,« sagte er etwas schalkhaft, »damals war es Magnetismus, heute ist es Hypnotismus, und w i r studieren ihn. Das ist etwas ganz Verschiedenes.«

M o r a l : Verneinen wir nichts aus Voreingenommenheit. Studieren wir, stellen wir die Thatsachen fest; die Erklärung kommt später.


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In solcher Geistesverfassung war ich, als beim Hin- und Hergehen in meiner Bibliothek mein Blick auf eine hübsche Ausgabe von Cicero fiel, die ich seit lange nicht bemerkt hatte. Ich nahm einen Band, öffnete ihn gedankenlos auf der ersten besten Seite und las folgendes:

»Zwei Freunde kommen nach Megara und nehmen getrennt Wohnung. Kaum ist der eine derselben eingeschlafen, so sieht er seinen Reisegefährten vor sich, der ihm mit betrübter Miene meldet, daß sein Wirt vorhabe, ihn zu ermorden, und ihn flehentlich bittet, ihm sobald als möglich zu Hilfe zu kommen. Der andere erwacht wieder, aber überzeugt, daß ein Traum ihn geneckt habe, schläft er gleich wieder ein. Sein Freund erscheint ihm nochmals und beschwört ihn, sich zu eilen, weil die Mörder eben in das Zimmer eindringen wollen. Schon unruhiger, wundert er sich über das Fortdauern dieses Traumes und ist gesonnen, seinen Freund aufzusuchen; allein die Überlegung und die Müdigkeit siegen zuletzt; er legt sich wieder. Nun zeigt sich ihm sein Freund zum dritten Male, bleich, blutend, entstellt. ›Unglücklicher,‹ sagte er zu ihm, ›du bist nicht gekommen, als ich dich anflehte! Es ist geschehen, jetzt räche mich. Bei Sonnenaufgang wird dir am Stadtthor ein Düngerwagen begegnen; halte ihn an und befiehl, ihn abzuladen; du wirst meinen Leichnam in der Mitte verborgen finden; lasse mir die Ehren der Bestattung erweisen und verfolge meine Mörder.‹


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Eine so große Ausdauer, solche so zusammenhängende Einzelheiten gestatten kein längeres Zögern: der Freund steht auf, eilt an das bezeichnete Thor, findet dort den Wagen, stellt den Fuhrmann, welcher unruhig wird, und nach einigem Suchen wird der Leichnam seines Freundes entdeckt.«


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Diese Erzählung schien meinen Ansichten über die unbekannten Größen in dem wissenschaftlichen Problem eigens zu Hilfe zu kommen. Ohne Zweifel fehlen die Hypothesen nicht, um auf das Fragezeichen zu antworten. Man kann sagen, daß sich die Sache nicht so zugetragen habe, wie sie erzählt wird; daß sie vergrößert, übertrieben worden sei; daß zwei Freunde, die in einer fremden Stadt ankommen, einen Unfall befürchten können; daß man, wenn man für das Leben eines Freundes fürchte, nach den Anstrengungen einer Reise und in tiefer Stille der Nacht dazu kommen könne, zu träumen, er sei das Opfer eines Mordes. Bezüglich des Nebenumstandes mit dem Wagen können die Reisenden einen solchen im Hofe des Wirtes gesehen haben, und das Prinzip der Ideenassociation verbindet ihn sogleich mit dem Traum. Ja, man kann alle diese Hypothesen zur Erklärung aufstellen; allein, es sind eben nur Hypothesen. Zugegeben, daß wirklich ein Verkehr zwischen dem Toten und dem Lebenden stattgefunden habe, ist auch eine andere Hypothese.

Sind solche Vorkommnisse sehr selten? — Es scheint nicht. Ich erinnere mich unter andern einer Mitteilung, die mir durch einen alten Jugendfreund, Jean Best, gemacht wurde, welcher mit meinem weltbekannten Freunde, Édouard Charton, im Jahr 1833 das Magasin pittoresque gründete und seit einigen Jahren tot ist. Es war ein ernster, kühler, methodischer Geist (ein geschickter Schriftschneider und gewissenhafter Verwaltungsbeamter); alle, welche ihn gekannt haben, wissen, wie wenig nervös sein Temperament war und wie weit sein Geist von Dingen der Einbildung entfernt war. Nun! folgender Vorfall ist ihm selbst begegnet, als er noch Kind war, im Alter von fünf bis sechs Jahren.

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Es war in Toul, seiner Vaterstadt. Als er an einem schönen Abend in seinem Bettchen lag, ohne zu schlafen, sah er, wie seine Mutter ins Zimmer trat, durch dasselbe ging und sich in den anstoßenden Salon begab, dessen Thür offen stand, und wo sein Vater mit einem Freunde Karten spielte.

Nun befand sich aber seine Mutter zu jener Zeit krank in Pau. Er stieg sogleich aus seinem Bett und lief nach seiner Mutter hin bis zum Salon, wo er sie vergeblich suchte. Sein Vater zankte ihn einigermaßen ungeduldig und schickte ihn mit der Versicherung, daß er geträumt hätte, wieder weg, um sich zu legen.

Nun versuchte das Kind, was jetzt wirklich glaubte, geträumt zu haben, wieder einzuschlafen. Als es aber einige Zeit nachher die Augen wieder aufgeschlagen hatte, sah es zum zweiten Male und sehr deutlich seine Mutter, welche wieder nahe an ihm vorbeiging, und diesmal stürzte er auf sie zu, um sie zu küssen. Aber sie verschwand sofort. Es wollte sich nicht wieder legen und blieb im Salon, wo sein Vater fortspielte.

An demselben Tag, um dieselbe Stunde starb seine Mutter in Pau.

Ich weiß dies von Herrn Best selbst, welcher es in unauslöschlichster Erinnerung behalten hatte. Wie ist es zu erklären? Man kann sagen, daß das Kind, da es seine Mutter krank wußte, oft an sie dachte, und daß es eine Hallucination gehabt habe, welche zufällig mit dem Tode seiner Mutter zusammenfiel. Das ist möglich. Aber man kann auch denken, daß ein sympathisches Band zwischen Mutter und Kind bestanden habe, und daß in jenem feierlichen Augenblick die Seele dieser Mutter mit der ihres Kindes in Verkehr gestanden habe. Wie denn? wird man fragen. Wir wissen nichts darüber. Aber alles, was wir n i c h t wissen, verhält sich zu dem, was wir wissen, wie der Ocean zu einem Wassertropfen.

H a l l u c i n a t i o n e n ! Das ist schnell gesagt. Wieviele medizinische Werke sind nicht schon über diesen Gegenstand geschrieben worden! Jedermann kennt dasjenige von Brierre de Boismont. Aus der Menge von Beobachtungen, welche darin zusammengestellt sind, wollen wir bei diesem Anlaß die beiden folgenden anführen:

»Beobachtung 84. — Als der König Jakob zur Zeit der Pest in London nach England kam und sich auf dem Lande mit dem alten Cambden bei Sir Robert Cotton befand, sah er im Traum seinen noch im Kindesalter stehenden ältesten Sohn, der damals in London lebte, mit einem blutigen Kreuz auf der Stirn, wie wenn er durch einen Degen verwundet worden wäre. Erschreckt durch diese Erscheinung begann er zu beten und begab sich des Morgens in das Zimmer von Sir Cambden, dem er das nächtliche Ereignis erzählte; dieser beruhigte den König, indem er ihm sagte, daß ein Traum sein Spiel mit ihm getrieben habe und daß er sich nicht darüber ängstigen möchte. Denselben Tag erhielt der König einen Brief von seiner Frau, welche ihm den Verlust des an der Pest gestorbenen Sohnes meldete. Als das Kind sich seinem Vater zeigte, hatte es den Wuchs und die Körperverhältnisse eines erwachsenen Mannes.«

»Beobachtung 87. — Fräulein R. ..., die mit einem ausgezeichneten Urteil begabt und fromm war, ohne bigott zu sein, wohnte vor ihrer Verheiratung in dem Hause ihres Oheims, eines berühmten Arztes und Mitglieds des Instituts. Sie lebte getrennt von ihrer Mutter, die in der Provinz von einer recht schweren Krankheit befallen worden war. Eines Nachts träumte diese junge Dame, daß sie dieselbe bleich, entstellt, in den letzten Zügen liegend, vor sich gesehen habe, wie sie ihr besonders ihr lebhaftes Bedauern bezeugt habe, nicht von ihren Kindern umgeben zu sein, von denen das eine, ein Geistlicher an einer Pariser Pfarrei, nach Spanien ausgewandert war, und das andere in Paris lebte. Bald hörte sie sich von ihr mehrere Male mit ihrem Taufnamen rufen; sie sah in ihrem Traum, wie die ihre Mutter umgebenden Personen, welche dachten, sie verlange nach ihrer denselben Namen tragenden Enkelin, diese in dem anstoßenden Zimmer suchten; ein Zeichen der Kranken belehrte sie, daß nicht diese, sondern ihre in Paris wohnende Tochter es sei, welche sie zu sehen wünschte. Ihr Gesicht drückte den Schmerz über deren Abwesenheit aus; plötzlich zerfielen ihre Züge und bedeckten sich mit Todesblässe; sie fiel leblos auf ihr Lager zurück.

Am folgenden Morgen erschien Fräulein R. sehr traurig vor ihrem Oheim D. ..., der sie nach der Ursache ihres Kummers fragte; sie erzählte ihm alle Einzelheiten des Traums, welcher sie so sehr geängstigt hatte. Als D. sie in dieser Gemütsverfassung sah, zog er sie an sein Herz und gestand ihr, daß die Nachricht nur zu wahr und ihre Mutter vor ganz kurzem gestorben sei; auf weitere Erklärungen ging er aber nicht ein.

Einige Monate nachher, als Fräulein R. die Abwesenheit ihres Oheims zum Ordnen seiner Papiere benutzte, die er, wie viele andere Gelehrte, nicht gerne berührt wünschte, fand sie einen Brief, der ihrem Oheim die näheren Umstände des Todes ihrer Mutter erzählte. Wie groß war aber ihre Überraschung, als sie alle Einzelheiten ihres Traumes darin las.«

Hallucination! Zufälliges Zusammentreffen! Ist das wohl eine genügende Erklärung? Auf jeden Fall ist es eine Erklärung, welche gar nichts erklärt.

Eine Menge Unwissender jeden Alters und Berufs, Rentiers, Kaufleute oder Deputierte, Skeptiker von Temperament oder aus Neigung, erklären einfach, daß sie an alle diese Geschichten nicht glauben, und daß nichts Wahres daran sei. Das ist nun auch keine gültige Lösung. Denkende Köpfe können sich mit einer so leichten Verneinung nicht begnügen.

Eine Thatsache ist eben eine Thatsache. Man kann sie selbst dann nicht aus der Welt schaffen, wenn es unmöglich ist, sie bei dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse zu erklären.

Sicherlich bezeugen ja die medizinischen Jahrbücher, daß es wirklich Hallucinationen mehr als einer Art giebt, und daß gewisse nervöse Organisationen ihnen ausgesetzt sind. Aber von da bis zu dem Schlusse, daß alle unerklärten psychobiologischen Erscheinungen Hallucinationen seien, ist ein himmelweiter Abstand.

Der wissenschaftliche Geist unseres Jahrhunderts sucht mit Recht alle diese Thatsachen von den trügerischen Nebeln des Übernatürlichen zu befreien, da es ja nichts Übernatürliches giebt und die Natur, deren Reich unendlich ist, alles umfaßt. Seit einigen Jahren hat sich bekanntlich in England eine besondere wissenschaftliche Gesellschaft, die Society for Psychical Research, zum Studium dieser Erscheinungen gebildet; an ihrer Spitze stehen einige der berühmtesten Gelehrten jenseits des Kanals, und sie hat schon wichtige Beiträge zur Sache geliefert. Diese visionären Erscheinungen in der Ferne werden unter der allgemeinen Bezeichnung »Telepathie« (τελε fern, παθος Empfindung) zusammengefaßt. Um die Zeugnisse dafür zu kontrollieren, werden genaue Nachforschungen angestellt. Die Mannigfaltigkeit dieser Zeugnisse ist beträchtlich. Blättern wir einen Augenblick in einer dieser Sammlungen* und greifen wir einige ganz ordnungsmäßig und sehr wissenschaftlich abgefaßte Dokumente heraus.

* Phantasms of the Living, von E. Gurney und Fr. Myers, Professoren an der Universität Cambridge, und Frank Podmore, London, 1886. Die Society for Psychical Research hat zum Präsidenten den Professor Balfour Stewart, Mitglied der Königlichen Gesellschaft in London.

In dem folgenden erst kürzlich beobachteten Fall war der Zeuge durchaus wach, wie der geneigte Leser und ich in diesem Augenblick. Es handelt sich um einen gewissen Robert Bee, der in Wigan (England) wohnt. Jener merkwürdige, vom Beobachter selbst verfaßte Bericht lautet folgendermaßen:

»Am 18. Dezember 1873 begaben wir uns, meine Frau und ich, zur Familie der letzteren nach Southport und ließen meine Eltern allem Anschein nach vollkommen gesund zurück. Den andern Tag waren wir nachmittags auf einem Spaziergang am Meeresufer, als mich eine so tiefe Traurigkeit anwandelte, daß es mir unmöglich war, mich für irgend etwas zu interessieren, so daß wir gleich wieder nach Hause gingen.

Auf einmal klagte meine Frau über ein gewisses schmerzhaftes Gefühl und sagte, daß sie sich auf einige Minuten in das Zimmer ihrer Mutter begebe. Einen Augenblick nachher erhob ich mich aus meinem Sessel und ging in den Salon.

Eine zum Ausgehen gekleidete Dame kam aus dem anstoßenden Schlafzimmer heraus in meine Nähe. Ich konnte ihre Züge nicht sehen, weil sie nicht nach mir hinblickte; dennoch redete ich sie sofort mit einem Gruße an, erinnere mich aber nicht mehr, was ich zu ihr sagte.

In demselben Augenblick und während sie vor mir herging, kam meine Frau aus dem Zimmer ihrer Mutter wieder heraus und ging genau an der Stelle, wo ich jene Dame sah, ohne daß sie dieselbe zu bemerken schien. Ich rief ihr höchst überrascht zu: ›Wer ist denn jene Dame, an welcher du gerade eben vorbeigingst?‹

›Aber ich bin ja doch an niemand vorbeigegangen?‹ erwiderte meine Frau noch erstaunter, als ich.

›Wie,‹ versetzte ich, ›hast du nicht eben eine Dame gesehen, die gerade da, wo du eben stehst, hinausging, die jedenfalls von deiner Mutter kommt und jetzt im Hausflur sein muß?‹

›Das ist unmöglich,‹ antwortete sie, ›es ist in diesem Augenblick niemand weiter im Hause, als meine Mutter und wir.‹

Es war wirklich keine Fremde gekommen, und die sofort angestellte Nachforschung ergab kein Resultat.

Es war damals zehn Minuten vor acht Uhr. Am andern Morgen meldete uns ein Telegramm den plötzlichen, infolge eines Herzleidens gerade zu derselben Stunde erfolgten Tod meiner Mutter. Sie ging damals auf der Straße und war gerade so gekleidet wie die Unbekannte, die an mir vorbeigegangen war.«

So lautet die Erzählung des Beobachters. Die durch die Gesellschaft für psychische Forschungen angestellte Untersuchung hat die volle Glaubwürdigkeit und Übereinstimmung der Aussagen bestätigt. Es ist dies eine ebenso positive Thatsache als eine astronomische, meteorologische, physikalische oder chemische Beobachtung. Wie ist dieselbe zu erklären? — »Ein eigentümliches Zusammentreffen!« wird man sagen. Kann eine streng wissenschaftliche Kritik durch dieses Wort wirklich befriedigt werden?

Noch ein anderer Fall.

Herr Frederick Wingfield in BelleIsle en Terre (Côtes du Nord) schreibt, daß ihm am 25. März 1880, nachdem er ziemlich spät zu Bett gegangen war, träumte, sein in der Grafschaft Essex in England lebender Bruder sei bei ihm, der aber, statt ihm eine Frage zu beantworten, den Kopf schüttle, vom Stuhle aufstehe und fortgehe. Der Eindruck war so gewaltig gewesen, daß der schon halb eingeschlafene Erzähler aus dem Bette sprang und in dem Augenblick erwachte, wo er den Fuß auf den Boden setzte und seinem Bruder rief. Drei Tage nachher erhielt er die Nachricht, daß sein Bruder eben durch einen Sturz vom Pferde getötet worden sei, und zwar an demselben Tage, den 25. März 1880, des Abends (um halb neun Uhr), einige Stunden vor dem eben erzählten Traum.

Eine Nachforschung hat gezeigt, daß das Datum dieses Todes richtig ist und daß der Verfasser dieses Berichtes seinen Traum noch an dem Tage des Erlebnisses in ein Tagebuch eingetragen hatte.

Ein weiterer Fall:

Herr S. und Herr L., beide Beamte bei einer Verwaltung, standen seit acht Jahren in innigen Freundschaftsbeziehungen. Als L. am Montag den 19. März 1883 auf sein Bureau ging, litt er an einer Verdauungsstörung; er ging nun in eine Apotheke, wo man ihm ein Medikament gab und ihm sagte, daß er ein Leberleiden habe. Den Donnerstag darauf war er noch nicht besser; am Samstag war er noch vom Bureau abwesend.

Am Samstag Abend, den 24. März, war S. zu Hause, weil er Kopfweh hatte; er ging zu Bett und eine Minute nachher sah er seinen Freund L. in seiner gewöhnlichen Kleidung vor sich stehen. S. bemerkte an dem Anzuge L.s sogar das, daß er einen schwarzen Flor um den Hut hatte, daß sein Überzieher nicht zugeknöpft war und daß er einen Stock in der Hand trug. L. sah S. fest an und ging fort. S. fiel nun die Stelle im Buche Hiob ein: »Ein Geist ging vor meinem Angesicht vorüber, und das Haar an meinem Leibe stand mir zu Berge.«

In diesem Augenblick fühlte er, wie ein Schauder ihn überlief und seine Haare sich sträubten. Nun fragte er seine Frau, wieviel Uhr es sei. »Noch zwölf Minuten bis neun,« war die Antwort. — »Wenn ich dich danach frage,« sagte er, »so geschieht dies, weil L. gestorben ist; ich habe ihn eben gesehen.« Sie versuchte, ihm einzureden, daß es eine reine Täuschung wäre; er aber versicherte aufs bestimmteste, daß keine Vernunftgründe ihn in seiner Meinung beirren könnten.


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So lautet Herrn S.' Erzählung. Er erfuhr den Tod seines Freundes L. erst am folgenden Sonntag, nachmittags drei Uhr. — L. war wirklich den Samstag Abend gegen zehn Minuten vor neun gestorben.

Dieser Angabe läßt sich das von Agrippa d'Aubigné erwähnte historische Ereignis gegenüberstellen, das sich im Augenblick des Todes des Kardinals von Lothringen zutrug und folgendermaßen erzählt wird:

»Als der König am 23. Dezember 1574 in Avignon war, starb daselbst der Kardinal Karl von Lothringen. Die Königin (Katharina von Medici) war früher als gewöhnlich zu Bette gegangen, und unter andern Personen von Bedeutung waren der König von Navarra, der Erzbischof von Lyon, die Damen von Retz, von Lignerolles und von Saunes bei der AbendAudienz. Zwei der letzteren haben dies bestätigt. Als sie rasch gute Nacht gesagt hatte, warf sie sich mit Schaudern auf ihr Kissen, hielt die Hände vor das Gesicht und rief laut aufschreiend die Umstehenden zu Hilfe, denen sie den Kardinal am Fuße ihres Bettes zeigen wollte, wie er ihr die Hand reichte. Mehrmals rief sie aus: ›Herr Kardinal, ich habe nichts mit Ihnen zu thun.‹ Ein vom König von Navarra gleichzeitig in die Wohnung des Kardinals abgeschickter Edelmann meldete, wie jener zu demselben Zeitpunkte seinen Geist aufgegeben hatte.«

In seinem 1882 veröffentlichten Werke über »die nachgeborene Menschheit« übernimmt Adolph d'Assier die Bürgschaft für die Glaubwürdigkeit folgender Thatsache, die ihm von einem Frauenzimmer aus St. Gaudens als ihr selbst begegnet mitgeteilt worden war:

»Ich war noch ein junges Mädchen,« sagte sie, »und schlief bei meiner Schwester, die viel älter ist als ich. Eines Abends hatten wir uns eben zu Bette begeben und das Licht ausgeblasen. Das noch nicht ganz erloschene Feuer erleuchtete noch schwach das Zimmer. Als ich mich nach dem Roste hin umdrehte, bemerkte ich zu meiner großen Überraschung einen vor dem Kamin sitzenden und sich wärmenden Priester.


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Er hatte die Beleibtheit, die Züge und die Haltung eines unserer Oheime, der in der Umgegend wohnte und Erzpriester war. Ich teilte meiner Schwester sogleich meine Beobachtung mit. Diese blickt auch nach dem Feuer hin und sieht dieselbe Erscheinung. Sie erkennt gleichfalls unseren Onkel Erzpriester. Ein unbeschreiblicher Schrecken bemächtigt sich nun unser und wir rufen aus Leibeskräften ›Hilfe!‹ Mein nebenan schlafender Vater, der durch diese verzweifelten Rufe erwachte, steht in aller Eile auf und kommt sogleich mit einem Licht in der Hand. Das Phantom war verschwunden; wir sahen niemand mehr im Zimmer. Am andern Tag erfuhren wir durch einen Brief, daß unser Onkel Erzpriester am Abend gestorben war.«

Eine weitere Thatsache, die von demselben Schüler von Auguste Comte erwähnt und von ihm selbst während seines Aufenthalts in Rio de Janeiro niedergeschrieben wurde, ist diese:

Es war im Jahr 1858; in der französischen Kolonie dieser Hauptstadt sprach man noch von einer eigentümlichen Erscheinung, welche einige Jahre vorher stattgefunden hatte. Eine elsässische Familie, zwei Eheleute mit einem noch sehr jungen Töchterchen, ging nach Rio de Janeiro unter Segel, wo sie Landsleute aufsuchen wollten, die sich dort niedergelassen hatten. Die Überfahrt war lang, die Frau wurde krank und starb vor der Ankunft, jedenfalls aus Mangel an Pflege und an passender Ernährung. An ihrem Todestage fiel sie in Ohnmacht, blieb lange in diesem Zustand und als sie wieder zur Besinnung kam, sagte sie zu ihrem Manne, welcher ihr zur Seite wachte: »Ich sterbe zufrieden, denn jetzt bin ich beruhigt über das Schicksal unseres Kindes. Ich komme von Rio de Janeiro; ich habe die Straße und das Haus unseres Freundes Fritz, des Zimmermanns, gefunden. Er stand auf der Thürschwelle; ich habe ihm die Kleine gezeigt; ich bin jetzt sicher, daß er sie bei deiner Ankunft erkennen und für sie sorgen wird.« Der Mann war überrascht über diese Erzählung, legte ihr jedoch keine große Bedeutung bei. An demselben Tag, um dieselbe Stunde stand Fritz, der Zimmermann, der eben erwähnte Elsässer, auf der Thürschwelle seines Hauses in Rio de Janeiro, als er auf der Straße eine seiner Landsmänninnen vorbeigehen sieht, die ein kleines Mädchen in den Armen trägt. Sie betrachtete ihn mit flehender Miene und schien ihm das Kind entgegenzuhalten. Ihr Gesicht, das sehr abgemagert erschien, erinnerte ihn dennoch an die Züge Lattas, der Frau seines Freundes und Landsmannes Schmidt. Der Ausdruck ihres Gesichts, die Eigentümlichkeit ihres Ganges, welcher mehr etwas von einer Vision als von einer Wirklichkeit an sich trug, machten einen tiefen Eindruck auf Fritz. Da er sich versichern wollte, daß er nicht in einer Täuschung befangen wäre, rief er einen seiner Arbeiter aus der Werkstätte, der auch ein Elsässer und aus demselben Orte war.

»Schau,« sagte er zu ihm, »siehst du nicht eine Frau mit einem Kind in den Armen auf der Straße vorübergehen, und möchte man nicht sagen, es wäre Latta, die Frau unseres Landsmannes Schmidt?«

»Ich kann's nicht sagen, ich sehe sie nicht genau,« antwortete der Arbeiter.

Fritz sagte nichts weiter darüber; aber die verschiedenen Umstände dieser wirklichen oder eingebildeten Erscheinung, namentlich Tag und Stunde, prägten sich seinem Geiste tief ein. Einige Zeit darauf sieht er seinen Freund Schmidt mit einem kleinen Mädchen in den Armen herankommen. Der Besuch Lattas frischt sich in seinem Geist auf, und ehe noch Schmidt den Mund geöffnet hatte, sagte er zu ihm:

»Mein armer Freund, ich weiß alles; deine Frau ist während der Überfahrt gestorben, und ehe sie starb, ist sie gekommen, um mir ihr Töchterchen vorzuzeigen, damit ich für es sorgen möchte. Hier ist das Datum und die Stunde.«

Es waren genau der von Schmidt an Bord des Schiffes aufgezeichnete Tag und Augenblick.


In seinem 1864 veröffentlichten Werke über die Phänomene der Magie führt Gougenot des Mousseaux folgendes Vorkommnis an, das er als vollkommen glaubwürdig bezeugt.

Sir Robert Bruce, aus der berühmten schottischen Familie dieses Namens, ist zweiter Schiffsoffizier; eines Tags treibt er bei Neufundland, und während er über Berechnungen sitzt, glaubt er seinen Kapitän am Pult sitzen zu sehen; er sieht aber scharf hin, und derjenige, den er wahrnimmt, ist ein Fremder, dessen kalt auf ihn gerichteter Blick ihn in Erstaunen setzt.


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Der Kapitän, in dessen Nähe er wieder auf Deck geht, bemerkt dies und befragt ihn darüber:

»Aber wer sitzt denn an ihrem Pult?« sagt Bruce zu ihm.

»Niemand!«

»Doch! es sitzt jemand daran; ist es ein Fremder? und wie kommt dies?«

»Sie träumen — oder scherzen.«

»Keineswegs; haben Sie nur die Güte, mit herunterzukommen und zu sehen.«

Man geht wieder hinunter; vor dem Pult sitzt niemand. Das Schiff wird in allen Winkeln durchsucht; man stößt auf keinen Fremden.

»Und doch schrieb derjenige, den ich sah, auf Ihre Schiefertafel; seine Schrift muß noch darauf stehen,« sagte Bruce.

Man betrachtet die Schiefertafel; sie trägt die Worte: »Steuert nach Nordwesten.«

»Aber diese Schrift ist von Ihnen oder von sonst jemand an Bord?«

»Nein.«

Jeder wird gebeten, denselben Satz zu schreiben, und keine Schrift gleicht derjenigen auf der Schiefertafel.

»Nun, gehorchen wir im Sinne dieser Worte: steuern Sie nach Nordwest; der Wind ist gut und erlaubt es, den Versuch zu wagen.«

Drei Stunden nachher signalisierte die Schiffswache einen Eisberg mit einem hart daranliegenden, stark beschädigten, mit Menschen bedeckten Schiff aus Quebec, das nach Liverpool segelte und dessen Passagiere nun von den Schaluppen des Bruceschen Schiffs herübergeholt wurden.

In dem Augenblick, wo einer dieser Männer an der Seite des rettenden Schiffes heraufstieg, erzitterte Bruce und fuhr mächtig bewegt zurück. Er war eben dem Fremden begegnet, welchen er die Worte auf die Schiefertafel hatte schreiben sehen; sofort meldete er seinem Kapitän den neuen Zwischenfall.

»Bitte, schreiben Sie doch die Worte: ›Steuert nach Nordwesten‹ auf diese Schiefertafel,« sagte der Kapitän zu dem Neuangekommenen, indem er ihm die unbeschriebene Seite derselben hinhält.

Der Fremde schrieb die verlangten Worte nieder.

»Gut, Sie erkennen das als Ihre eigene Handschrift?« sagte der über die Übereinstimmung der Schriften betroffene Kapitän.

»Aber Sie selbst haben mich ja schreiben sehen? Sollten Sie daran zweifeln können?«

Statt jeder Antwort dreht der Kapitän die Schiefertafel um, und der Reisende wird ganz bestürzt, als er seine eigenen Schriftzüge auf beiden Seiten erkennt.


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»Hatte es Ihnen geträumt, daß Sie auf diese Schiefertafel schrieben?« sagte der Kapitän des gescheiterten Schiffs zu dem, der geschrieben hatte.

»Nein; wenigstens erinnere ich mich dessen gar nicht mehr.«

»Was machte aber dieser Passagier um die Mittagszeit?« fragte der Kapitän des rettenden Schiffes seinen Kollegen.

»Da er sehr müde war, so schlief er fest, und soviel ich mich erinnere, war dies etwas vor Mittag. Höchstens eine Stunde nachher erwachte er und sagte zu mir: ›Kapitän, wir werden noch heute gerettet werden! Mir hat geträumt, ich wäre an Bord eines Schiffes und dieses käme uns zu Hilfe.‹ Er beschrieb das Schiff und sein Takelwerk; und zu unserer großen Überraschung erkannten wir die Richtigkeit der Beschreibung, als Sie auf uns zusegelten.«

»Das Sonderbare ist nur,« sagte der Passagier endlich seinerseits, »daß das, was ich hier sehe, mir bekannt vorkommt, und dennoch bin ich nie hierher gekommen.«

Baron Dupotet erwähnt in seiner Vorlesung über »tierischen Magnetismus« folgenden Vorfall, der im Jahr 1814 durch den berühmten JungStilling veröffentlicht wurde, und der ihm von dem Beobachter selbst, dem Baron von Sulza, dem Kanzler des Königs von Schweden, mitgeteilt worden war:

Als der Baron im Sommer gegen Mitternacht wieder nach Hause kam, zu einer Stunde, in welcher es in Schweden noch hell genug ist, um die feinste Druckschrift lesen zu können, sagte er:

»Bei meiner Ankunft auf meiner Besitzung kam mir mein Vater vor dem Eingang in den Park entgegen; er war wie gewöhnlich gekleidet und hielt einen Stock in der Hand, welchen mein Bruder geschnitzt hatte. Ich begrüßte ihn, und wir unterhielten uns lange miteinander. So kamen wir bis ans Haus und an den Eingang zu seinem Zimmer. Als ich hineintrat, sah ich meinen entkleideten Vater; in demselben Augenblick war auch die Erscheinung geschwunden; bald darauf erwachte mein Vater und sah mich fragenden Blickes an. ›Mein lieber Édouard,‹ sagte er, ›Gott sei Dank, daß ich dich wieder gesund und wohlbehalten sehe, denn ich bin in meinem Traum deinetwegen sehr beunruhigt gewesen; es war mir, als wärest du ins Wasser gefallen und in Gefahr zu ertrinken.‹ Nun war ich aber,« fügte der Baron hinzu, »jenen Tag mit einem meiner Freunde an den Fluß gegangen, um Krabben zu fischen, und die Strömung hätte mich beinahe mit fortgerissen. Ich erzählte meinem Vater, daß ich seine Erscheinung am Eingang in das Gut gesehen hätte, und daß wir ein langes Gespräch miteinander gehabt hätten. Er antwortete mir, daß sich oft solche Vorfälle zutrügen.«


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Man erkennt in diesen verschiedenen Erzählungen Erscheinungen aus eignem Antrieb und solche, welche sozusagen durch die Macht des Willens erzwungen wurden. Kann denn die MentalSuggestion so weit gehen? Die Verfasser des Buches Phantasms of the Living, vom dem wir oben sprachen, antworten hierauf bejahend durch sieben genügend bezeugte Beispiele, unter denen ich noch eines der Aufmerksamkeit meiner Leser empfehle. Es ist das folgende:

Der Reverend C. Godfrey in Eastbourne (Sussex), welcher einen Bericht über eine mit Vorbedacht bewirkte Erscheinung gelesen hatte, war darüber so betroffen, daß er seinerseits einen Versuch damit zu machen beschloß. Am 15. November 1886 gegen elf Uhr abends richtete er alle Einbildungskraft und Willensspannung, deren er fähig war, auf den Gedanken, einer Dame unter seinen Freundinnen an dem Fußende ihres Bettes stehend zu erscheinen. Die Spannung dauerte etwa acht Minuten, worauf Herr Godfrey sich müde fühlte und einschlief. Den andern Tag kam die Dame, welche das Medium des Versuchs gewesen war, aus eignem Antrieb, um Herrn Godfrey zu erzählen, was sie gesehen hatte. Als er sie aufforderte, ihre Erinnerung daran schriftlich niederzulegen, that sie dies in folgenden Worten: »Die vergangene Nacht erwachte ich unter einem Aufschnellen mit der Empfindung, als wäre jemand in das Zimmer eingetreten. Ich hörte gleicherweise ein Geräusch, aber ich vermutete, daß es die Vögel in dem Epheu vor dem Fenster wären. Ich empfand etwas wie Unruhe und ein unbestimmtes Verlangen, aus dem Zimmer und ins Erdgeschoß hinunterzugehen. Diese Empfindung wurde so stark, daß ich endlich aufstand; ich zündete eine Kerze an und ging in der Absicht hinunter, etwas zur Beruhigung zu nehmen. Als ich wieder in mein Zimmer hinaufging, sah ich Herrn Godfrey unter dem großen Fenster stehen, durch welches das Licht auf die Treppe fällt. Er war wie gewöhnlich gekleidet und zeigte den Gesichtsausdruck, den ich an ihm bemerkt habe, wenn er etwas aufmerksam betrachtet. Er stand unbeweglich da, während ich ihn bei hochgehaltenem Lichte mit größtem Erstaunen betrachtete. Dies dauerte drei bis vier Sekunden, worauf er, als ich weiter hinaufstieg, verschwand. Ich war nicht erschrocken, aber sehr aufgeregt und konnte nicht wieder einschlafen.«

Herr Godfrey dachte folgerichtig, daß der Versuch, zu dem er sich hergegeben habe, eine viel größere Wichtigkeit erhalten würde, wenn er ihn wiederholte. Ein zweiter schlug fehl, aber der dritte gelang. Es versteht sich, daß die Dame, auf welche er einwirkte, jetzt ebensowenig Kenntnis von seiner Absicht hatte, als das erstemal. »Letzte Nacht,« schrieb sie, »Dienstag den 7. Dezember, ging ich hinauf, um mich um halb elf Uhr zur Ruhe zu begeben. Ich war bald eingeschlafen. Plötzlich hörte ich eine Stimme, welche sagte: ›Wachen Sie auf!‹ und ich fühlte eine Hand, welche sich auf die linke Seite meines Kopfes legte. (Die Absicht des Herrn Godfrey war diesmal gewesen, seine Gegenwart durch die Stimme und das Gefühl bemerkbar zu machen.) Ich war sofort vollständig wach. Im Zimmer klang ein merkwürdiger Ton, wie der einer Maultrommel. Gleichzeitig fühlte ich, wie ein kalter Lufthauch mich umwehte; mein Herz begann heftig zu pochen, und ich sah deutlich ein über mich geneigtes Gesicht. Das einzige Licht, welches das Zimmer erhellte, kam von einer Lampe außerhalb und warf einen langen hellen Streifen auf die Mauer über dem Toilettentisch; dieser Streifen war besonders durch die Gestalt verdunkelt. Ich wandte mich rasch um, und die Hand schien von meinem Kopfe auf das Kissen neben mich herabzugleiten. Die Gestalt war über mich geneigt, und ich fühlte, wie sie sich an die Seite des Bettes anstemmte. Ich sah, wie der Arm die ganze Zeit über auf dem Kissen ruhte, und bemerkte die Umrisse des Gesichts, aber wie durch einen Nebel verdunkelt. Es mußte etwa halb Eins sein. Die Gestalt hatte den Vorhang leicht zurückgezogen, aber heute morgen sah ich ihn wie gewöhnlich hängen. Es ist kein Zweifel, die Gestalt war die des Herrn Godfrey; ich erkannte ihn an der Haltung der Schultern und an der Gesichtsbildung. Während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit ging ein kalter Windzug durchs Zimmer, wie wenn beide Fenster offen gestanden hätten.«

Das sind eben »Thatsachen«.


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Bei dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse wäre es geradezu verwegen, deren Erklärung suchen zu wollen. Unsere Psychologie ist noch nicht vorgeschritten genug. Es giebt sehr viele Dinge, welche wir zugeben müssen, ohne sie irgendwie erklären zu können. Zu vermeinen aber, was man nicht erklären kann, wäre der reine Wahnsinn. Erklärte man das Weltgebäude vor tausend Jahren? Erklären wir heute die Anziehungskraft? Doch die Wissenschaft schreitet fort und wird nie das Ende erreichen.

Kennen wir den ganzen Umfang der menschlichen Fähigkeiten? Daß es in der Natur uns noch unbekannte Kräfte gebe, wie es z. B. die Elektricität vor einem Jahrhundert noch war; daß es im Weltall noch andere Wesen gebe, mit andern Sinnen und Fähigkeiten ausgestattet: daran kann der Denkende keinen Augenblick zweifeln. Aber ist uns denn der Erdenmensch selbst vollständig bekannt? Es scheint dem nicht also.

Es giebt Dinge, deren Wirklichkeit wir anzuerkennen genötigt sind, ohne sie irgendwie erklären zu können.

Das Leben Swedenborgs bietet drei dieser Art. Für den Augenblick wollen wir absehen von seinen planetarischen und sideralen Visionen, die mehr subjektiv als objektiv erscheinen; wir wollen beiläufig bemerken, daß Swedenborg auf dem Gebiete der Geologie, der Mineralogie, der Kristallographie ein Gelehrter ersten Ranges und Mitglied der Akademien der Wissenschaften von Upsala, Stockholm und St. Petersburg war, und uns begnügen, an folgende drei Thatsachen zu erinnern:

Am 19. Juli 1759, als er von einer Reise nach England zurückkam, stieg dieser Philosoph in Göteborg ans Land und ging zu einem gewissen William Costel, wo eine große Gesellschaft war, zu Tisch. Abends sechs Uhr kam Swedenborg von einem Ausgang bleich und bestürzt zurück und sagte, daß soeben eine Feuersbrunst in Stockholm ausgebrochen sei und zwar in Südermoln, der Straße, in welcher er wohne, und daß das Feuer sich mit Heftigkeit nach seinem Hause zu ausbreite. Er ging wieder hinaus und kam wieder zurück mit der Klage, daß das Haus eines seiner Freunde bereits in Asche liege und das seinige in der größten Gefahr schwebe. Um acht Uhr sagte er nach einem neuen Ausgang ganz vergnügt: »Gott sei Dank, das Feuer ist drei Häuser von dem meinigen erloschen.«

Die Nachricht hiervon verbreitete sich in der ganzen Stadt, welche um so mehr darüber in Aufregung geriet, als der Gouverneur seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet hatte und viele Menschen wegen ihres Besitzes oder ihrer Freunde in Sorge waren ... Zwei Tage später brachte der königliche Kurier aus Stockholm die Meldung über das Feuer; seine Angaben stimmten mit den von Swedenborg gemachten genau überein; das Feuer war um acht Uhr gelöscht gewesen.


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Dieser Bericht war von dem berühmten Immanuel Kant geschrieben worden, welcher über den Vorfall eine Untersuchung hatte vornehmen lassen wollen, und der hinzufügt: »Was kann man gegen die Glaubwürdigkeit dieser Begebenheit anführen?«

Nun ist aber Göteborg 200 Kilometer von Stockholm entfernt.

Swedenborg stand damals in seinem 62. Jahre.

Der zweite Vorfall ist folgender:

Im Jahr 1761 erhält Frau von Marteville, die Witwe eines holländischen Ministers in Stockholm, von einem Gläubiger ihres Mannes die Anforderung einer Summe von 25 000 fl. holländisch (40 000 Mk.), die sie von ihrem Manne bezahlt wußte und deren nochmalige Zahlung sie in die größte Verlegenheit setzte, ja sie fast zu Grunde richtete. Und es war ihr unmöglich, die Quittung wieder aufzufinden.

Sie machte Swedenborg einen Besuch, und 8 Tage nachher sieht sie im Traum ihren Mann, der ihr das Möbel bezeichnet, in dem sich die Quittung nebst einer mit 20 Diamanten besetzten Haarnadel befindet, welche sie auch verloren geglaubt hatte. Dies geschah morgens zwei Uhr. Voll Freude steht sie auf und findet alles am bezeichneten Orte. Nachdem sie sich wieder niedergelegt hatte, schläft sie bis neun Uhr. Gegen elf Uhr läßt sich Swedenborg anmelden. Ohne etwas von dem Vorgefallenen erfahren zu haben, erzählte er, daß er in der vergangenen Nacht den Geist des Herrn von Marteville gesehen hätte, der ihm erklärt hätte, er begebe sich jetzt zu seiner Witwe.

Der dritte Fall ist folgender:

Im Monat Februar 1772 schickte Swedenborg, als er in London war, dem Reverend John Wesley (dem Stifter der Sekte der Wesleyaner) ein paar Zeilen, um ihm zu sagen, daß es ihn sehr freuen würde, seine Bekanntschaft zu machen. Der eifrige Prediger erhielt dieses Briefchen in dem Augenblick, wo er eine Missionsreise antreten wollte, und antwortete, daß er von dieser freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen würde, um ihm einen Besuch zu machen, wenn er von seiner Reise zurückkäme, welche etwa ein halbes Jahr dauern würde. Swedenborg erwiderte, daß sie in diesem Fall sich in dieser Welt nicht mehr sehen würden, da der 29. März nächsthin sein Todestag sein dürfte.


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Swedenborg starb wirklich an dem von ihm länger als einen Monat voraus angegebenen Tage.

Es sind dies drei Vorfälle, deren Glaubwürdigkeit nicht in Abrede gestellt werden kann, deren Erklärung jedoch bei dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse sicherlich niemand sich zur Aufgabe machen möchte.

Wir könnten diese »authentischen« Berichte beliebig vermehren. Ähnliche Fälle von Mitteilungen aus der Ferne, wie die oben angeführten, sei dies nun in der Todesstunde oder im normalen Gesundheitszustand, sind nicht so selten, — ohne gerade häufig zu sein — daß nicht jeder unserer Leser davon hätte reden hören und vielleicht bei mehr als einer Gelegenheit solche selbst beobachtet hätte. Überdies beweisen die auf dem Gebiete des Magnetismus angestellten Versuche gleichfalls, daß in gewissen psychologischen Fällen ein Experimentator aus der Entfernung auf sein Medium wirken kann, und zwar nicht bloß auf einige Meter, sondern auf mehrere Kilometer, ja sogar auf mehr als hundert Kilometer Entfernung, je nach dem Grade der Empfänglichkeit und des Hellsehens des Mediums und jedenfalls auch nach der Willensstärke des Magnetiseurs. Anderseits ist der Raum nicht das, was wir glauben. Die Entfernung von Paris nach London ist groß für einen Fußgänger, und vor der Erfindung der Fahrzeuge war sie sogar unüberwindlich; für die Elektricität ist sie gleich Null. Die Entfernung der Erde von dem Monde ist groß für unsere jetzigen VerfahrungsArten, uns von einem Orte zum andern zu bewegen; sie ist gleich Null für die Anziehungskraft. In Wahrheit ist, vom Standpunkt des Absoluten aus, »der Raum«, der uns vom Sirius trennt, kein größerer Teil der Unendlichkeit, als die Entfernung von Paris nach Versailles oder von unserm rechten Auge zu unserm linken.

Ja noch mehr. Die Entfernung, welche uns zwischen der Erde und dem Mond zu liegen scheint, oder zwischen der Erde und dem Mars, oder selbst zwischen der Erde und Sirius, ist nur eine Täuschung, welche auf der Unzulänglichkeit unserer Wahrnehmungen beruht. Der Mond wirkt beständig auf die Erde und bewegt sie unaufhörlich. Die Anziehung des Mars macht sich gleichfalls auf unserm Planeten fühlbar, und wir unserseits stören den Mars in seinem Lauf, indem wir der Einwirkung des Mondes unterliegen. Wir wirken sogar auf die Sonne ein und setzen sie in Bewegung, wie wenn wir sie berührten. Vermöge der Anziehung läßt der Mond die Erde sich jeden Monat um den ihnen beiden gemeinschaftlichen Schwerpunkt drehen, einem Punkt, welcher 1700 Kilometer unterhalb der Oberfläche des Erdballs liegt; die Erde läßt die Sonne sich jährlich um den beiden gemeinschaftlichen Schwerpunkt drehen, welcher sich 456 Kilometer außerhalb des Sonnencentrums befindet; alle Weltkörper wirken unaufhörlich aufeinander, so daß es ein wirkliches Vereinzeltstehen oder Getrenntsein nicht giebt. Statt eine Leere zu sein, welche die Weltkörper von einander trennt, ist der Raum vielmehr ein verbindendes Band. Wenn nun die Anziehungskraft auf diese Weise zwischen der Erde und ihren Schwestern in der Unendlichkeit eine wirkliche, dauernde, lebendige und unbestreitbare Verbindung herstellt, welche durch die Schärfe der astronomischen Beobachtungen erwiesen ist, so sieht man nicht recht ein, mit welchem Rechte vorgebliche Positivisten erklären könnten, daß zwischen zwei mehr oder weniger von einander entfernten Wesen auf der Erde oder selbst auf zwei verschiedenen Weltkörpern keine Verbindung möglich sei.

Können zwei Gehirne, welche auf mehrere Kilometer Entfernung im gleichen Schwingungsverhältnis vibrieren, nicht durch dieselbe psychische Kraft erzeugt werden? Kann die von einem Gehirn ausgegangene Erzeugung nicht geradeso wie die Anziehung durch den Äther hindurch das Gehirn treffen, welches in irgend einer Entfernung schwingt, gerade wie ein Ton durch ein Zimmer hindurch die Saiten eines Pianos oder einer Geige mitschwingen läßt? Vergessen wir nicht, daß unser Gehirn aus Molekülen besteht, welche sich nicht berühren und in einem beständigen Schwingungszustande sich befinden.

Und warum bloß vom Gehirn sprechen? Kann nicht auch der Gedanke, der Wille, die seelische Kraft, wie sie auch beschaffen sein mag, in der Entfernung auf ein Wesen wirken, das durch die sympathischen und unlöslichen Bande der Geistesverwandtschaft an sie gebunden ist? Teilt sich das Pochen eines Herzens nicht sofort dem Herzen mit, das im Gleichklang mit dem unsrigen schlägt?

Dürfen wir in den oben erwähnten Erscheinungsfällen annehmen, daß der Geist des Toten in der Nähe des Beobachters wirklich eine Körperform angenommen habe? In den meisten Fällen erscheint diese Hypothese nicht nötig. Während unserer Träume glauben wir Personen zu sehen, welche gar nicht vor unsern überdies noch geschlossenen Augen stehen. Wir sehen sie ganz deutlich, so gut wie am hellen Tage; wir sprechen mit ihnen, wir hören sie, wir unterhalten uns mit ihnen. Weder unsere Netzhaut, noch unser Sehnerv empfängt ihre Eindrücke, und ebensowenig hört unser Ohr dieselben. Unsere Gehirnzellen allein sind dabei im Spiele.

Gewisse Erscheinungen können objektive, äußere, substantielle sein; andere können innere sein: in letzterem Falle würde das Wesen, welches in die Erscheinung tritt, aus der Ferne auf das schauende Wesen einwirken, und diese Einwirkung auf sein Gehirn würde das innere Bild bestimmen, das wie in den Träumen als ein äußeres erscheint, aber rein subjektiv sein kann, ohne darum chimärisch oder illusorisch zu sein.

Die in letzter Zeit über die Erscheinungen der Suggestion, des Hypnotismus, des Somnambulismus gemachten Experimentalstudien zeigen uns, wie eine gewisse Anzahl dieser Thatsachen, wenn auch nicht erklärt, so doch wenigstens aus Vernunftgründen zugegeben werden kann. Es findet hier ohne Zweifel die Einwirkung eines Geistes auf einen andern statt. Sicherlich verändert ja die Seele den Ort nicht, wenn sie wirklich das Aussehen einer männlich oder weiblich gekleideten Person annimmt, und vor dem Medium, welches »sieht«, steht kein Wesen, das mit einem mehr oder weniger weiten Paletot, einem Frauenkleid oder einem Mantel bekleidet, mit den verschiedenen Gegenständen der männlichen oder weiblichen Toilette herausgeputzt, mit einem Spazierstock oder einem Regenschirm versehen ist u.s.w. Aber vielleicht wirkt der Geist, welcher erscheinen soll, direkt auf den andern und macht einen solchen Eindruck auf ihn, daß dieser eine Person zu sehen, zu hören, ja selbst zu berühren glaubt, welche sich genau in der Gestalt zeigt, unter welcher er sie kennt.

Gleichwie ein Gedanke, ein Andenken in unsrer Seele ein Bild wachruft, das sehr deutlich und lebendig sein kann; so kann auch ein lebendes Wesen, das auf ein anderes einwirkt, in diesem ein Bild hervorrufen, welches ihn einen Augenblick an eine wirkliche Erscheinung glauben läßt.

Man erreicht jetzt diese Wirkungen auf dem Wege des Experiments in den Studien über Hypnotismus und Suggestion, in Studien, welche noch in ihren Anfängen liegen und doch schon sowohl vom psychologischen wie auch vom physiologischen Gesichtspunkt aus höchst beachtenswerte Ergebnisse liefern.  N i c h t  die Netzhaut wird durch eine Einwirkung  v o n  a u ß e n  getroffen, sondern die Sehnervenhügel werden d u r c h eine  p s y c h i s c h e  K r a f t  erregt. Das geistige Wesen selbst erleidet Eindrücke. Auf welche Weise? Wir wissen es nicht.

Das sind die vernunftgemäßesten Schlüsse, die wohl aus Erscheinungen jener Gattung gezogen werden können, mit denen wir uns soeben beschäftigt haben; aus unerklärten, aber sehr alten Erscheinungen; denn die Geschichte aller Völker vom höchsten Altertum her hat Beispiele davon überliefert, welche in Abrede zu stellen oder aus der Reihe der Thatsachen zu streichen nicht leicht wäre.

Aber, wird man sagen, wie dürfen, wie können wir denn in unserem Jahrhundert der experimentellen Methode und der positiven Wissenschaft zugeben, daß ein Sterbender oder sogar ein Gestorbener sich mitteilen könne?

Was ist ein Toter?

Auf dem ganzen Erdball stirbt in jeder Sekunde ein menschliches Wesen, das macht ungefähr 86 400 im Tag, 31 Millionen im Jahr und mehr als 3 Milliarden im Jahrhundert. In 10 Jahrhunderten sind mehr als 30 Milliarden Leichname der Erde übergeben und in der Form verschiedener Produkte, als Wasser, Gas etc., dem allgemeinen Kreislauf wieder eingereiht worden. Wenn wir die Verminderung der menschlichen Bevölkerung in dem Maße berücksichtigen, als wir in die historische Zeit zurückgehen, so finden wir, daß seit 10 000 Jahren mindestens 200 Milliarden menschlicher Körper durch Einatmung und Ernährung aus Erde und Luft gebildet und wieder dazu geworden sind. Die Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlensäure und StickstoffMoleküle, welche jene Körper gebildet hatten, haben die Erde gedüngt und sind wieder dem atmosphärischen Kreislauf übergeben worden.

Ja, die »Erde«, welche wir bewohnen, besteht heute teilweise aus jenen Milliarden Gehirnen, welche gedacht, aus jenen Milliarden Organismen, welche gelebt haben. Wir schreiten auf unseren Vorfahren dahin, wie sie auf uns dahinschreiten werden. Die Stirnen der Denker, die Augen, welche betrachtet, gelächelt, geweint, die Herzen, welche geliebt und gelitten, die Münder, welche die Liebe besungen haben, die rosigen Lippen und die marmorweißen Busen, die Herzen der Mütter, die Arme der Arbeiter, die Muskeln der Krieger, das Blut der Gefallenen, die Kinder und die Greise, die Guten und die Bösen, die Reichen und die Armen: alles, was gelebt hat, liegt in derselben Erde. Es wäre schwer, zu essen und zu trinken, ohne das wieder in sich aufzunehmen, was schon tausende Male gegessen und getrunken worden ist; es wäre schwer zu atmen, ohne den Hauch der Toten einzuziehen. Die aus der Natur geschöpften körperbildenden Elemente sind wieder zu ihr zurückgekehrt, und jeder von uns trägt Atome in sich, welche vordem andern Körpern angehört haben.

Nun! Denkt ihr, daß das die ganze Menschheit sei? Denkt ihr, daß sie nichts Edleres, nichts Größeres, nichts Geistigeres zurückgelassen habe? Giebt jeder von uns, wenn er den letzten Seufzer ausstößt, dem Weltall nur 60 oder 80 Kilo Fleisch und Knochen wieder, die sich zersetzen und zu den Elementen zurückkehren werden? Bleibt die Seele, die uns belebt, nicht mit demselben Rechte wie jedes Sauerstoff, Stickstoff- oder EisenMolekül? Und existieren alle jene Seelen, welche gelebt haben, n i c h t immer?

Wir haben durchaus kein Recht, zu behaupten, daß der Mensch einzig aus stofflichen Elementen zusammengesetzt und daß die Denkfähigkeit nur eine Eigentümlichkeit der Organisation sei. Wir haben im Gegenteil die triftigsten Gründe, anzunehmen, daß die Seele eine individuelle Wesenheit sei, und daß s i e die Moleküle beherrscht, um die lebendige Gestalt des menschlichen Körpers durchzubilden.*

* Es ist der Geist, der sich den Körper baut (D. Ü.).

Zeigt uns die strahlende und fast lächelnde Heiterkeit des Antlitzes eines kaum entschlafenen menschlichen Wesens, jene Heiterkeit, welche den Qualen des Todeskampfes folgt wie ein Strahl ruhigen Glückes, nicht an, daß in jener Todesstunde der letzte Eindruck der Seele im Augenblick der Trennung ein Eindruck des Lichtes und wie ein Schauen der Erlösung gewesen sei?

Was wird aus den unsichtbaren und unfühlbaren Molekülen, aus denen während des Lebens unser Körper bestand? — Sie werden neuen Körpern angehören. Was wird aus den gleichfalls unsichtbaren und unfaßbaren Seelen? Man kann denken, daß auch sie in neuen Organismen wieder Mensch werden, eine jede ihrer Natur, ihren Fähigkeiten, ihrer Bestimmung gemäß.

Die Seele gehört der übersinnlichen Welt an. Es unterliegt ja keinem Zweifel, daß es auf Erden eine unzählbare Menge noch gemeiner, ungeläuterter Seelen giebt, die sich kaum der Materie entrungen haben und unfähig sind, geistige Wahrheiten zu begreifen. Allein es giebt auch andre, welche im Studium, in der sinnenden Betrachtung, in der Veredlung der seelischen oder geistigen Welt aufgehen. Diese können nicht an die Erde gebunden bleiben, und ihre Bestimmung ist: ein himmlisches Leben zu führen.

Die dem Himmel entgegengehende Seele lebt, selbst während ihres irdischen Lebens im Fleisch, in der Welt des Unbedingten und Göttlichen. Sie weiß, daß sie, obwohl sie die Erde bewohnt, in Wahrheit im Himmel ist,* und daß unser Planet ein Gestirn des Himmels ist.

* Euer Wandel sei im Himmel.

Welches ist nun die innerste Natur der Seele? Welches sind ihre Offenbarungsweisen? Wann wird ihr Gedächtnis dauernd, und wann bewahrt sie mit Sicherheit ihr Selbstbewußtsein? Unter welcher Verschiedenheit von Formen und Substanzen kann sie leben? Welches Raumgebiet steht ihr offen? Welcher Grad der Geistesverwandtschaft besteht zwischen den verschiedenen Planeten eines und desselben Systems? Welches ist die Zeugungskraft, die die Welten befruchtet? Wann werden wir mit den benachbarten Vaterländern in Verbindung treten können? Wann werden wir das tiefe Geheimnis der Geschicke ergründen? Heute herrscht noch Dunkel und Unkenntnis. Doch  d a s  g e s t r i g e  U n b e k a n n t e  i s t  d i e  W a h r h e i t  v o n  m o r g e n.

Als schlechthin unbestreitbare geschichtliche und wissenschaftliche Wahrheit steht das fest: In allen Jahrhunderten, bei allen Völkern und unter den verschiedensten religiösen Äußerlichkeiten ruht der unverletzliche Gedanke der Unsterblichkeit in der Tiefe des menschlichen Gewissens. Die Erziehung hat ihm tausenderlei  F o r m e n  g e g e b e n aber  e r f u n d e n  hat sie denselben nicht. Dieser unausrottbare Gedanke besteht durch sich selbst. Jedes menschliche Wesen bringt, wenn es zur Welt kommt, diese innerste Empfindung, dieses Verlangen, diese Hoffnung schon im Keime mit sich.


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Kapitel II.
Iter estaticum coeleste

Die Stunden und Tage, welche ich dem Studium dieser psychologischen und telepathischen Fragen widmete, verhinderten mich nicht, den Mars durch das Teleskop zu beobachten und, so oft unsere so häufig bewölkte Atmosphäre es mir gestattete, geographische Zeichnungen davon zu nehmen. Übrigens kann man erkennen, daß nicht allein alle diese Fragen in dem Studium der Natur und in den Wissenschaften sich berühren, sondern daß auch Astronomie und Psychologie sich gegenseitig ergänzen, wenn man erwägt, daß das psychische Weltall die materielle Welt zum Vaterland hat, daß die Astronomie sich mit dem Studium der Regionen des ewigen Lebens beschäftigt, und daß wir uns keine Idee von diesen Regionen machen könnten, wenn uns dieselben nicht astronomisch bekannt wären. Mögen wir es aber nun wissen oder nicht, thatsächlich bewohnen wir sogar in diesem Augenblick eine Gegend des Himmels, und sind alle Wesen, wie sie auch sein mögen, ewig Himmelsbürger. Nicht ohne eine geheime Ahnung der Dinge hat man im Altertum Urania zur Muse aller Wissenschaften gemacht.

Mein Denken war daher schon lange mit unserm Nachbar, dem Planeten Mars, beschäftigt gewesen, als ich eines Tages, wo ich mich auf einem einsamen Spaziergang am Waldessaume hin nach einigen heißen Stunden am Fuße einer Gruppe von Eichen niedergesetzt hatte, bald einschlief.

Die Hitze war drückend, die Landschaft lautlos, die Seine schien wie ein Kanal in der Tiefe des Thales stille zu stehen. Ich war eigentümlich überrascht, als ich beim Erwachen aus kurzem Schlummer weder die Landschaft, noch die umstehenden Bäume, noch auch den am Fuße des Hügels fließenden Fluß und die sich am fernen Horizont verlierende, sanft wellenförmige Wiese wieder erkannte.


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Die Sonne ging kleiner unter, als wir sie gewöhnlich sehen. Die Luft zitterte von harmonischen, auf der Erde unbekannten Klängen, und vogelgroße Insekten umschwirrten blätterlose mit riesigen roten Blumen bedeckte Bäume. Ich erhob mich, vor Erstaunen in die Höhe schnellend, und mit einem so mächtigen Sprung, daß ich plötzlich auf den Füßen stand, mich aber eigentümlich leicht fühlte. Kaum war ich einige Schritte gegangen, so schien mir die Hälfte meines Gewichts während des Schlafs verdunstet zu sein. Diese Empfindung befremdete mich noch mehr, als die Verwandlung der vor meinen Blicken ausgebreiteten Natur.

Kaum traute ich meinen Augen und meinen Sinnen. Überdies hatte ich durchaus nicht mehr dieselben Augen, ich hörte nicht mehr wie sonst und bemerkte sogar gleich anfangs, daß mein Organismus mit mehreren neuen Sinnen, namentlich mit einem magnetischen Sinne ausgestattet war, durch welchen man sich mit einem Wesen in Verbindung setzen kann, ohne daß es nötig ist, die Gedanken durch hörbare Worte zu übersetzen; dieser Sinn erinnert an die Magnetnadel, welche tief unten in einem Keller der Pariser Sternwarte zittert und schwankt, wenn ein Nordlicht in Sibirien aufleuchtet, und wenn eine elektrische Entladung auf der Sonne erfolgt.

Das Tagesgestirn war eben in einem fernen See erloschen, und der rosenfarbige Schimmer der Dämmerung schwebte wie ein letzter Traum des Tageslichtes am Himmel. Zwei Monde traten allmählich in verschiedener Höhe aus dem Firmament hervor: der eine in Form des Halbmondes über dem See, in dessen Tiefe die Sonne verschwunden war, der andere als erstes Viertel viel höher am Himmel und nach Osten hin. Sie waren sehr klein und erinnerten nur sehr entfernt an die ungeheure Leuchte der Erdennächte. Es war, wie wenn sie ihr lebhaftes, aber schwaches Licht nur ungern spendeten. Ich betrachtete sie abwechselnd mit sprachlosem Staunen. Das Seltsamste bei der ganzen Seltsamkeit dieses Schauspiels ist vielleicht noch das, daß der westliche Mond, der etwa dreimal größer war, als sein östlicher Gefährte, obschon er nur ein Fünftel der Breite unseres Erdmondes hatte, in einer leicht mit dem Auge zu verfolgenden Bewegung am Himmel dahinging und rasch von rechts nach links zu laufen schien, um seinen himmlischen Bruder im Osten wieder einzuholen.

In dem letzten Schimmern des erlöschenden Westens gewahrte man noch einen dritten Mond, oder, um es besser zu sagen, einen glänzenden Stern. Kleiner als der geringste der beiden Trabanten, zeigte er keine merklich große Fläche; aber sein Licht war glänzend hell. Er schwebte am Abendhimmel, wie die Venus an unserem Himmel, wenn der »Schäferstern« in den Tagen seines hellsten Glanzes als Herrscher regiert über die Feierstunden der Frühlingsabende mit ihren lieblichen Träumen.

Schon leuchteten die glänzendsten Sterne am Himmel auf; man erkannte den Arkturus mit seinen goldenen Strahlen, die so weiße und reine Wega, die sieben Sterne des Nordens und mehrere Sternbilder des Tierkreises. Der Abendstern, der neue Hesperus, strahlte jetzt in dem Sternbild der Fische. Nachdem ich seine Stellung am Himmel einige Augenblicke studiert, mich selbst nach den Sternbildern orientiert, die beiden Trabanten näher betrachtet und über die Leichtigkeit meines Gewichts nachgedacht hatte, war ich bald überzeugt, daß ich mich auf dem Planeten Mars befand und daß jener reizende Abendstern — die Erde war.

Meine Augen blieben auf ihr haften, erfüllt von jenem Gefühl schwermütiger Liebe, welches uns das Herz zusammenschnürt, wenn unser Denken zu einem geliebten Wesen eilt, von dem ein tiefer Abgrund uns grausam trennt; ich betrachtete lange dieses Vaterland, wo so viele verschiedene Empfindungen sich mischen und in den Wogen des Lebens aufeinanderstoßen, und dachte dabei:

Wie sehr ist es nicht zu beklagen, daß die unzähligen menschlichen Wesen, welche diesen kleinen Aufenthaltsort bewohnen, nicht wissen, wo sie sind? Es ist lieblich, dieses Erdkügelchen, wenn es so von der Sonne beleuchtet ist, mit seinem noch winzigeren Mond, der sich daneben wie ein Punkt ausnimmt. Durch die göttlichen Gesetze der Anziehung im Unsichtbaren getragen, ein Atom, das in der unendlichen Harmonie der Himmel schwimmt, nimmt es da oben seine Stelle ein und schwebt wie eine Insel der Engel dahin. Aber seine Bewohner wissen es nicht.


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Sonderbares Menschengeschlecht! Es hat die Erde zu ausgedehnt gefunden, hat sich in »Herden« geteilt und bringt seine Zeit damit zu, sich gegenseitig zu erschießen. Auf dieser Himmelsinsel sind ebensoviel Soldaten als Einwohner! Sie haben sich alle gegeneinander bewaffnet, wo es doch so einfach gewesen wäre, ruhig zu leben, und finden es rühmlich, von Zeit zu Zeit die Namen der Länder und die Farben der Banner zu ändern. Darin besteht die Lieblingsbeschäftigung der Nationen, und darauf ist vor allem die Erziehung der Bürger gerichtet. Außer diesem wenden sie ihr Dasein dazu an, die Materie zu verehren. Sie schätzen den geistigen Wert für nichts, bleiben den wunderbarsten Rätseln der Schöpfung gegenüber gleichgültig und leben ohne Zweck. Wie schade! Ein Einwohner von Paris, der nie den Namen dieser Stadt noch denjenigen Frankreichs hätte nennen hören, wäre kein größerer Fremdling, als sie in ihrem eigenen Vaterland sind. Ach, wenn sie die Erde von hier aus sehen könnten, mit welchem Vergnügen würden sie wieder auf sie zurückkehren, und wie sehr würde ihr ganzer Ideenkreis umgestaltet werden! Dann würden sie wenigstens das Land kennen, das sie bewohnen; das wäre schon ein Anfang; sie würden dann die sie umgebende sichtbare Welt fortschreitend studieren, statt unter einem grenzenlosen Nebel zu vegetieren, und bald würden sie das wahre Leben führen, das Leben des Geistes.

»Welche Ehre er ihr anthut! Man möchte wirklich glauben, daß er Freunde in jenem Gefängnis zurückgelassen habe!«

Ich hatte nicht gesprochen! Aber ich hörte diese Bemerkung sehr

deutlich, welche eine Antwort auf mein innerliches Gespräch zu sein schien. Zwei Marsbewohner betrachteten mich und hatten mich, vermöge jenes weiter oben schon erwähnten sechsten Sinnes der magnetischen Wahrnehmung, verstanden. Ich war durch die Ansprache einigermaßen überrascht und — soll ich es eingestehen? — empfindlich verletzt. »Alles in allem genommen,« dachte ich, »liebe ich die Erde; sie ist meine Heimat, und ich besitze Liebe zum Vaterlande.«

Meine beiden Nachbarn lachten diesmal zusammen.

»Ja,« versetzte der eine derselben mit unvermuteter Güte, »du besitzest Patriotismus; man merkt es wohl, daß du von der Erde kommst.«

Und der Ältere fuhr fort:

»Laß doch deine Landsleute in Ruhe; sie werden nie einsichtsvoller, noch minder verblendet sein als heute. Sie sind schon seit 80 000 Jahren da. Und wie du es selbst zugiebst, sind sie noch nicht fähig zu denken. Du bist wirklich bewundernswert, wenn du die Erde mit Blicken voll solcher Rührung betrachtest. Das ist zuviel Herzenseinfalt.«

Bist du, lieber Leser, auf deinem Lebensweg nicht manchmal einem von jenen Menschen begegnet, welche ganz erfüllt sind von einem unerschütterlichen Hochmut und sich steif und fest über die ganze übrige Welt erhaben glauben? Wenn diese stolzen Leute einem ihnen Überlegenen gegenüberstehen, so ist er ihnen vom ersten Augenblick an zuwider; sie ertragen ihn nicht. Nun! während des obigen Dithyrambus, von dem du soeben nur einen schwachen Widerhall vernommen hast, kam ich mir sehr erhaben über die Erdenmenschheit vor, weil ich Mitleid für sie empfand und bessere Tage für sie herbeiwünschte. Als aber diese beiden Marsbewohner mit mir selbst Mitleid zu haben schienen, und als ich in ihnen mir kühl überlegene Geister zu erkennen glaubte, war ich für einen Augenblick einer jener Dummstolzen; mein Blut stand mir still, und wenn auch ein Überbleibsel von französischer Höflichkeit mich die Grenze nicht überschreiten ließ, so öffnete ich doch den Mund, um ihnen zu sagen:

»Allem nach, meine Herren, sind aber die Bewohner der Erde nicht so dumm, wie Sie zu glauben scheinen, und sind vielleicht mehr wert als Sie.«

Leider ließen sie mich meinen Gedanken nicht einmal beginnen, da sie ihn ja erraten hatten, während er sich durch die Schwingung der MarkAtome meines Gehirns bildete.

»Erlaube mir, dir zu sagen,« warf der Jüngere ein, »daß dein Planet infolge eines Umstandes, der vor etwa zehn Millionen Jahren eintrat, durchaus mißraten ist. Es war zur Zeit der Primärperiode der Entstehung der Erde. Es gab schon Pflanzen, sogar bewundernswerte Pflanzen, und auf dem Grund der Meere wie an den Gestaden erschienen schon die ersten Tiere, die kopflosen, tauben, stummen und geschlechtslosen Weichtiere. Du weißt, daß den Bäumen das Ein- und Ausatmen zu ihrer vollständigen Ernährung genügt und daß eure stärksten Eichen, eure riesigsten Cedern nie feste Nahrung zu sich genommen haben, was sie aber am Wachsen nicht gehindert hat. Sie nähren sich allein durch die Respiration. Das Unglück, das Verhängnis hat nun gewollt, daß einer der ersten Mollusken ein Tropfen Wasser durch den Körper fuhr, welcher dichter war als das ihn umgebende Medium. Vielleicht schmeckte es ihr. Das war der Ursprung des ersten Verdauungsorgans, welches auf die ganze Tierwelt und später auch auf das Menschengeschlecht selbst eine so verderbliche Wirkung ausüben sollte. Der erste Mörder war die Molluske, welche fraß.

Hier bei uns wird nicht gegessen, hat man nie gegessen, wird man nie essen. Die Schöpfung hat sich stufenweise, friedlich, edel entwickelt, wie sie begonnen hatte. Die Organismen nähren sich, mit andern Worten, sie erneuern ihre Moleküle durch einen einfachen Atmungsprozeß, wie dies eure irdischen Bäume auch thun, bei denen jedes Blatt ein kleiner Magen ist. In deinem lieben Vaterland kann man nicht einen Tag leben, ohne zu töten. Bei euch ist das Gesetz des Todes das Lebensgesetz. Hier ist noch nie jemand auf den Gedanken gekommen, auch nur einen Vogel umzubringen.

Ihr seid mehr oder weniger alle Schlächter. Ihr habt blutbefleckte Arme. Eure Mägen sind vollgestopft mit Lebensmitteln. Wie wollt ihr mit so groben Organen gesunde, reine, erhabene, ich möchte sogar sagen (verzeiht mir meine Freiheit) eigene Gedanken haben können? Welche Seelen können solche Körper bewohnen? Denke doch ein wenig nach, und wiege dich nicht länger in Täuschungen ein, die zu ideal für eine solche Welt sind.«

»Wie!« rief ich aus, indem ich ihn unterbrach, »du bestreitest uns die Möglichkeit, eigene Gedanken zu haben? Du hältst die Menschen für Tiere? Haben Homer, Plato, Phidias, Seneca, Vergil, Dante, Kolumbus, Bacon, Galilei, Pascal, Leonardo, Raphael, Mozart, Beethoven nie einen höheren Gedankenflug gehabt? Du findest unsere Körper plump und abstoßend; wenn du aber Helena, Phryne, Aspasia, Sappho, Cleopatra, Lucretia Borgia, Agnes Sorel, Diana von Poitiers, Margarete von Valois, Borghese, Tallien, Récamier, Georges und ihre wunderschönen Rivalinnen an dir hättest vorbeischreiten sehen, würdest du vielleicht anders denken. Ach, mein lieber Marsbürger, erlaube mir, daß ich meinerseits bedaure, daß du die Erde nur von weitem kennst.«


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»Darin täuschest du dich; ich habe fünfzig Jahre auf jener Welt dort gewohnt. Das hat mir genügt, und ich versichere dich, daß ich nicht mehr hingehen werde. Alles ist dort mißraten, selbst das — was dir am reizendsten erscheint. Bildest du dir ein, daß auf allen Erden des Himmels die Blüten den Früchten auf dieselbe Art das Leben geben? Wäre das nicht ein wenig grausam? Was mich betrifft, so liebe ich die Primeln und die Rosenknospen.«

»Aber dennoch,« versetzte ich, »haben trotz alledem große Geister und wirklich bewundernswerte Geschöpfe auf der Erde gelebt. Kann man sich nicht der Hoffnung hingeben, daß die körperliche und die sittliche Schönheit sich immermehr vervollkommnen werde, wie sie es bis jetzt gethan hat, und daß die Geister nach und nach erleuchteter werden? Man bringt nicht seine ganze Zeit mit Essen zu. Die Menschen werden wohl endlich, trotz ihrer materiellen Arbeiten, jeden Tag einige Stunden der Entwickelung ihres geistigen Lebens widmen. Dann werden sie gewiß keine kleinen Götter mehr nach ihrem Bilde anfertigen, und vielleicht schaffen sie auch ihre kindischen Landesgrenzen ab, um Eintracht und Brüderlichkeit herrschen zu lassen.«


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»Nein, mein Freund, denn wenn sie das wollten, würden sie es schon von heute an thun. Nun hüten sie sich aber wohl davor. Der Erdenmensch ist ein kleines Tier, das einerseits das Bedürfnis zu denken nicht empfindet, da er nicht einmal die Unabhängigkeit der Seele besitzt, und anderseits schlägt er sich gern und baut dreist das Recht auf die Gewalt. So macht es ihm Vergnügen, und so ist seine Natur. Ihr werdet es nie dahin bringen, daß ein Dornstrauch Feigen trägt.


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Der Planet Erde befindet sich noch im Zustande der Barbarei. Zur Entscheidung einer Ehrensache habt ihr noch kein besseres Mittel gefunden, als die dumme Abgeschmacktheit des Duells. Die gesellschaftlichen Einrichtungen beruhen auf dem Recht des Stärkeren und auf dem numerischen Übergewicht. Die civilisierteste Gegend der Erde ist Europa: alle seine Bürger werden in dem Kultus des internationalen Mordes auferzogen, und drückende Auflagen, ich lese dies in deiner Seele, liefern jährlich 6 Milliarden, also täglich mehr als 16 Millionen, für unproduktive Kasernen. Der beständige Krieg ist die dumme Freude der Kleinen, die beste Art zu herrschen für die Großen. Wenn die Bürger, gleichviel welcher Nation sie angehören, alle ohne Ausnahme den Kriegsdienst ablehnten, so würden sie den Namen vernünftiger Menschen verdienen. Sie wollen es aber nicht, weil sie die Knechtschaft lieben, und weil der Zustand der Mittelmäßigkeit ihres Planeten für das Tier in Menschengestalt noch viel zu gut ist.«

»Nun,« versetzte ich, »ich denke mir, daß wir deswegen nicht schließlich zur Unbußfertigkeit verurteilt sind. In 100 000 Jahren vielleicht wird der Tag erscheinen, wo die zur Vernunft gekommene Menschheit nur noch eine Familie bilden wird, welche dieselbe Sprache redet und in welcher die Gefühle des Patriotismus, die sie noch auf lange hinaus trennen, dem einzigen, allgemein herrschenden Gefühl der menschlichen Solidarität Platz gemacht haben werden. Erst dann wird unser Planet umgestaltet sein und geistig leben.«

»Nie,« versetzte einer der Marsbürger, »nie wird euer Planet die Vollkommenheit des unsrigen erlangen. Ihr seid zu stumpfsinnig.


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Bedenke auch, daß die lieblichsten irdischen Schönheiten, auf welche du eben erst anspieltest, nur Ungeheuer sind im Vergleich mit unseren luftigen Marsfrauen, die von unseren Frühlingslüften, von unserm Blumenduft leben und schon in dem Schwingen ihrer Flügel, in dem idealen Kuß eines Mundes, der niemals aß, so gefühlsinnig sind, daß, wenn Dantes Beatrix so beschaffen gewesen wäre, der unsterbliche Florentiner keine zwei Gesänge seiner ›Göttlichen Komödie‹ hätte schreiben können: er hätte gleich mit dem Paradies angefangen und wäre nie mehr daraus herabgestiegen. Bedenke, daß unsre Jünglinge soviel angebornes Wissen besitzen, als Pythagoras, Archimedes, Euklid, Kepler, Newton, Laplace und Darwin nach allen ihren angestrengten Studien; unsere zwölf Sinne setzen uns in unmittelbare Verbindung mit dem Weltall; wir empfinden von hier aus auf hundert Millionen Meilen die Anziehung des Jupiter, wenn er vorübergeht; wir sehen die Ringe des Saturn mit bloßem Auge; wir fühlen die Ankunft eines Kometen im voraus, und unser Körper ist von der Sonnenelektricität durchdrungen, welche die ganze Natur in Schwingung versetzt. Nie hat es hier religiösen Fanatismus, noch Henker, weder Märtyrer noch internationale Spaltungen oder Kriege gegeben; sondern von seinen ersten Tagen an hat das Menschengeschlecht, von Natur friedlich und frei von jedem materiellen Bedürfnis, unabhängig von Körper und von Geist, in beständiger intellektueller Thätigkeit gelebt und ist unaufhaltsam zur Kenntnis der Wahrheit emporgedrungen. Doch komme lieber mit hierher.«

Ich machte mit den sich mit mir Unterhaltenden einige Schritte auf den Gipfel des Berges, und als ich den andern Abhang zu Gesicht bekam, gewahrte ich eine Menge von Lichtern verschiedener Färbungen, die in den Lüften umherflogen. Das waren die Bewohner des Mars, die, wenn sie wollen, des Nachts helleuchtend werden. Luftige, scheinbar aus phosphorescierenden Blüten gebildete Wagen führten Orchester und Chöre; einer derselben fuhr ganz nahe an uns vorbei, und wir nahmen mitten in einem Gewölk von wohlriechenden Düften Platz. Die Gefühle, welche ich empfand, waren grundverschieden von allen jenen auf der Erde empfundenen, und jene erste Nacht auf dem Mars verging wie ein flüchtiger Traum; denn bei Tagesanbruch befand ich mich noch in dem luftigen Wagen und unterhielt mich mit meinen neuen Bekannten, ihren Freunden und nicht zu beschreibenden Gefährtinnen. Welcher Rundblick beim Aufgang der Sonne! Blumen sproßten, Früchte reiften, Wohlgerüche wallten, Feenpaläste erhoben sich auf Inseln mit orangefarbener Vegetation, die Gewässer lagen als klare Spiegel da, und freudejauchzende Paare von Luftgestalten schwebten in kreisförmigen Bewegungen auf diese bezaubernden Gestade hernieder. Dort werden alle körperlichen Arbeiten durch Maschinen ausgeführt und von einigen vervollkommneten Tiergattungen geleitet, deren Bildungsgrad fast dem der Erdenmenschen gleich ist. Die Bewohner leben nur durch und für den Geist; ihr Nervensystem ist auf einer solchen Entwickelungsstufe angelangt, daß jedes jener sehr zarten und zugleich sehr starken Wesen einem elektrischen Apparate gleicht, und daß ihre sinnlichsten Eindrücke, welche sie weit mehr durch die Seele als durch den Körper empfinden, diejenigen ums hundertfache übertreffen, welche unsre fünf irdischen Sinne zusammen uns je bieten können. Eine Art Sommerpalast, der von den Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet wurde, lag unter unserer Luftgondel vor uns. Meine Nachbarin, deren Flügel vor Ungeduld zitterten, setzte ihren zarten Fuß auf einen Blumenbüschel.

»Wirst du wieder auf die Erde zurückkehren?« sagte sie, indem sie die Arme nach mir ausstreckte.

»Nie!« rief ich aus und sprang auf sie zu ...

Doch gleich darauf fand ich mich wieder allein bei meinem Wäldchen auf dem Abhang des Hügels, an dessen Fuß sich die Seine in ihren welligen Windungen schlängelte.

N i e ! wiederholte ich, und suchte den entschwundenen süßen Traum wieder festzuhalten. Wo war ich denn? Das war aber schön!

Die Sonne war eben untergegangen, und schon trat der damals sehr hell leuchtende Planet Mars am Himmel hervor.


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»Ah!« rief ich von einem Lichtblitz durchzuckt aus, »ich war dort! Durch dieselbe Anziehungskraft gehalten, betrachten sich die beiden benachbarten Planeten durch den durchsichtigen Raum hindurch. Sollten wir in dieser himmlischen Verbrüderung nicht ein Urbild der ewigen Reise erkennen? Die Erde ist nicht mehr allein in der Welt. Die Rundgemälde der Unendlichkeit beginnen sich zu entrollen. Mögen wir hier oder nebenan wohnen, wir sind nicht die Bürger eines Landes oder einer Welt, sondern in Wahrheit die Bürger des Himmels.«


Kapitel III.
Der Planet Mars – Die Erscheinung
Speros – Die Bewohner des Mars

War ich der Spielball eines Traumes gewesen? Hatte sich mein Geist wirklich auf den Planeten Mars versetzt, oder war ich vielleicht das Opfer einer durchaus in der Einbildung bestehenden Illusion?

Das Gefühl der Wirklichkeit war so lebendig und so stark gewesen, und die Dinge, welche ich gesehen hatte, erfanden sich so vollständig in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Begriffen, welche wir schon über die physische Beschaffenheit der Marswelt besitzen, daß ich in dieser Hinsicht keinem Zweifel Raum geben konnte, ungeachtet ich mich nicht von meiner Verwunderung erholen konnte und mir tausend Fragen stellte, die sich einander widersprachen.


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Daß Spero in dieser ganzen Vision fehlte, beunruhigte mich ein wenig. Ich fühlte mich immer so innig verknüpft mit seinem Andenken, daß ich hätte seine Anwesenheit herausfühlen, stracks auf ihn zueilen, ihn sehen, mit ihm sprechen, ihn hören müssen. Doch war der Magnetisierte von Nancy nicht vielleicht der Spielball seiner Einbildungskraft, oder der meinigen, oder derjenigen des Experimentators gewesen? Anderseits sagte ich mir selbst, daß man, angenommen, meine beiden Freunde wären auf jenem Nachbarplaneten wieder Mensch geworden, wie beim Durchwandern einer und derselben Stadt, so noch viel mehr bei dem einer ganzen Welt, sich sehr gut  n i c h t  begegnen könne. Und doch brauchte man hier gewiß nicht die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Hilfe zu nehmen; denn ein Gefühl der Anziehung, wie das uns verbindende, mußte die Begegnungen weniger vom Zufall abhängig machen und ein Element in die Wagschale werfen, das alles andere überwog.

Während ich so bei mir selbst dachte, ging ich wieder auf meine Beobachtungsstation Juvisy, wo ich einige elektrische Batterien zu einem optischen Versuch in Verbindung mit dem Turm zu Montlhéry aufgestellt hatte. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, überließ ich es meinem Gehilfen, die verabredeten Signale von 10 bis 11 Uhr zu geben, und machte mich auf den Weg nach dem alten Turme, auf welchem ich mich eine Stunde später einrichtete. Es war Nacht geworden. Von der alten Warte herab ist der Horizont vollkommen kreisförmig, ganz frei auf seiner ganzen Umfangslinie, welche sich auf einem Radius von 20 bis 25 Kilometer um diesen Centralpunkt herum ausdehnt. Ein dritter Beobachtungsposten in Paris stand in Verbindung mit uns. Der Zweck des Versuchs war, zu erfahren, ob die Strahlen der verschiedenen Farben des Licht-Spektrums alle mit derselben Schnelligkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde laufen. Das Ergebnis fiel bejahend aus.


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Als die Versuche gegen 11 Uhr beendigt waren, stieg ich, da die sternhelle Nacht wunderbar schön war und der Mond bald aufging, sobald ich die Apparate im Innern des Turmes geborgen hatte, auf die obere Plattform, um die von dem aufsteigenden Monde beleuchtete, weit ausgedehnte Landschaft zu betrachten. Die Luft war still, lau, fast warm. Aber mein Fuß stand noch auf der letzten Stufe, als ich, starr vor Schrecken, stehen blieb und einen Schrei ausstieß, der mir fast in der Kehle stecken blieb. Spero, ja Spero selbst saß da vor mir auf der Brustwehr. Ich erhob die Arme zum Himmel und fühlte fast meine Sinne schwinden; er aber sagte mir mit der so sanften, mir so wohl bekannten Stimme zu mir:

»Fürchtest du dich vor mir?«

Ich hatte weder die Kraft zu antworten, noch auf ihn zuzugehen. Dennoch wagte ich, meinem lächelnden Freunde ins Angesicht zu sehen. Sein liebes, vom Monde beschienenes Gesicht war so, wie ich es zur Zeit seiner Abreise von Paris nach Christiania gesehen hatte: jung, angenehm, nachdenklich, mit stark leuchtendem Blick. Ich ging die letzte Stufe hinauf, und es trieb mich innerlich, auf ihn zuzustürzen, um ihn zu küssen. Aber ich wagte es nicht und blieb betrachtend vor ihm stehen.


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Ich war meiner Sinne wieder mächtig geworden. »Spero! du bist es!« rief ich aus.

»Ich war während deines Versuchs da,« antwortete er, »und ich habe dich sogar auf den Gedanken gebracht, das Dunkelviolett bezüglich der Schnelligkeit der Lichtwellen mit dem Dunkelrot zu vergleichen. Nur war ich unsichtbar, wie die dunkelvioletten Strahlen.«

»Ist dies möglich? Lasse mich dich betrachten, dich berühren.«

Ich fuhr mit den Händen über sein Gesicht, über seinen Körper, in sein Haar und hatte durchaus dieselbe Empfindung, wie wenn es ein lebendiges Wesen gewesen wäre. Meine Vernunft sträubte sich dagegen, das Zeugnis meiner Augen, Hände und Ohren gelten zu lassen, und doch konnte ich nicht zweifeln, daß er es wohl wäre. Es giebt keinen solchen Doppelgänger. Und dann wären auch meine Zweifel von seinen ersten Worten an geschwunden, denn er fügte sofort hinzu: »Mein Körper schläft in diesem Augenblick auf dem Mars.«

»Also,« sagte ich, »du existierst, du lebst noch, und du hast endlich die Antwort auf die große Frage gefunden, welche dich so sehr bewegt hat. Und Icléa?«

»Wir wollen miteinander plaudern,« erwiderte er. »Ich habe dir vieles zu sagen.«

Ich setzte mich neben ihn auf den Vorsprung der breiten Brüstung, welche den alten Turm krönt, und folgendes vernahm ich:

Einige Zeit nach dem Unglück auf dem Tyrisfjordener See hatte er gefühlt, wie er wie aus langem und schwerem Schlaf erwachte. Er war allein in dunkler Nacht an dem Ufer eines Sees, fühlte, daß er lebte, konnte sich aber weder sehen noch berühren. Die Luft spürte er nicht. Er war nicht allein leicht, sondern sogar unwägbar. Was ihm von sich noch vorhanden zu sein schien, war bloß seine Denkfähigkeit.

Sein erster Gedanke bei seiner Rückerinnerung war, daß er von seinem Sturz über dem norwegischen See wiedererwache. Als aber der Tag anbrach, bemerkte er, daß er auf einer ganz andern Welt war. Die beiden Monde, welche in einander entgegengesetzter Richtung sich reißend schnell am Himmel drehten, ließen ihn glauben, daß er auf unserem Nachbar, dem Planeten Mars, sich befinde, und andere Zeichen bewiesen ihm dies auch bald.

Dort blieb er eine Zeitlang im Zustand eines Geistes und gewahrte das Vorhandensein eines sehr fein gebildeten Menschengeschlechtes, bei welchem das weibliche Geschlecht vermöge einer unbestrittenen Überlegenheit über das männliche Geschlecht uneingeschränkt herrscht. Die Organismen sind leichtbeweglich und zart, die Dichtigkeit der Körper ist sehr gering, die Schwere noch geringer; an der Oberfläche jener Welt spielt die materielle Kraft nur eine untergeordnete Rolle in der Natur; die Feinfühligkeit entscheidet über alles. Es giebt dort eine große Anzahl von Tiergattungen und mehrere Menschenrassen. Bei allen diesen Gattungen und Rassen ist das weibliche Geschlecht schöner und stärker als das männliche und beherrscht die Welt, da die Stärke in dem Überwiegen des Empfindungslebens liegt.

Sein großes Verlangen, das vor ihm sich zeigende Leben kennen zu lernen, bestimmte ihn, nicht lange in dem Zustande eines beschaulichen Geistes zu verbleiben, sondern unter einer menschlichen Körperform wieder zu erstehen, und zwar, da die organische Bedingung dieses Planeten dafür gegeben war, in der weiblichen.

Unter den in dem Luftkreise des Mars sich bewegenden Erdenseelen hatte er (denn die Seelen empfinden gegenseitig ihre Nähe) diejenige Icléas angetroffen, welcher er, geleitet von einer stetigen Anziehung, gefolgt war. Sie ihrerseits hatte sich zu einer männlichen Fleischwerdung hingetrieben gefühlt.

Sie waren also in einem der bevorzugtesten Länder dieser Welt als Nachbarn wieder miteinander vereint und mit der Bestimmung, sich wieder im Leben zu begegnen und dieselben Gemütsbewegungen, dieselben Gedanken, dieselben Werke miteinander zu teilen. Daher hatte sie ein unbestimmtes Gefühl der Geistesverwandtschaft und eine unmittelbare sympathische Anhänglichkeit vom ersten Wiedersehen an dennoch zusammengeführt, obgleich die Erinnerung an ihr irdisches Dasein nur verhüllt und wie durch die neue Umbildung abgeschwächt in ihnen fortdauerte. Ihre psychische Überlegenheit, die Natur ihrer gewöhnlichen Gedanken, der Zustand ihres an das Erforschen der Zwecke und der Ursachen gewöhnten Geistes hatten ihnen beiden eine Art von innerem Hellsehen verliehen, welche sie über die allgemeine Unwissenheit der Lebenden erhob. Sie hatten sich so plötzlich geliebt, sie hatten dem magnetischen Einfluß des Blitzstrahls ihrer Begegnung so widerstandslos sich hingegeben, daß sie bald nur noch e i n Wesen waren, wie im Augenblick ihrer Trennung auf Erden. Sie erinnerten sich, daß sie schon einmal einander begegnet waren; sie waren überzeugt, daß dies auf der Erde war, jenem unfernen Planeten, der des Abends mit so lebhaftem Glanz an dem Himmel des Mars funkelt; und auf ihren einsamen Flügen über die mit aus Luft geformten Pflanzen bewachsenen Hügel betrachteten sie manchmal den »Abendstern« und suchten dabei den abgerissenen Faden einer unterbrochenen Überlieferung wieder anzuknüpfen.

Ein unerwartetes Ereignis brachte in ihre dunklen Erinnerungen plötzlich Licht und bewies ihnen, daß sie sich nicht täuschten.

Die Bewohner des Mars stehen durch ihre Organisation, durch die Zahl und Schärfe ihrer Sinne und durch ihre geistigen Fähigkeiten auf einer viel höheren Stufe, als diejenigen der Erde.

Der Umstand, daß die Dichtigkeit an der Oberfläche dieses Weltkörpers eine sehr geringe ist und die körperbildenden Substanzen dort nicht so schwer sind als bei uns, hat die Bildung von unvergleichlich leichteren, luftigeren, zarteren, empfindsameren Wesen ermöglicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre die Nährstoffe enthält, hat die Marsorganismen der so unschönen Art, auf welche man die irdischen Bedürfnisse befriedigt, enthoben. Es ist dies ein ganz anderer Zustand. Das Licht ist dort nicht so grell, da jener Planet weiter von der Sonne entfernt ist, als wir, und der Sehnerv ist empfindlicher. Da die elektrischen und magnetischen Einwirkungen sehr stark sind, so besitzen die Bewohner gewisse Sinne, welche die irdischen Lebewesen gar nicht kennen; Sinne, welche sie mit jenen Einflüssen in Verbindung setzen. Die Wesen sind überall den Medien angepaßt, welche sie bewohnen, und in denen sie zum Leben erwacht sind. Die Organismen können auf dem Mars ebensowenig irdisch sein, als sie auf dem Meeresgrund luftförmig sein können.

Noch mehr: der durch diese Ordnung der Dinge vorbereitete Zustand einer höheren Entwickelung hat sich herausgebildet durch die Leichtigkeit, mit welcher dort jede geistige Arbeit geleistet wird. Die Natur scheint dem Gedanken zu gehorchen. Der Baumeister, welcher eine Gebäude ausführen, der Ingenieur, welcher die Bodenoberfläche durch Ausgrabungen oder Aufschüttungen, durch Durchstiche oder Ausfüllungen umgestalten will, — sie stoßen sich nicht wie hier an dem Gewicht der Materialien und an der Bodenbeschaffenheit. Darum hat auch die Kunst von Anfang an die reißendsten Fortschritte gemacht.

Da das Menschengeschlecht auf dem Mars um mehrere hunderttausend Jahre älter ist als das auf der Erde, so hat jenes alle seine Entwickelungsstadien vor diesem durchlaufen. Unsere gegenwärtigen, weitestgehenden, wissenschaftlichen Fortschritte sind nur Kinderspiele im Vergleich mit der Wissenschaft der Bewohner jenes Planeten.

Besonders in der Astronomie sind sie unvergleichlich weiter fortgeschritten als wir, und sie kennen unsere Erde viel besser, als wir ihre Heimat kennen.

Sie haben unter anderem eine Art Apparat für Fernphotographie erfunden, in welchem eine Rolle Zeug beim Abwickeln beständig das Bild unserer Welt aufnimmt und es getreu festhält. Ein ungeheures Museum, das besonders den Planeten des Sonnensystems gewidmet ist, bewahrt in chronologischer Ordnung alle diese für immer fixierten photographischen Bilder. Man findet da die ganze Geschichte der Erde: Frankreich zur Zeit Karls des Großen, Griechenland zur Zeit Alexanders, Ägypten zur Zeit des Ramses. Vergrößerungsgläser ermöglichen es, darin sogar historische Einzelheiten zu erkennen, wie z. B. Paris während der französischen Revolution, Rom unter dem Pontifikat Borgias, die spanische Flotte Kolumbus‹ bei ihrer Ankunft in Amerika, die Franken Chlodwigs bei der Besitzergreifung von Gallien, das Heer Julius Cäsars, wie es in der Eroberung Englands durch die Schiffe entführende Flut aufgehalten wird, die Truppen des Königs David, des Gründers der stehenden Heere, wie auch die meisten geschichtlichen Scenen, die an gewissen besonderen Merkmalen erkenntlich sind.

Als die beiden Freunde dieses Museum eines Tages besuchten, erhellte sich ihre bis dahin dunkle Erinnerung wie eine vom Blitz beleuchtete Nachtlandschaft. Plötzlich  e r k a n n t e n  sie die Ansicht von Paris während der 1867-er Ausstellung. Ihr Andenken daran gewann an Klarheit. Jeder von ihnen fühlte für sich, daß er da gelebt hatte, und unter diesem so lebhaften Eindruck waren sie sofort sicher, dort z u s a m m e n gelebt zu haben. In ihrem Gedächtnis wurde es allmählich heller, nicht durch unterbrochenes Aufleuchten, sondern vielmehr wie bei dem zunehmenden Lichte des beginnenden Tages.

Sie erinnerten sich dann beide, wie durch Eingebung, des Wortes des Evangeliums: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen«, und jenes anderen Wortes Jesu zu Nikodemus: »Wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen ... Ihr müsset von neuem geboren werden.«

Seit jenem Tag zweifelten sie nicht mehr an ihrem früheren Erdenleben und blieben fest überzeugt, daß sie ihr voriges Leben jetzt auf dem Planeten Mars fortsetzten. Sie gehörten zu dem Kreis der großen Geister aller Jahrhunderte, welche wissen, daß das menschliche Geschick sich auf dieser Welt hienieden nicht erfüllt und sich im Himmel fortsetzt, und welche auch wissen, daß jeder Planet, Erde, Mars oder irgend ein anderer ein Gestirn des Himmels ist.

Der eigentümliche Umstand des Geschlechterwechsels, der mir eine gewisse Bedeutung zu haben schien, hatte, scheint es, keine solche. Im Gegensatz zu dem, was unter uns angenommen wird, eröffnete er mir, daß die Seelen geschlechtslos seien und eine gleichartige Bestimmung hätten. Ich erfuhr auch, daß auf diesem Planeten, der nicht so materiell ist, als der unsrige, die Organisation in nichts derjenigen der irdischen Leiber gleicht. Die Empfängnisse und die Geburten vollziehen sich dort in einer ganz anderen Weise, welche, vergeistigt, an die Befruchtung der Blüten und deren Entfaltung erinnert. Das Vergnügen läßt keine Bitterkeit zurück. Man kennt dort weder die drückenden irdischen Bürden, noch die herzzerreißenden Schmerzensergüsse. Alles ist dort luftförmiger, ätherischer, immaterieller. Man könnte die Marsbewohner lebende, gefügelte und denkende Blumen nennen. Doch kann wirklich kein irdisches Wesen uns als Anhaltspunkt diesen, um ihre Gestalt und Lebensweise uns begreiflich zu machen.

Ich hörte diese Ausführungen der abgeschiedenen Seele ohne die geringste Unterbrechung an; denn es schien mir immer, als würde sie verschwinden, wie sie gekommen war. Doch bei der Erinnerung an meinen Traum, der mir durch die Übereinstimmung obiger Schilderungen mit dem, was ich gesehen hatte, wieder eingefallen war, konnte ich nicht umhin, meinem himmlischen Freunde von jenem befremdenden Träume etwas zu sagen und ihm mein Erstaunen darüber auszudrücken, daß ich ihn auf jener Reise auf dem Mars nicht gesehen hatte, — was mich die Wirklichkeit derselben bezweifeln ließe.

»Aber,« erwiderte er, »ich habe dich ja ganz deutlich gesehen, und du hast mich auch gesehen und mit mir gesprochen. Denn ich war's, ...«

Der Ton seiner Stimme war bei diesen Worten ein so eigentümlicher, daß ich in ihr sofort das wohlklingende Organ jener schönen Marsbewohnerin wiedererkannte, welches mir so aufgefallen war.

»Ja,« versetzte er, »ich war es; ich suchte, mich zu erkennen zu geben, aber, geblendet von einem Schauspiel, das deinen Geist gefangen hielt, bliebst du in den Banden deiner irdischen Sinne, und es gelang dir nicht, dich zum reinen Schauen aufzuschwingen. Ja, i c h streckte die Arme nach dir aus, um dich aus dem Luftwagen nach unserer Wohnung berabsteigen zu lassen, als du plötzlich aufwachtest.«

»Aber,« rief ich aus, »wenn du jene Marsbürgerin bist, wie erscheinst du mir denn hier unter der Gestalt Speros, welcher nicht mehr ist?«

»Das kommt daher, daß ich weder auf deine Netzhaut, noch auf deinen Sehnerv einwirke,« erwiderte er, »sondern auf dein geistiges Wesen und auf dein Gehirn. Ich stehe in diesem Augenblick in Verbindung mit dir; ich beeinflusse direkt den Sitz der Empfindung in deinem Gehirn. In Wirklichkeit ist mein geistiges Wesen formlos, wie das deinige und wie alle Seelen. Aber wenn ich, wie in diesem Augenblick, in direkte Verbindung mit deinem Denken trete, so kannst du mich nur so sehen, wie du mich gekannt hast. Im Traum ist es ebenso, d. h. in mehr als dem vierten Teil eures Erdenlebens — 20 Jahre lang unter 70 — sehet, hört, sprecht, berührt ihr mit demselben Eindruck, mit derselben Klarheit und Gewißheit wie im normalen Leben, und dennoch sind eure Augen geschlossen, euer Trommelfell ist unempfindlich, euer Mund ist stumm, eure Arme sind bewegungslos ausgebreitet. So ist es auch in dem Zustande des Somnambulismus, des Hypnotismus, der Suggestion. Du siehst, hörst, berührst mich durch dein erregtes Gehirn. Aber ich lebe ebensowenig unter der Gestalt, welche du siehst, als der Regenbogen vor den Augen desjenigen wirklich vorhanden ist, der ihn betrachtet.«

»Könntest du mir auch unter der Gestalt erscheinen, die du auf dem Mars hast?«

»Nein, sofern du nicht wirklich im Geiste auf den Planeten versetzt bist. Das wäre dann eine ganz andere Art des Verkehrs. Hier in unserer Unterhaltung ist für dich alles subjektiv. Die Elemente meiner Gestalt, wie ich sie auf dem Mars habe, sind im irdischen Dunstkreis nicht vorhanden, und dein Gehirn würde sich dieselben nicht vorstellen. Du könntest mich nur durch die Erinnerung a n d e i n e n h e u t i g e n Traum wiedersehen; aber sobald du suchtest, das Bild zu zergliedern, würde es in nichts zerfließen. Du hast uns nicht genau so gesehen, wie wir sind, weil dein Geist nur nach deinen irdischen Augen urteilen kann, die nicht für alle Strahlungen empfänglich sind, und weil ihr nicht alle unsere Sinne besitzt.«

»Ich gestehe,« erwiderte ich, »daß ich euer Marsleben im Zustande von Wesen mit sechs Gliedmaßen nicht recht verstehe.«

»Wenn diese Gestalten nicht auch zierlich wären, so würden sie dir als ungeheuerlich erschienen sein. Jede Welt hat ihre Organismen, die ihren Daseinsbedingungen angepaßt sind. Ich gestehe dir meinerseits, daß, was die Marsbewohner betrifft, der Apollo von Belvedere und die mediceische Venus hinsichtlich ihrer körperlichen Schwere wahre Ungeheuerlichkeiten sind.

Bei uns ist alles von ungewöhnlicher Leichtigkeit. Obschon unser Planet viel kleiner ist als der eurige, sind doch die Wesen dort viel größer als hier, weil die Schwere geringer ist, und weil die Organismen sich viel höher erheben können, ohne durch ihr Gewicht daran verhindert zu werden und ohne das Gleichgewicht zu gefährden.

Sie sind viel größer und viel leichter, weil die diesen Planeten bildenden Stoffe eine sehr geringe Dichtigkeit haben. Es ist dort vorgekommen, was auf der Erde sich auch ereignet hätte, wenn hier die Schwere nicht so bedeutend wäre. Die geflügelten Gattungen würden die Oberherrschaft erlangt haben, statt bei der Unmöglichkeit einer Entwickelung auszusterben. Auf dem Mars hat sich die organische Entwickelung in der Reihe der geflügelten Gattungen vollzogen. Das Menschengeschlecht auf dem Mars stammt in der That von Sechsfüßlern ab; aber gegenwärtig sind es Zweifüßler, Zweihänder und etwas, was man Zweiflügler nennen könnte, da diese Wesen zwei Flügel haben.

Die Lebensweise ist ganz verschieden von dem irdischen Leben; einmal, weil man ebensoviel in den Lüften und in den Luftpflanzen als auf der Oberfläche des Bodens lebt, und dann, weil man nicht ißt, der Dunstkreis den Nährstoff enthält. Die Leidenschaften sind dort keineswegs dieselben. Der Mord ist dort unbekannt. Da die Menschen keine materiellen Bedürfnisse haben, so haben sie dort nie, selbst in den Urzeiten nicht, in der Barbarei des Raubes und des Kriegs gelebt. Ideen und Empfindungen gehören ganz der geistigen Welt an.

Dennoch findet man bei dem Aufenthalt auf diesem Planeten, wenn auch keine gleichen, so doch wenigstens den unsrigen ähnliche Verhältnisse. So findet dort wie auf der Erde eine Aufeinanderfolge von Tag und Nacht statt, die sich nicht wesentlich von derjenigen bei uns unterscheidet, da dort Tag und Nacht 24 Stunden 39 Minuten 35 Sekunden dauert. Da das Marsjahr 668 solcher Tage hat, so haben wir mehr Zeit als ihr für unsere Arbeiten, unsere Studien, unsere Forschungen, unsere Genüsse. Unsere Jahreszeiten sind gleicherweise beinahe zweimal länger als eure; aber sie machen sich gleich fühlbar. Die Klimate sind nicht sehr verschieden; manche Gegend auf dem Mars an den Ufern des Äquatorialmeeres unterscheidet sich im Klima von Frankreich weniger, als Lappland von Nubien.

Ein Bewohner der Erde findet sich dort nicht allzusehr seiner Heimat entrückt. Der stärkste Unterschied zwischen beiden Welten besteht aber sicherlich in der großen Überlegenheit dieses Geschlechts über das eurige.


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Diese Überlegenheit verdankt man vorzugsweise den durch die astronomische Wissenschaft ermöglichten Fortschritten und der unter allen Bewohnern des Planeten wahrzunehmenden allgemeinen Verbreitung dieser Wissenschaft, ohne welche es unmöglich ist, richtig zu denken, ohne welche man nur falsche Vorstellungen vom Leben, von der Schöpfung und den Schicksalen hat. Wir sind sowohl durch die Schärfe unserer Sinne, als auch durch die Reinheit unseres Himmels sehr begünstigt. Es giebt viel weniger Wasser und Wolken auf dem Mars, als auf der Erde.

Der Himmel ist dort beständig schön, besonders in der gemäßigten Zone.«

»Doch habt ihr oft Überschwemmungen.«


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»Ja, und erst letzthin haben eure Fernröhren eine sehr weit ausgedehnte signalisiert, die sich längs der Ufer eines Meeres hinzog, dem deine Berufsgenossen einen Namen gegeben haben, der mir immer, selbst fern von der Erde, teuer sein wird. Die meisten unserer Gestade sind flache Küsten, zusammenhängende Ebenen. Wir haben wenig Gebirge, und die Meere sind nicht tief. Die Bewohner bedienen sich dieser Überflutungen zur Bewässerung ihrer ausgedehnten Ländereien. Sie haben die Flußläufe geregelt, erweitert, kanalisiert und die Festländer mit einem ungeheuren Netz von Kanälen überzogen. Diese Festländer selbst sind nicht wie die des Erdballs mit Gebirgsketten wie die Alpen oder der Himalaya durchzogen, sondern es sind unermeßliche Ebenen, die nach allen Richtungen hin von den kanalisierten Flüssen und den die Meere miteinander in Verbindung setzenden Kanälen durchschnitten werden.

Früher gab es im Verhältnis zum Volumen des Planeten beinahe ebensoviel Wasser auf dem Mars, als auf der Erde. Unmerklich, von Jahrhundert zu Jahrhundert, hat ein Teil des Regenwassers die dicken Schichten des Bodens durchsetzt und ist nicht mehr an die Oberfläche gekommen. Es hat sich chemisch mit den Felsen verbunden und ist aus dem atmosphärischen Kreislauf ausgeschieden. Auch haben die Regenmengen, die Schneemassen, die Winde, die Winterfröste und die trockenen Sommer die Gebirge verwittert, und indem die Wasserströme diese Trümmer in die Meeresbecken mit sich führten, haben sie deren Bett allmählich höher gelegt. Wir haben keine großen Oceane noch tiefe Meere mehr, sondern bloß noch Binnenmeere und viele Meerengen, Meerbusen, Meere wie das Ärmelmeer, das adriatische, das rote, das baltische, das kaspische Meer, und angenehme Gestade, ruhige Häfen, Seen und breite Ströme, mehr Flotten in der Luft als auf dem Wasser, einen beinahe immer und besonders am Morgen reinen Himmel. Es giebt keine so hellen irdischen Morgenstunden, wie die unseren.

Die meteorologischen Verhältnisse weichen merklich von denjenigen der Erde ab, weil die Gewässer wegen der größeren Verdünnung der Atmosphäre leichter verdunsten und dann, weil sie bei der Wiederverdichtung aus dem gasförmigen Zustand unmittelbar in den flüssigen übergehen, statt anhaltendes Gewölk zu bilden. Daher haben wir wenig Wolken und wenig Nebel.

Die Astronomie wird dort wegen der Reinheit des Himmels gepflegt. Wir haben zwei Trabanten, von denen der eine im Westen auf- und im Osten untergeht. Dabei durchfliegt er den Himmel von Westen nach Osten in fünf und einer halben Stunde und geht in weniger als drei Stunden aus einer Phase in die andere über. Es ist dies ein im ganzen Sonnensystem einziges Schauspiel, das viel dazu beigetragen hat, die Aufmerksamkeit der Bewohner auf das Studium des Himmels zu lenken. Zudem haben wir fast alle Tage Mondsfinsternisse, nie aber totale Sonnenfinsternisse, weil unsere Satelliten zu klein sind.

Die Erde erscheint uns, wie euch selbst die Venus erscheint. Sie ist für uns der Morgen- und Abendstern, und im Altertum, vor der Erfindung der optischen Instrumente, die uns gezeigt haben, daß sie ein wie der eurige bewohnter, aber wenig bevölkerter Planet ist, beteten sie unsere Altvordern an, indem sie eine Schutzgottheit in ihr begrüßten. Alle Welten haben während der Jahrhunderte ihrer Kindheit eine Mythologie, und diese Mythologie hat den scheinbaren Stand der Himmelskörper zum Ursprung, zur Grundlage und zum Gegenstand.

Manchmal geht für uns die vom Mond begleitete Erde vor der Sonne vorbei und zeigt sich vor deren Scheibe wie ein kleiner, von einem anderen kleineren begleiteter, schwarzer Flecken. Hier verfolgt jedermann diese Himmelserscheinungen mit Spannung. Unsere Zeitungen beschäftigen sich viel mehr mit Wissenschaft als mit Theatern, litterarischen Schwärmereien, politischen Streitfragen oder Gerichtsverhandlungen.

Die Sonne scheint uns ein wenig kleiner, und wir erhalten etwas weniger Licht und Wärme von ihr. Unsere Augen, die empfindlicher sind, sehen besser als die eurigen. Die Temperatur ist ein wenig höher.«

»Wie,« versetzte ich, »ihr seid weiter von der Sonne, und bei euch ist es wärmer als bei uns?«

»Chamonix liegt ein wenig weiter von der Mittagssonne als der Gipfel des Montblanc,« erwiderte er. »Der Abstand der Sonne reguliert aber nicht a l l e i n die Temperatur; man muß gleichzeitig auch die Beschaffenheit der Atmosphäre berücksichtigen. Unser Polareis schmilzt unter unserer Sommersonne vollständiger als eures.«

»Welches sind die volkreichsten Länder des Mars?«

»Höchstens die Polargegenden (in denen ihr von der Erde aus die Schnee- und Eismassen in jedem Frühling schmelzen seht) sind unbewohnt. Die Bevölkerung der gemäßigten Gegenden ist sehr dicht; das sind aber wieder die bevölkertsten Äquatorialerdstriche und besonders, trotz der Überflutungen, die Meeresgestade. Eine große Anzahl von Städten sind fast über dem Wasser erbaut, schweben gewissermaßen in der Luft und beherrschen so die vorausberechneten und erwarteten Überschwemmungen.«

»Sind eure Künste, eure Industrie den unsrigen ähnlich? Habt ihr Eisenbahnen, Dampfschiffe, den Telegraphen, das Telephon?«

»Das ist ganz anders. Wir haben nie Dampf noch Eisenbahnen gehabt, weil wir immer die Elektricität kannten und die Luftschiffahrt uns natürlich ist. Unsere Flotten werden durch Elektricität in Bewegung gesetzt und sind sowohl für die Luft als auch für das Wasser berechnet. Wir leben überhaupt in dem Dunstkreis und haben keine steinerne, eiserne und hölzerne Wohnungen. Wir kennen die Strenge des Winters nicht, weil jeder sich ihr entzieht; diejenigen, welche die Äquatorialgegenden nicht bewohnen, ziehen jeden Herbst weg wie eure Vögel. Es würde dir sehr schwer sein, dir eine genaue Vorstellung von unserer Lebensweise zu machen.«

»Giebt es auf dem Mars eine große Anzahl menschlicher Wesen, welche schon die Erde bewohnt haben?«

»Nein. Unter den Bürgern eures Planeten sind die meisten unwissend, oder gleichgültig, oder Zweifler und auf das Geistesleben nicht vorbereitet. Sie sind an die Erde gebunden, und zwar für lange. Viele Seelen schlafen vollständig. Diejenigen, welche leben, handeln, nach der Kenntnis des Wahren streben, sind die einzigen, welche zur bewußten Unsterblichkeit berufen sind, die einzigen, welche die geistige Welt interessiert und welche fähig sind, sie zu verstehen. Diese Seelen können die Erde verlassen und anderswo wieder aufleben. Mehrere kommen auf den Mars und bewohnen ihn bei ihrer Entfernung von der Sonne einige Zeit als erste Etappe eines über die Erde hinausgehenden Fluges; oder sie kommen auf die Venus, als den ersten Halt diesseits; aber Venus ist ein der Erde analoger und noch weniger begünstigter Weltkörper, weil seine rasch verlaufenden Jahreszeiten die Organismen den schroffen Temperaturwechseln aussetzen. Gewisse Geister fliegen unmittelbar bis zu den gestirnten Regionen fort. Wie du weißt, giebt es ja keinen Zwischenraum. Kurz, die Gerechtigkeit herrscht in dem sittlichen Weltsystem wie das Gleichgewicht in dem physischen Weltgebäude, und das Schicksal der Seelen ist nur das Ergebnis ihrer Anlagen, ihrer Bestrebungen und folglich  i h r e r  W e r k e. Der Weg zum Himmel steht allen offen, aber die Seele ist nur dann erst wahrhaft für den Himmel reif, wenn sie sich gänzlich freigemacht hat von dem Drucke des materiellen Lebens. Es wird der Tag kommen, wo selbst auf eurem Planeten kein anderer Glaube und keine andere Religion mehr herrschen wird, als die Kenntnis des Weltalls und die Gewißheit der Unsterblichkeit in seinen unendlichen Regionen, in seinem ewigen Reich.«

»Wie merkwürdig eigentlich,« sagte ich, »daß niemand auf der Erde diese erhabenen Wahrheiten kennt! Niemand betrachtet den Himmel. Man lebt hienieden, wie wenn unser Inselchen allein in der Welt existierte.«

»Die Erdenmenschheit ist noch jung,« erwiderte Spero. »Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Sie ist ein Kind und steht noch in ihrer anfänglichen Unwissenheit. Sie vertreibt sich die Zeit mit Nichtigkeiten und gehorcht Herren, die sie sich selbst giebt. Ihr findet Gefallen daran, euch in Nationen einzuteilen und euch mit Nationaltrachten herauszuputzen, um euch in der Musik aufzureiben. Dann errichtet ihr Standbilder für diejenigen, die euch zur Schlachtbank geführt haben. Ihr richtet euch zu Grunde und bringt euch selbst um, und doch könnt ihr nicht leben, ohne der Erde euer tägliches Brot zu entringen. Es ist das eine traurige Lage, die aber den meisten Bewohnern eures Planeten reichlich genügt. Wenn einige im Anstreben erhabenerer Ziele manchmal an Fragen höherer Ordnung, z. B. an die Natur der Seele, an das Dasein Gottes dachten, so ist das Ergebnis kein besseres gewesen; denn sie haben den Seelen ihren Platz außerhalb der Natur angewiesen und seltsame, abscheuliche Götter erfunden, die nur in ihrer eigenen verderbten Einbildung vorhanden waren, und in deren Namen sie alle Angriffe auf das menschliche Gewissen vollführt, alle Verbrechen gepriesen und die schwachen Geister in Sklavenfesseln geschlagen haben, von denen man sich nur schwer befreien wird. Das geringste Tier auf dem Mars ist besser, schöner, sanfter, gescheiter und größer als mancher männermordende Heros. Man braucht sich also über die Dummheit und Roheit der Erdbewohner nicht zu wundern. Doch das Gesetz des Fortschritts regiert die Welt. Ihr seid weiter voran als eure Voreltern aus der Steinzeit, die ihr elendes Dasein damit hinbrachten, ihre Tage und Nächte den wilden Tieren streitig zu machen. In einigen tausend Jahren werdet ihr fortgeschrittener sein als heute. Alsdann wird Urania in euren Herzen wohnen.

Es bedürfte einer Gewaltthat, um die Menschen zu belehren und zu überzeugen. Wenn wir z. B. eines schönen Tages mit der benachbarten Erde, die du bewohnst, in Verkehr treten könnten, — jedoch nicht in seelischen Verkehr mit einem einzelnen Wesen, wie ich es im Augenblick thue, sondern durch Hunderte und Tausende von Zeugen mit dem Planeten selbst, — so wäre dies ein riesiger Aufschwung zum Fortschritt.


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Ihr könntet das schon jetzt gleich, wenn ihr wolltet; denn was uns auf dem Mars betrifft, so sind wir ganz darauf vorbereitet, und wir haben es sogar schon manches Mal versucht. Aber ihr habt uns nie geantwortet! Sonnenreflektoren, welche geometrische Figuren auf unsere ausgedehnten Ebenen zeichnen, beweisen euch, daß wir vorhanden sind. Ihr könntet uns durch ähnliche auch auf eure Ebenen bei Tag mit der Sonne, bei Nacht mit elektrischem Lichte gezeichnete Figuren antworten. Aber ihr denkt nicht einmal daran, und wenn einer von euch vorschlüge, es zu versuchen, so würden eure Richter ihn in den Bann thun; denn schon diese Idee allein steht unerreichbar hoch über dem allgemeinen Urteilsvermögen der Bürger deines Planeten. Womit beschäftigen sich eure wissenschaftlichen Versammlungen? Mit dem Festhalten an der Vergangenheit. Womit eure politischen? Mit der Erhöhung der öffentlichen Lasten! In dem Reich der Blinden ist der Einäugige ein König.

Aber es liegt kein Grund vor, ganz zu verzweifeln. Der Fortschritt zieht euch gegen euren Willen mit sich fort. Einstens werdet auch ihr erfahren, daß ihr Himmelsbürger seid. Dann werdet ihr im Lichte, im Wissen, in der wahren Welt des Geistes leben.«

Während der Marsbewohner mich so mit den Hauptzügen seines neuen Vaterlandes bekannt machte, hatte sich der Erdball nach Osten gedreht, der Horizont hatte sich hinabgesenkt, und der Mond sich allmählich am Himmel erhoben, den er mit seinem Glanz erhellte. Plötzlich, als ich meinen Blick auf die Stelle herabsenkte, wo Spero saß, konnte ich eine Bewegung der Überraschung nicht unterdrücken. Der Mondschein goß sein Licht über seine Person so gut wie über mich aus, und doch blieb sein Körper ohne Schatten, während der meinige einen solchen auf die Brustwehr warf!

Ich erhob mich hastig, um mich von der Richtigkeit der Sache besser zu überzeugen, und wandte mich sogleich um, indem ich meine Hand bis zu seiner Schulter ausstreckte und den Schattenriß meiner Bewegung auf der Mauer verfolgte. Aber im Augenblick war mein Besuch verschwunden. Ich war ganz allein auf dem stillen Turme. Mein Schatten fiel scharf auf die Brustwehr. Der Mond war prächtig. Das Dorf schlief zu meinen Füßen. Die Luft war lau und windstill.

Während dessen schien es mir, als hörte ich Schritte. Ich lauschte und hörte wirklich ziemlich schwere Tritte, die sich mir näherten.

»Der Herr ist noch nicht hinuntergegangen!« sagte der Wächter, als er oben ankam. »Ich wartete immer, um zuzuschließen, und es schien mir wohl, als wären die Versuche zu Ende.«


Kapitel IV.
Der feste Punkt im Weltall –
Die Natur ist ein Dynamismus

Die Erinnerung an Urania, an die Himmelsreise, auf welcher sie mich getragen hatte, an die Wahrheiten, welche sie mich ahnen ließ, die Geschichte Speros, seine Kämpfe bei der Aufsuchung des Absoluten, seine Erscheinung, seine Erzählung von einer andern Welt beschäftigten mein Denken unausgesetzt und führten meinem Geiste beständig dieselben teils schon gelösten, teils noch in der Ungewißheit unserer Wissenschaften verhüllten Probleme wieder vor. Ich fühlte, daß ich der Erkenntnis der Wahrheit allmählich näher gekommen war, und daß das sichtbare Weltall wirklich nur Schein ist, durch den man hindurchdringen muß, um zur Wirklichkeit zu gelangen.

Alles, was unsere Sinne uns vorführen, ist nur Täuschung. Die Erde ist nicht das, was sie zu sein scheint, die Natur nicht das, wofür wir sie halten.

Wo ist in dem körperlichen Weltall selbst  d e r  f e s t e  P u n k t , auf welchem die materielle Schöpfung im Gleichgewichte ruht?

Der Eindruck, den wir durch die Beobachtung der Natur gewinnen, ist der, daß wir auf der Oberfläche einer festen, unverrückt im Mittelpunkt des Weltalls stehenden Erde wohnen. Es hat jahrhundertelanger Studien und eines kühnen Geistes bedurft, um dahin zu gelangen, sich von diesem natürlichen Eindruck freizumachen und zu erkennen, daß die Welt, auf der wir sind, ohne irgendwelche Stütze, in reißend schneller Bewegung um sich selbst und um die Sonne, abgesondert im Raume schwebt. Aber in den der wissenschaftlichen Forschung vorausgehenden Jahrhunderten, bei den Urvölkern und noch heute bei drei Vierteln des menschlichen Geschlechtes stemmen wir die Füße gegen eine feste, auf der Basis des Universums befestigte Erde, deren Grundfesten bis in die unendliche Tiefe hinabreichen müssen.


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Von dem Tage an jedoch, wo man erkannte, daß dieselbe Sonne alle Tage auf- und untergeht, daß derselbe Mond, dieselben Sterne, dieselben Sternbilder sich um uns drehen, wurde man gerade hierdurch darauf geführt, mit unbestreitbarer Gewißheit zuzugeben, daß unter der Erde eine leere Stelle sein muß, um alle Gestirne des Firmaments von ihrem Untergang bis zum Aufgang hindurchzulassen. Diese erste Erkenntnis war von durchschlagender Bedeutung. Die Annahme des freien Schwebens der Erde im Raume ist die erste große Errungenschaft der Astronomie gewesen. Dies war der erste und in Wahrheit der schwerste Schritt. Man bedenke doch, was es heißt: die Grundlage der Erde beseitigen! Ein solcher Gedanke würde z. B. ohne die Beobachtung der Gestirne, ohne die Durchsichtigkeit der Luft nie in einem Kopfe aufgetaucht sein. Unter einem stets bewölkten Himmel bliebe der menschliche Gedanke immer am Boden haften, wie die Auster am Felsen.

Nachdem man einmal die Erde im Raum isoliert hatte, war der erste Schritt geschehen. Vor dieser Umwälzung, deren philosophische Tragweite ihrem wissenschaftlichen Werte gleichkommt, hatte man sich unsern Aufenthalt unter dem Monde in allen Formen gedacht. Zuerst wurde die Erde als eine über einen grenzenlosen Ocean hervorragende Insel betrachtet, deren unterseeische Anfänge unergründlich tief lagen. Dann hatte man bei der ganzen Erde mit ihren Meeren die Gestalt einer flachen, kreisförmigen Scheibe angenommen, um welche herum sich das Himmelsgewölbe herabsenkt. Später hatte man ihr kubische, cylindrische, vielflächige und andere Formen angedichtet.

Die Fortschritte der Schiffahrt führten jedoch darauf hin, ihre kugelförmige Beschaffenheit an den Tag zu legen, und als ihre freie Stellung mit ihren unanfechtbaren Beweisen anerkannt war, wurde auch diese Kugelförmigkeit als eine natürliche Folge jener Isolierung und der kreisförmigen Bewegung der Himmelskugeln um die als Mittelpunkt betrachtete Erdkugel zugegeben.

Den von da an als frei im leeren Raum schwebend erkannte Erdball nun auch zu bewegen, war jetzt nicht mehr schwierig. Früher, wo der Himmel als eine die feste Erde krönende Kuppel betrachtet wurde, würde schon der Gedanke, eine Bewegung bei ihr zu unterstellen, ebenso ungereimt als unhaltbar gewesen sein. Aber von dem Tage an, wo wir sie im Geist mitten in die Himmelsbewegungen hineingestellt sehen, konnte der Geist des Denkers ganz naturgemäß auf die Idee kommen, sich vorzustellen, daß diese Kugel sich vielleicht um sich selbst drehen könnte, um dem ganzen Himmel, dem unermeßlichen Weltall die Notwendigkeit zu ersparen, diese tägliche Operation auszuführen; und wir sehen in der That, wie die Hypothese von der täglichen Umdrehung des Erdballs um sich selbst bei den alten gebildeten Völkern, den Griechen, den Ägyptern, den Indern, sich Bahn bricht. Man braucht nur einige Kapitel bei Ptolemäus, Plutarch, SuryaSiddhanta zu lesen, um sich von diesen Bestrebungen Rechenschaft zu geben. Aber obgleich diese neue Hypothese durch die erstere vorbereitet worden war, war sie doch nicht weniger kühn und der aus der unmittelbaren Naturbetrachtung entsprungenen Anschauung zuwiderlaufend. Die denkende Menschheit hat bis ins sechzehnte Jahrhundert warten müssen, um die eigentliche Stellung unseres Planeten kennen zu lernen und auf Zeugnisse gestützt zu w i s s e n , daß sie sich doppelt bewegt: nämlich täglich um sich selbst und jährlich um die Sonne. Erst von jener Epoche an, erst von Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton an, ist die wirkliche Astronomie begründet worden.

Und dennoch war das nur erst ein Anfang; denn der große Erneuerer des Weltgebäudes, Kopernikus selbst, hatte keine Ahnung weder von den andern Bewegungen der Erde, noch von den Entfernungen der Sterne. Erst in unserm Jahrhundert haben die ersten Sternentfernungen gemessen werden können, und erst in unseren Tagen haben uns die Entdeckungen in der Sternenwelt die nötigen Anhaltspunkte geboten, die den Versuch gestatten, uns über die Kräfte Rechenschaft zu geben, welche die Schöpfung im Gleichgewicht erhalten.

Die antike Vorstellung von den der Erde angedichteten endlosen Wurzeln ließ offenbar für d i e Geister viel zu wünschen übrig, welche bemüht waren, den Dingen auf den Grund zu kommen. Uns ist es schlechterdings unmöglich, einen beliebig dicken und breiten stofflichen Pfeiler zu denken, der sich grundlos in die Tiefe senkt, gerade wie man sich keinen Stock denken kann, der nur e i n Ende hätte. So weit auch unser Geist nach der Basis dieses Pfeilers hinabsteigt, es kommt ein Punkt, wo er dessen Ende sieht. Man war sich über die Schwierigkeit nicht klar geworden, als man die Himmelskugel als stofflich ansah und die Erde so hineinsetzte, daß sie deren unteren Teil ausfüllte. Aber einerseits wurde es schwer, die Bewegungen der Gestirne als richtig zu beweisen, und anderseits war dieses stoffliche, in eine ungeheure Krystallkugel gefaßte Universum selbst von nichts gehalten, da der unendliche Raum sich rund herum, über ihm sowohl als unter ihm, ausdehnen mußte. Die Forscher mußten sich zuerst von dem landläufigen Begriff der Schwere losmachen.

Im Raume frei schwebend wie ein Kinderluftballon und noch unabhängiger, da der Ballon von den Luftwogen getragen wird, während die Welten im leeren Raum gravitieren, ist die Erde für die unsichtbaren Kräfte im Weltall ein Spielzeug, denen sie gehorcht, wie eine gegen den geringsten Lufthauch empfindliche Seifenblase. Wir können uns übrigens leicht einen Begriff davon machen, wenn wir die e l f Hauptbewegungen, die sie ausführt, unter einem Gesamtgesichtspunkt ins Auge fassen. Vielleicht helfen sie uns den »festen Punkt« finden, auf dessen Bestimmung unser philosophischer Stolz gerichtet ist.

In einer Entfernung von ca. 20 Millionen Meilen um die Sonne geschleudert und in dieser Entfernung ihre jährliche Umwälzung um das leuchtende Gestirn vollendend, läuft sie infolgedessen mit einer Schnelligkeit von 643 000 Stunden [14] täglich, d. h. 26 800 Wegstunden [15] in einer Zeitstunde oder 29 450 Meter in der Sekunde. Diese Schnelligkeit ist elfhundertmal [16] größer als die eines Blitzzuges bei 100 Kilometern in der Stunde. [17]

[14] Gemeint sind offenbar 643 000 französische (metrische) Meilen (»lieues kilomètres«) zu je 4,0 km; 1 dt. Meile entspricht ca. 7,5 km. (Anm. d. Hrsg.)

[15] Gemeint sind offenbar 26 800 französische /metrische) Meilen pro Stunde. (Anm. d. Hrsg.)

[16] In der französischen Ausgabe von 1919 (vgl. Vorbemerkungen des Herausgebers, S. 20, Fn. 13) heißt es auf S. 308 » ... plus de mille fois plus ...«, übersetzt: » ... mehr als tausendmal größer ...«. (Anm. d. Hrsg.)

[17] Der vollständige Absatz lautet im Original von 1919, S. 308: »Lancée autour du Soleil, à la distance de 149 millions de kilomètres, et parcourant, à cette distance, sa révolution annuelle autour de l'astre lumineux, elle court par conséquent à la vitesse de 2 563 000 kilomètres par jour, soit 106 800 kilomètres à l'heure ou 29 670 mètres par seconde. Cette vitesse est plus de mille fois plus rapide que celle d'un trainéclair lancé au taux de 100 kilomètres à l'heure.« (Anm. d. Hrsg.)

Es ist eine Kanonenkugel, welche mit einer fünfundsiebenzigmal größeren Schnelligkeit fliegt als eine Granate, und die unaufhörlich fliegt, ohne je ihr Ziel zu erreichen. In 365 Tagen 6 Stunden 9 Minuten 10 Sekunden ist das Erdenprojektil an demselben Punkt seiner Bahn wieder angelangt, und fliegt immer fort. Die Sonne ihrerseits verändert ihre Stellung im Raume längs einer zur Ebene der Erdbahn schiefen Linie, welche auf das Sternbild des Herkules gerichtet ist. Daraus ergiebt sich, daß die Erde, statt eine geschlossene Kurve zu beschreiben, eine S p i r a l e beschreibt und nie zweimal denselben Weg gemacht hat, seit sie besteht. In ihrer jährlichen Umlaufbewegung um die Sonne kommt also beständig, als zweite Bewegung, diejenige der Sonne selbst, welche sie samt dem ganzen Sonnensystem in schief absteigender Linie gegen das Sternbild des Herkules nach sich zieht.

Während jener Zeit dreht sich unser Erdkügelchen in 24 Stunden um sich selbst und verschafft uns die Auseinanderfolge der Tage und der Nächte. Tägliche Umdrehung: dritte Bewegung. Es dreht sich aber nicht senkrecht um sich selbst wie ein Kreisel, welcher aufrecht auf einem Tische stünde, sondern, wie jeder weiß, um 23° 27' geneigt. Diese Neigung ist auch nicht immer gleich; sie verändert sich von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert, da die Erde in Säkularperioden langsam schwingt. Das ist eine vierte Art der Bewegung.

Die Bahn, welche unser Planet jährlich um die Sonne durchläuft, ist nicht kreisförmig, sondern länglichrund. Diese Ellipse selbst ändert sich auch von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert; bald nähert sie sich der Kreislinie, bald verlängert sie sich bis zu starker Excentricität, wie ein elastischer Reif, den man mehr oder weniger auseinanderzieht. Fünfte Komplikation in den Bewegungen der Erde.

Jene Ellipse selbst steht im Raume nicht fest, sondern dreht sich in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21 000 Jahren. Das Perihelium, welches sich im Anfang unserer Zeitrechnung im 65. Längengrad vom Frühlingsäquinoctium an gerechnet befand, steht jetzt im 101. Grade. Diese Verschiebung der Apsidenlinie hat eine sechste Komplikation in den Bewegungen unseres Wohnplatzes zur Folge.

Jetzt giebt es noch eine siebente. Wir haben eben gesagt, daß die Rotationsachse unseres Erdballs geneigt sei, und jeder weiß, daß die gedachte Verlängerung dieser Achse auf den Polarstern ausläuft. Diese Achse selbst ist nicht fest; sie dreht sich in 25 765 Jahren und behält dabei ihre Neigung von 22 bis 24 Graden, so daß ihre Verlängerung auf der Himmelskugel um den Pol der Ekliptik einen durch die Epochen bedingten Kreis von 44 bis 48 Graden im Durchmesser beschreibt. Infolge dieser Verschiebung des Poles wird Wega (in der Leier) in 12 000 Jahren Polarstern werden, wie sie es vor 14 000 Jahren gewesen ist. Siebente Art der Bewegung.

Eine achte Bewegung, die von der Einwirkung des Mondes auf die ÄquatorialAnschwellung der Erde herrührt, nämlich diejenige des Schwankens, läßt den Pol des Äquators in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben.

Eine neunte, welche gleichfalls der Anziehung unseres Satelliten beizumessen ist, verändert unaufhörlich die Lage des Schwerpunktes des Erdballs und die Stelle der Erde im Raume: wenn der Mond uns voraus ist, beschleunigt er den Gang des Erdballs; wenn er hinter uns ist, hält er uns im Gegenteil zurück wie ein Zügel: eine monatliche Komplikation, die noch zu allen früheren hinzukommt.

Wenn die Erde zwischen der Sonne und Jupiter hindurchgeht, bewirkt die Anziehung des letzteren, trotz seiner Entfernung von etwa 107 Millionen Meilen, eine Abweichung von 2,10 Metern jenseits, die Anziehung der Venus eine solche von 1,25 Metern diesseits ihrer absoluten Bahn. Saturn und Mars wirken auch ein, aber schwächer. Es sind dies äußere Störungen, welche eine zehnte Art von Berichtigungen bilden, die zu den Bewegungen unseres Himmelsschiffchens hinzukommen.

Da das Gesamtgewicht der Planeten ungefähr den 700. Teil des Gewichtes der Sonne ausmacht, so liegt der Schwerpunkt, um welchen die Erde jährlich ihres Kreislauf vollendet, niemals im Mittelpunkt der Sonne selbst, sondern weit ab von demselben und oft sogar außerhalb des Sonnenballs. Absolut gesprochen, dreht sich die Erde daher nicht um die Sonne, sondern beide Gestirne, Sonne und Erde, drehen sich um ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Der Mittelpunkt der jährlichen Bewegung unseres Planeten verändert also beständig seine Stelle, und wir können auch diese elfte Verschlingung der Bahnen den vorigen zuzählen.

Es ließen sich deren sogar noch viele andere hinzufügen; allein vorstehendes genügt, um den Grad der Leichtigkeit und Empfindlichkeit unserer schwimmenden Insel bestimmen zu lassen, welche, wie man sieht, allen Schwankungen der himmlischen Einflüsse unterworfen ist. Die mathematische Analyse geht weit über diese allgemeine Darstellung hinaus; am Monde allein, der sich so ruhig um uns zu drehen scheint, hat sie mehr als 60 unterschiedene Ursachen verschiedener Bewegungen entdeckt!

Wir übertreiben also nicht, wenn wir sagen: Unser Planet ist nur ein Spielball für die kosmischen Kräfte, welche ihn in den Gebieten des Himmels führen, und ebenso ist es mit allen Weltkörpern und allem, was im Weltall existiert. Der Stoff gehorcht folgsam der Kraft.

Wo ist denn nun der feste Punkt, auf welchen uns zu stützen unser ganzen Streben gerichtet ist?

In Wahrheit wird unser Planet, den man sonst für die Basis des Weltgebäudes hielt, aus der Entfernung von der Sonne gehalten, welche ihn mit einer dieser Entfernung entsprechenden Schnelligkeit um sich schwingen läßt. Diese durch die Sonnenmasse selbst verursachte Schnelligkeit erhält unseren Planeten in gleicher mittlerer Entfernung von dem Centralgestirn: eine geringere Geschwindigkeit ließe die Schwere zur Herrschaft kommen und würde das Hineinstürzen der Erde in die Sonne herbeiführen; eine größere Geschwindigkeit dagegen würde unsern Planeten immer weiter und ins Unendliche von der Wärmequelle entfernen, aus welcher sie ihre Lebenskraft schöpft. Aber durch die aus der Anziehungskraft sich ergebende Schnelligkeit verbleibt unser umherschweifender Wohnplatz in einer beständigen Gleichmäßigkeit der Bewegung. Ebenso wird der Mond durch die Anziehungskraft der Erde im Raume schwebend erhalten, welche ihn mit derjenigen Schnelligkeit um sich kreisen läßt, welche erforderlich ist, um ihn beständig in derselben mittleren Entfernung zu erhalten. Die Erde und der Mond bilden so im Raum ein Planetenpaar, das sich unter der Oberherrschaft der Anziehung der Sonne in beständigem Gleichgewicht erhält. Wenn unser Erdball allein in der Welt existierte, so bliebe er in alle Ewigkeit unbeweglich auf demselben Punkte des unendlichen Raumes stehen, wo er hingestellt worden wäre, ohne je fallen, noch steigen, noch irgendwie seine Stellung verändern zu können, da diese Ausdrücke selbst: fallen, steigen, rechts oder links, keinen absoluten Sinn haben. Wenn diese nämliche Erde, während sie allein vorhanden gewesen wäre, irgendwelchen Stoß erhalten hätte, mit irgendwelcher Geschwindigkeit in irgendwelcher Richtung geschleudert worden wäre; so würde sie in alle Ewigkeit in gerader Linie in dieser Richtung fliegen, ohne stehen zu bleiben oder langsamer zu fliegen oder ihre Bewegung zu ändern. So wäre es auch wieder, wenn der Mond mit ihr allein da wäre: sie würden alle beide um ihren gemeinsamen Schwerpunkt sich drehen und ihre Bestimmung an demselben Orte des Raumes erfüllen, indem sie miteinander in der Richtung flögen, nach welcher sie geworfen worden wären. Da aber die Sonne da ist und den Mittelpunkt ihres Systems bildet, so hängen von ihr alle Planeten und alle Trabanten derselben ab, und deren Schicksal ist unwiderruflich an das jener gebunden.

Werden wir also in dieser so riesigen und schweren Sonnenkugel den gesuchten festen Punkt, die feste Grundlage finden, die uns wünschenswert erscheint, nur um den Bestand des Weltalls zu sichern?

Ganz gewiß nicht, weil die Sonne selbst sich nicht im Zustande der Ruhe befindet, weil sie uns mit ihrem ganzen System nach dem Sternbilde des Herkules hin mit sich fortführt.

Gravitiert unsere Sonne um eine ungeheure andere, deren Anziehung bis zu ihr reichte und ihre Geschicke bestimmte, wie sie dasjenige der Planeten bestimmt? Bringen die Forschungen der SideralAstronomie auf den Gedanken, daß in einer rechtwinklig zu unserm Weg nach dem Herkules gehenden Richtung ein Gestirn von solcher Mächtigkeit vorhanden sein könne? Nein! Unsere Sonne unterliegt den SideralAttraktionen, aber keine derselben scheint alle andern zu beherrschen und unser Centralgestirn unumschränkt zu regieren.

Obgleich es vollkommen denkbar, oder besser gesagt, sicher ist, daß die der unsrigen nächste Sonne, der Stern Alpha im Centauren, und unsere eigene Sonne ihre gegenseitige Anziehung empfinden; so kann man diese beiden Systeme dennoch nicht so betrachten, als bildeten sie ein den Doppelsternen ähnliches Paar. Denn erstens bestehen alle uns bekannten DoppelsternSysteme aus viel näher beieinander liegenden Sternen, dann aber können, bei der Unermeßlichkeit der dieser Hypothese gemäß beschriebenen Bahn, die Anziehungswirkungen der benachbarten Sterne nicht als ohne Einfluß betrachtet werden, und endlich sind die Schnelligkeiten, welche diesen beiden Sonnen eigen sind, viel größer als diejenigen, welche sich aus ihrer gegenseitigen Anziehung ergeben würden.

Doch hier kommt noch ein anderer Faktor mit in Rechnung, der wichtiger ist, als alle früheren: die Milchstraße mit ihren 1800 Millionen Sonnen, deren Schwerpunkt zu suchen gewiß eine Verwegenheit wäre.

Aber was ist wieder die ganze Milchstraße angesichts der Milliarden Sterne, welche unser Denken in der Tiefe des SternenWeltalls betrachtet? Verschiebt sich diese Milchstraße nicht selbst wie ein schwimmendes Inselmeer? Ist nicht jeder auflösbare Nebelfleck, jeder Sternhaufen eine Milchstraße, die sich unter der Einwirkung der Schwerkraft der andern Welten bewegt, welche sie durch die unendliche Nacht hindurch zu sich rufen?

Von Sternen zu Sternen, von Systemen zu Systemen, von einer Himmelsgegend zur andern sieht sich unser Denken vor unergründliche Größen gestellt und Bewegungen am Himmel gegenüber, deren Schnelligkeit man zu bestimmen begonnen hat, die aber schon jetzt allen Begriff übersteigen.

Die jährliche eigene Bewegung des Sternes Alpha im Centauren übersteigt 744 Millionen Meilen. Die eigene Bewegung des Sterns 61 im Schwan (der zweiten Sonne in der Reihe der Entfernungen) beträgt 185 Millionen Meilen jährlich oder ungefähr eine halbe Million Meilen im Tag. Der Stern Alpha im Schwan kommt in gerader Linie mit einer Geschwindigkeit von 250 Millionen Meilen im Jahr auf uns zu. Die eigene Bewegung des Sternes 1830 im Katalog von Groombridge steigt auf 1295 Millionen Meilen jährlich, was 3½ Millionen Meilen täglich, 115 000 Kilometern stündlich oder 320 Kilometern in der Sekunde entspricht! ... Es sind dies MinimalSchätzungen, in der Erwägung, daß wir diese so gemessenen Stellungsänderungen von Gestirnen nicht von vorn, sondern von der Seite sehen.

Und welche Projektile! Es sind dies Sonnen, welche Tausende und Millionen Male schwerer sind, als die Erde, die mit schwindelerregenden Schnelligkeiten durch unergründliche leere Räume geschleudert sind und unter dem Einfluß aller Gestirne des Weltalls in der Unermeßlichkeit kreisen. Und diese Millionen und Milliarden Sonnen, Planeten, Sternhaufen, Nebelflecken, beginnende und erlöschende Welten — sie alle stürzen sich mit analogen Schnelligkeiten auf ihnen unbekannte Ziele hin mit einer Gewalt, mit einem Druck, vor denen derjenige des Pulvers und des Dynamits nur der Hauch eines Säuglings ist.

Und so laufen sie alle, vielleicht in alle Ewigkeit, ohne sich je den nicht vorhandenen Grenzen der Unendlichkeit nähern zu können ... Überall Bewegung, Thätigkeit, Licht und Leben; es ist dies ohne Zweifel ein glücklicher Umstand. Denn wenn alle diese unzähligen Sonnen, Planeten, Erden, Monde, Kometen feststünden, unbeweglich wären, versteinerte Könige in ihren ewigen Gräbern, wieviel furchtbarer, aber auch wieviel beklagenswerter noch wäre dann der Anblick eines solchen Weltalls! Seht ihr die ganze Schöpfung stillstehen, erstarrt, zur Mumie geworden! Ist eine solche Idee nicht undenkbar, und hat sie nicht etwas Leichenhaftes an sich?

Und wer verursacht diese Bewegungen? Wer unterhält sie? Wer lenkt sie? — Die allgemeine Schwerkraft, die unsichtbare Kraft, welcher das sichtbare Weltall, das wir »Stoff« nennen, gehorcht. Ein von der Erde aus der Unendlichkeit her angezogener Körper würde eine Schnelligkeit von 11 300 Metern in der Sekunde erreichen; ebenso würde ein von der Erde aus mit dieser Schnelligkeit weggeschleuderter Körper niemals wieder auf dieselbe zurückfallen. Ein von der Sonne aus dem unendlichen Raum angezogener Körper würde eine Schnelligkeit von 608 Kilometern erreichen, und mit derselben Schnelligkeit ausgeworfen, käme er nie wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Sternhaufen können noch viel bedeutendere Schnelligkeiten veranlassen, die sich aber auch aus der Lehre von der Schwerkraft erklären. Es genügt, den Blick auf eine Karte der Eigenbewegungen der Sterne zu werfen, um sich über die Mannigfaltigkeit dieser Bewegungen und über ihre Großartigkeit klar zu werden.

Die Schwerkraft erklärt aber den U r s p r u n g der Bewegung nicht. Wenn sie allein von aller Ewigkeit her vorhanden gewesen wäre, so würde das Weltall nur e i n e Masse bilden. Die Bewegung hat eine erste Ursache zum Entstehungsgrund.

So ruhen die Sterne, die Sonnen, die Planeten, die Monde, die Kometen, Sternschnuppen, die Meteore, in einem Worte alle Körper, welche dieses ungeheure Universum bilden, nicht auf festen Grundlagen, wie dies die anfängliche und kindliche Auffassung unserer Väter zu verlangen schien, sondern auf unsichtbaren und nichtstofflichen Kräften, welche deren Bewegungen beherrschen. Jene Milliarden Himmelskörper haben die ihnen zukommende Bewegung aus Gründen der Stabilität und stützen sich gegenseitig aufeinander durch den leeren Raum hindurch, welcher sie trennt. Ein Geist, welcher von Zeit und Raum absehen könnte, würde es schauen, wie die Erde, die Planeten, die Sonne, die Sterne aus einem grenzenlosen Himmel in allen nur denkbaren Richtungen wie Tropfen regneten, die durch Wirbel eines alles mit sich fortreißenden Sturmes davongetragen und nicht durch eine Basis angezogen werden, sondern jeder und alle durch ihre gegenseitige Anziehungskraft. Jeder dieser WeltTropfen, jeder dieser Weltkörper, jede dieser Sonnen wird mit einer so reißenden Schnelligkeit davongetragen, daß der Flug der Kanonenkugeln im Vergleich mit ihr nur als Ruhe erscheint: nicht 100, noch 500, noch 1000 Meter, sondern 10 18 000, 20 000, 50 000, 100 000 und sogar 2 oder 300 000 Meter in der Sekunde beträgt sie![18]

[18] Gemeint sind 200 000 Meter; der Text lautet im Original von 1919, S. 322: » ... deux ou trois cent mille mètres ...«. (Anm. d. Hrsg.)

Wie aber ereignen sich denn keine Zusammenstöße inmitten solcher Bewegungen? Vielleicht entstehen deren: die »neuen Sterne«, welche aus ihrer Asche wieder zu erstehen scheinen, dürften dies andeuten. In der That aber könnten Zusammenstöße nur schwer vorkommen, weil der Raum im Verhältnis zu den Dimensionen der Himmelskörper unermeßlich ist, und weil die Bewegung, welche jedem Körper eigen ist, ihn gerade daran hindert, der Anziehung eines andern Körpers widerstandslos zu folgen und auf ihn zu fallen: er behält seine eigene Bewegung, welche nicht aufgehoben werden kann, und gleitet um die Lichtquelle, welche ihn anzieht, wie ein Schmetterling, der der Anziehung einer Flamme folgt, ohne sich daran zu verbrennen. Übrigens sind diese Bewegungen, ohne Beziehung gesprochen, nicht »schnell«.

In Wahrheit läuft, fliegt, fällt, rollt, stürzt alles das durch die Leere dahin, aber in solchen Entfernungen, daß alles zu ruhen scheint! Wenn wir die Gestirne, deren Abstand bis heute gemessen worden ist, in einen Rahmen von der Ausdehnung von Paris fassen wollten, so würde der nächste Stern 2 Kilometer von der Sonne abstehen, von welcher die Erde 1, Jupiter etwa 5 und Neptun etwa 30 Centimeter entfernt wäre. Der Stern 61 im Schwan wäre etwa 4, Sirius etwa 10, der Polarstern 27 Kilometer u. s. w. entfernt, und die ungeheure Mehrheit der Sterne bliebe jenseits des SeineDepartements. Wohlan, setzte man nun alle diese Wurfgeschosse in ihre relative Bewegung, so müßte die Erde ein Jahr brauchen, um ihre Bahn von einem Centimeter Halbmesser zu durchlaufen, Jupiter 12 Jahre, um die seinige von 5 Centimetern, und Neptun 165 Jahre! Die Eigenbewegungen der Sonne und Sterne wären ebenso. Damit ist aber gesagt, daß selbst unter dem Mikroskop alles in Ruhe erscheinen würde. Urania herrscht mit Ruhe und Heiterkeit in der Unermeßlichkeit des Weltalls.

Nun ist aber die Beschaffenheit des gestirnten Weltalls das Bild derjenigen der Körper, welche wir stoffliche nennen. Jeder Körper, organisch oder anorganisch, Mensch, Tier, Pflanze, Stein, Eisen, Bronze, besteht aus Molekülen, die in beständiger Bewegung sind und sich nicht berühren. Diese Moleküle bestehen selbst wieder aus Atomen, die sich auch nicht berühren. Jedes dieser Atome ist nicht bloß für das Auge, sondern sogar für den Gedanken unendlich klein und unsichtbar. Man hat berechnet, daß in einem Stecknadelkopf nicht weniger als 8000 Trillionen Atome sind, d. h. 8000 Milliarden von Milliarden, und daß ein Kubikcentimeter Luft nicht weniger als 1000 Trillionen Moleküle enthält. Alle diese Atome, alle diese Moleküle sind unter der Einwirkung der Kräfte, welche sie beherrschen, in Bewegung, und im Verhältnis zu ihren Ausdehnungen trennen sie große Abstände. Wir können uns sogar denken, daß es im Prinzip nur eine Gattung von Atomen giebt, und daß die Verschiedenheit der Moleküle durch die Anzahl, die Lagerungen und Bewegungen der ihrem Wesen nach einfachen und gleichartigen Uratome bedingt ist: ein Gold- oder Eisen-Molekül würde sich von einem Schwefel, Sauerstoff, Wasserstoff- oder anderen Molekül nur durch die Anzahl, die Anordnung und die Bewegung der sie bildenden Uratome unterscheiden; jedes Molekül wäre ein System, eine Welt im kleinen.


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Doch welche Vorstellung man sich auch von der inneren Beschaffenheit der Körper machen möge: die heutzutage anerkannte und fortan unbestreitbare Wahrheit ist, daß der von unserer Phantasie gesuchte feste Punkt nirgends vorhanden ist. Archimedes mag vergebens einen Stützpunkt verlangen, um die Welt aus ihren Angeln zu heben. D i e  W e l t k ö r p e r  w i e  d i e  A t o m e  b e r u h e n  a u f  d e m  U n s i c h t b a r e n, auf der nichtstofflichen Kraft; alles bewegt sich, angeregt durch die Anziehungskraft und wie auf der Suche nach jenem festen Punkte, der sich in dem Maße dem Blick entzieht, als man auf ihn fahndet, und der nicht vorhanden ist, weil in der Unendlichkeit der Mittelpunkt überall und nirgends liegt. Die sogenannten Positivisten, welche mit so großer Bestimmtheit behaupten, daß »der Stoff allein mit seinen Eigentümlichkeiten herrscht«, und welche verächtlich über die Forschungen der Denker lächeln, sollten uns doch zuerst sagen, was sie unter jenem berüchtigten Worte »Stoff« verstehen. Wenn sie nicht an der Oberfläche der Dinge haften blieben; wenn sie eine Ahnung davon hätten, daß sich hinter dem Scheine unzugängliche Wirklichkeiten verbergen: würden sie gewiß ein wenig bescheidener sein.

Was uns betrifft, die wir ohne vorgefaßte Ideen und ohne Systemsucht nach Wahrheit streben, so scheint es uns, daß das Wesen des Stoffes ebenso geheimnisvoll bleibt als das Wesen der Kraft, da das sichtbare Weltall keineswegs das ist, was es unseren Sinnen zu sein scheint. In Wahrheit ist dieses sichtbare Weltall aus unsichtbaren Atomen zusammengesetzt; es ruht über dem leeren Raum, und die Kräfte, welche es regieren, sind an und für sich unstofflich und unsichtbar. Zu denken, daß es keinen Stoff gebe, daß alles Dynamismus sei, wäre nicht so kühn, als das Vorgeben, man behaupte das Vorhandensein eines ausschließlich stofflichen Universums. Was den materiellen Stützpunkt der Welt betrifft, so ist er — eine ziemlich scharfe Bemerkung — gerade mit den Errungenschaften der Mechanik verschwunden, welche den Triumph des Unsichtbaren verkündigen. Der feste Punkt verschwindet in dem allgemeinen Gleichgewicht der Kräfte, in der idealen Harmonie der Schwingungen des Äthers; je mehr man ihn sucht, desto weniger findet man ihn; und der letzte Aufschwung unseres Denkens hat zur stärksten Stütze und zum letzten Grund — den Unendlichen.


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Kapitel V.
Die mit Luft bekleidete Seele [19]

[19] Die Überschrift des V. Kapitels hat im Inhaltsverzeichnis den abweichenden Wortlaut »Die i n Luft g e kleidete Seele«. (Anm. d. Hrsg.)

Sie stand aufrecht in ihrer keuschen Blöße, die Arme zu ihrem Haar erhoben, dessen weiche und üppige Fülle sie drehte und auf ihrem Scheitel zu befestigen suchte. Es war eine noch nicht in der höchsten FormenVollendung und Fülle stehende, aber sich ihr nähernde jugendliche Schönheit, strahlend in der Glorie ihres siebzehnten Jahres.

Ein Kind Venedigs, ließ die Durchsichtigkeit ihrer weißen, leicht rosig angehauchten Haut das Pulsieren eines heißen Blutes erraten; ihre Augen leuchteten in geheimnisvollem und beunruhigendem Glanze, und die Röte ihrer leicht geöffneten Samtlippen ließ schon ebensosehr an die Frucht wie an die Blüte denken.

Sie war wunderschön so, und wenn irgend ein neuer Paris den Auftrag gehabt hätte, ihr die Palme zuzusprechen, so weiß ich nicht, ob er ihr diejenige der Anmut, der Eleganz oder der Schönheit zu Füßen gelegt hätte: so sehr schien sie den modernen verführerischen Reiz mit der ruhigen Vollendung der klassischen Schönheit zu vereinigen.

Der glücklichste, unerwartetste Zufall hatte uns, den Maler Falero und mich, vor sie geführt. Als wir an einem hellen Nachmittag des letzten Frühlings an dem Meeresufer spazieren gingen, hatten wir eines jener düster belaubten Olivenwäldchen durchschritten, welche man zwischen Nizza und Monaco antrifft, und ohne daß wir es bemerkten, hatten wir eine Privatbesitzung betreten, die nach der Seeseite hin offen stand. Ein malerischer Fußpfad schlängelte sich zum Hügel hinauf. Wir waren gerade oberhalb eines Orangengartens gegangen, dessen goldene Früchte an die Gärten der Hesperiden erinnerten; die Luft war von Wohlgeruch erfüllt, der Himmel tief blau, und wir sprachen über eine Vergleichung zwischen Kunst und Wissenschaft, als mein Begleiter, der plötzlich wie festgebannt stehen geblieben war, mir ein Zeichen machte, zu schweigen und zu schauen.


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Hinter dichten Kaktushecken und berberischen Feigenbäumen, einige Schritte vor uns, zeigte uns unweit eines Marmorbeckens, in welches ein Springbrunnen mit leisem Murmeln niederfiel, ein prachtvolles Badezimmer, dessen Fenster auf der nach der Sonne zu liegenden Seite offen stand, das junge unbekannte Mädchen, wie es vor einem kolossalen Stehspiegel stand, der ihr Bild vom Kopf bis zu den Füßen wiedergab. Ohne Zweifel verhinderte sie das Geräusch des Springbrunnens, unsere Annäherung zu hören. Bescheiden — oder vielmehr unbescheiden — blieben wir hinter dem Kaktus stehen und schauten stumm und unbeweglich.


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Sie war schön und schien es selbst nicht zu wissen. Auf einem Tigerfell stehend, beeilte sie sich nicht. Als sie fand, daß ihr langes Haar noch zu feucht war, ließ sie es wieder auf ihren Körper zurückfallen, wandte sich nach unsrer Seite hin und brach auf einem beim Fenster stehenden Tisch eine Rose, dann trat sie wieder zum Spiegel, nahm ihre Frisur wieder in Angriff, beendigte sie in aller Seelenruhe vollständig, steckte das Röschen zwischen zwei Windungen und bückte sich, mit dem Rücken nach der Sonne gewendet, jedenfalls um ein Kleidungsstück aufzunehmen. Aber plötzlich erhob sie sich wieder, stieß einen durchdringenden Schrei aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, während sie sich schnell nach einer dunklen Ecke des Zimmers zurückzog.

Wir haben bis jetzt immer geglaubt, daß wir durch eine Kopfbewegung unsere Gegenwart verraten hätten, oder daß sie uns durch ein Spiegelbild bemerkt hätte. Wie dem auch sein mochte, — wir verließen sofort unsern Platz und gingen auf demselben Fußpfad wieder nach dem Meere hinunter.

»Ah,« sagte mein Begleiter, »ich gestehe dir, daß ich unter allen meinen Modellen, sogar unter denen für meine Gemälde ›Doppelsterne‹ und ›Célia‹, kein vollkommeneres gesehen habe. Was denkst du selbst darüber? Ist diese Erscheinung nicht gerade zu rechter Zeit gekommen, um mir recht zu geben? Du magst die Wonnen der Wissenschaft noch so beredt rühmen, gestehe nur, daß auch die Kunst ihre Reize hat. Wetteifern die Sterne der Erde nicht erfolgreich mit den Schönheiten des Himmels? Bewunderst du nicht mit mir die Anmut dieser Formen? Welch entzückende Farbentöne!«

»Einen so schlechten Geschmack werde ich nicht haben, daß ich das nicht bewundere, was wirklich schön ist,« erwiderte ich, »und ich gebe zu, daß die menschliche Schönheit (und ich räume es unumwunden ein, die weibliche Schönheit insbesondere) wirklich das Vollkommenste darstellt, was die Natur auf unserm Planeten hervorgebracht hat. Doch weißt du, was ich bei diesem Wesen am meisten bewundere? Nicht seine künstlerische oder ästhetische Seite bietet es uns, sondern den wissenschaftlichen Beweis einer geradezu wunderbaren Thatsache: In diesem reizenden  K ö r p e r  erblicke ich  e i n e  m i t  L u f t  b e k l e i d e t e  S e e l e.«


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»O! du ergehst dich gern in Paradoxen! Das ist sehr idealistisch für einen so realen Körper. Daß diese reizende Person eine Seele habe, bezweifle ich nicht; aber dem Künstler erlaube, ihren Körper, ihr Leben, ihren Bau, ihre Färbung zu bewundern.« [20]

[20 Anm. d. Hrsg.: Die französischen Originalausgaben enthalten an dieser Stelle den in der deutschen Ausgabe 1894 fehlenden folgenden Satz mit anschließender 6. Strophe aus dem Gedicht Sara la baigneuse, dem XIX. Teil im Zyklus Navarin aus dem Gedichtband Les Orientales (1829) von Victor Hugo (1802– 1885): »Je dirais volontiers, avec le poète des Orientales:

Car c'est un astre qui brille / Qu'une fille / Qui sort d'un bain au flot clair, / Cherche s'il ne vient personne, / Et frissonne, / Toutes mouillée, au grand air!«


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»Ich untersage es dir nicht. Aber gerade diese körperliche Schönheit läßt mich in ihr die Seele, die unsichtbare Kraft, die sie gebildet hat, bewundern.«

»Wie verstehst du das? Man hat ja sicherlich einen Körper. Aber die Existenz der Seele ist nicht so leicht erkenntlich.«

»Was die Sinne betrifft, gebe ich das zu. Was den Geist betrifft, jedoch nicht. Nun täuschen uns aber die Sinne vollständig über die Bewegung der Erde, über die Beschaffenheit des Himmels, über die scheinbare Festigkeit der Körper, über die Wesen und über die Dinge. Willst du meinen Ausführungen einen Augenblick folgen?

Wenn ich den Duft einer Rose einziehe, wenn ich die Schönheit der Form, die Lieblichkeit des Kolorits, die Zartheit dieser Blume in ihrer ersten Entfaltung bewundere, so fällt mir am meisten das Wirken der verborgenen, unbekannten, geheimnisvollen Kraft auf, welche über dem Leben dieser Pflanze waltet, welche es versteht, sie in der Fortführung ihres Daseins zu leiten, welche die für ihre Ernährung passenden Wasser, Luft- und ErdMoleküle auswählt, und welche besonders es versteht, diese Moleküle zu assimilieren und sie so fein zu gruppieren, daß sie diesen zierlichen Stengel, diese so feinen grünen Blättchen, diesen Blumenkelch einer so zarten Rose, diese herrlichen Farbenschattierungen und köstlichen Wohlgerüche daraus bildet. Diese geheimnisvolle Kraft ist das Lebensprinzip der Pflanze. Wenn du (nebeneinander in der Erde) ein Liliensamenkorn, eine Eichel, ein Saatkorn und einen Pfirsichkern legst, so wird sich jeder Keim seinen Organismus aufbauen.

Ich weiß einen Ahorn, welcher auf dem Schutt einer alten Mauer und einige Meter von der guten Erde des Wassergrabens langsam abstarb und in der Verzweiflung eine Seitenwurzel trieb, damit den ersehnten Boden erreichte, sich hineingrub und so festen Fuß darin faßte, daß er, der Unbewegliche, unmerklich sich verpflanzte, seine alten Wurzeln verdorren ließ, und wieder auferstanden und umgestaltet auf dem befreienden Boden fortlebte.


Illustration

Ich weiß Ulmen, welche die Erde unter einem fruchtbaren Felde auszusaugen drohten, deren Wurzeln man den Lebensunterhalt durch einen breiten Graben entzog, und die ihre noch unverletzten Wurzeln unter dem Graben hindurch zu treiben suchten: es gelang ihnen, und zum großen Erstaunen des Gärtners kehrten sie zu ihrem immer gedeckten Tische zurück. Ich weiß einen heldenhaften Jasmin, der sich achtmal durch die Löcher einer Bretterwand drängte, welche ihm das Licht nahm, und den ein neckischer Beobachter in der Hoffnung wieder nach der Dunkelheit hindrehte, die Ausdauer dieser Blume doch endlich zu brechen; aber es gelang ihm nicht.

Die Pflanze atmet, trinkt, ißt, wählt, weist zurück, sucht, arbeitet, lebt und handelt ihren Trieben gemäß; die eine fühlt sich, wie wenn sie ›gefeit‹ wäre, die andere ist leidend; und wieder eine andere ist nervös, aufgeregt. Die Mimose schaudert und fällt bei der geringsten Berührung ohnmächtig zusammen. In gewissen Stunden des Wohlseins ist die Aronswurz heiß, phosphoresziert die Nelke, senkt sich die befruchtete Vallisneria auf den Grund des Wassers, um die Frucht ihrer Liebe zu reifen. Bei solchen Äußerungen eines unbekannten Lebens kann der Philosoph nicht umhin, in der Pflanzenwelt einen allgemeinen Chorgesang zu erkennen.

Ich will jetzt bezüglich der menschlichen Seele nicht weiter gehen, obgleich sie unvergleichlich höher steht als die Pflanzenseele, und obgleich sie eine geistige Welt geschaffen hat, die das übrige Leben ebensoweit überragt, als die Sterne hoch über der Erde stehen. Ich betrachte sie hier nicht von dem Gesichtspunkt ihrer geistigen Fähigkeiten, sondern bloß als die das menschliche Wesen belebende Kraft.

Nun! ich bewundere es, daß diese Kraft die Atome, welche wir einatmen, oder die wir uns durch die Ernährung aneignen, so lagert, daß sie daraus jenes reizende Wesen bildet. Blicke auf jenes junge Mädchen zurück, wie es am Tage seiner Geburt war und verfolge in Gedanken die stufenweise Entwickelung dieses kleinen Körpers durch die Jahre des Kindesalters hindurch bis zu der ersten Anmut der Jungfräulichkeit und bis zu den Formen der weiblichen Reife. In welcher Weise erhält sich der menschliche Organismus, wie entwickelt er sich, und wie setzt er sich zusammen? Du weißt es: durch das Atmen und durch die Ernährung.

Allein schon durch das Einatmen nährt uns die Luft zu drei Vierteilen. Der Sauerstoff der Luft unterhält die Lebenswärme, und der Körper ist einer unaufhörlich nach den Gesetzen der Verbrennung erneuerten Flamme vergleichbar. Der Mangel an Sauerstoff löscht das Leben aus, wie er die Lampe auslöscht. Durch das Einatmen verwandelt sich das braune venöse Blut in das rote arterielle Blut und erneuert sich. Die Lungen sind ein feines Gewebe, das von vierzig bis fünfzig Millionen Löchelchen durchsetzt ist, welche gerade klein genug sind, um das Blut durchsickern, und groß genug, um die Luft eindringen zu lassen. Zwischen der Luft und dem Blut vollzieht sich ein beständiger Austausch von Gas; erste liefert letzterem den Sauerstoff, und letzteres scheidet die Kohlensäure aus. Einerseits verbrennt der atmosphärische Sauerstoff den Kohlenstoff in der Lunge; anderseits stößt die Lunge Kohlensäure, Stickstoff und Wasserdampf aus. Die Pflanzen atmen (bei Tage) in entgegengesetzter Weise, nehmen Kohlenstoff auf und geben Kohlensäure ab; durch diesen Gegensatz unterhalten sie einen Teil des allgemeinen Gleichgewichtes im Leben auf der Erde.

Woraus besteht nun der menschliche Körper? Der erwachsene Mensch wiegt im Durchschnitt 70 Kilogramm. Auf diese Masse kommen im Blut und Fleisch etwa 52 Kilogramm Wasser. Wenn man die Substanz unseres Körpers zerlegt, so findet man Eiweiß, Faserstoff, Käsestoff und Gallerte, d. h. organische Substanzen, welche ursprünglich aus den vier GrundGasarten, dem Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und der Kohlensäure bestehen. Man findet auch stickstofffreie Substanzen darin, wie Gummi, Zucker, Stärkmehl, Fette; diese Stoffe gehen auch durch unsern Organismus; ihr Kohlen- und ihr Wasserstoff werden durch den im Atmungsprozeß eingesogenen Sauerstoff verbrannt und dann in der Form von Kohlensäure und Wasser ausgeatmet.

Das Wasser ist, wie du recht gut weißt, eine Verbindung von zwei Gasen, des Sauerstoffs und des Wasserstoffs; die Luft eine Mischung von zwei Gasen, dem Wasserstoff [21] und dem Stickstoff, zu denen noch in geringerem Verhältnis Wasserdampf, Kohlensäure, Ammoniak, Ozon etc. hinzukommt, welches letztere übrigens nichts anderes ist, als verdichteter Sauerstoff.

[21] Hier liegt offenbar ein Übertragungsfehler vor; in den französischen Ausgaben heißt es richtig »l'oxygène«, also »dem Sauerstoff«. (Anm. d. Hrsg.)

So besteht unser Körper nur aus verwandelten Gasen.«

»Aber,« unterbrach mich mein Gefährte, »wir leben nicht bloß von der Luft. Zu gewissen von unserem Magen angegebenen Stunden müssen wir einige Ergänzungen hinzufügen, die wohl ihren Wert haben, wie etwa einen Fasanenflügel, ein Stück Seezunge, ein Glas Château-Lafitte oder Champagner oder, je nach unserm Geschmack, Spargeln, Trauben, Pfirsiche.«

»Ja, alles dies geht durch unseren Organismus und erneuert dessen Gewebe, und zwar ziemlich schnell; denn in einigen Monaten (nicht mehr in sieben Jahren, wie man früher glaubte) ist unser Körper gänzlich erneuert. Ich komme noch einmal auf jenes bezaubernde Wesen zurück, welches kaum eben als Modell vor uns stand. Nun, all dieses Fleisch, was wir bewunderten, war vor drei oder vier Monaten noch nicht da: diese Schultern, dieses Gesicht, diese Augen, dieser Mund, diese Arme, dieses Haar, dieser ganze Organismus bis auf die Fingernägel herab ist nichts anderes als eine Strömung von Molekülen, eine unaufhörlich erneuerte Flamme, ein Fluß, den man sein ganzes Leben lang betrachtet, in welchem man aber nie dasselbe Wasser zweimal gesehen hat. Alles das ist nun wieder nur assimiliertes, verdichtetes, verändertes Gas und überhaupt Luft. Diese Knochen selbst, die heute so fest sind, haben sich unmerklich gebildet und verhärtet. Vergiß nicht, daß unser ganzer Körper aus unsichtbaren Molekülen besteht, welche sich nicht berühren und sich unaufhörlich erneuern.

In der That, wenn unser Tisch mit Gemüsen und Früchten gedeckt ist, wenn wir Vegetarianer sind, verzehren wir Substanzen, welche gänzlich dem Wasser entnommen sind; dieser Pfirsich ist Wasser und Luft; diese Birne, Traube, Mandel sind gleichfalls Luft, Wasser und einige luftförmige oder flüssige Elemente, die durch den Saft, durch die Sonnenhitze, durch den Regen dazu kommen. Spargel oder Salat, grüne Erbsen oder Artischocken, Lattich oder Cichorie, Kirschen, Erdbeeren oder Himbeeren: alles das lebt in der Luft und durch die Luft. Was die Erde giebt, was der zirkulierende Saft aufsucht, sind wieder Gase und immer die nämlichen: Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff etc.

Handelt es sich um ein Beefsteak, ein Huhn oder irgend eine andere ›Fleischspeise‹, so ist der Unterschied nicht bedeutend. Der Hammel und der Ochse haben sich von Gras genährt. Was wir von einem Rebhuhn mit Kohl, von einer gebratenen Wachtel, von einem Truthahn mit Trüffeln oder von einem Hasenpfeffer gekostet haben, alle diese scheinbar so verschiedenen Substanzen sind nur verwandelter Pflanzenwuchs, welcher selbst nur eine Ablagerung von Molekülen ist, die aus den soeben besprochenen Gasen entnommen sind: Luft, wässerige Elemente, Moleküle, die an sich fast unwägbar und überdies mit bloßem Auge schlechterdings unsichtbar sind.

Welcher Art also auch unsere Nahrung sein mag, so ist unser Körper, der sich durch die Absorption der aufgenommenen Moleküle, durch den Atmungs- und Ernährungsprozeß gebildet, erhalten und entwickelt hat, schließlich nur eine Strömung, die sich vermöge jener Assimilation, welche durch die uns belebende, nichtstoffliche Kraft geleitet, beherrscht und geordnet wird, unaufhörlich erneuert. Dieser Kraft können wir gewiß den Namen der Seele beilegen. Sie gruppiert die Atome, welche ihr nichts nützen, und indem sie von einem unmerkbaren Pünktchen, von einem unfaßbaren Keime ausgeht, gelingt es ihr, hier den Apoll von Belvedere, dort die Kapitolinische Venus zu gestalten. Im Vergleich mit dieser inneren und geheimnisvollen Kraft ist Phidias nur ein ungeschickter Nachahmer. Pygmalion wurde von Liebe ergriffen zu der Bildsäule, deren Vater er war; so erzählt die Mythologie. Das ist ein Irrtum! Pygmalion, Praxiteles, Michelangelo, Benvenuto, Canova haben nur Bildsäulen geschaffen. Erhabener ist d i e Kraft, welche den lebenden Körper des Mannes und des Weibes gestalten kann. Aber diese Kraft ist immateriell, unsichtbar, unberührbar, unwägbar, wie die Anziehungskraft im Weltall, und der Körper, wenn er uns auch noch so stofflich erscheint, ist selbst nichts anderes, als ein durch die Anziehung jener inneren Kraft geschaffenes harmonisches Gebilde. Du siehst also, daß ich genau innerhalb der Grenzen der positiven Wissenschaft bleibe, wenn ich dieses junge Mädchen als eine mit Luft bekleidete Seele bezeichne, wie auch dich und mich nicht mehr und nicht weniger.

Von der Entstehung des Menschengeschlechtes an bis auf die letzten Zeiten hat man geglaubt, daß eine Empfindung da wahrgenommen würde, wo man ihrer inne wird. Ein am Finger gefühlter Schmerz wurde so betrachtet, als ob er in dem Finger selbst sitze. Die Kinder und viele Leute glauben das noch. Die Physiologie hat aber bewiesen, daß durch Vermittelung des Nervensystems der Eindruck von der Fingerspitze auf das Gehirn übertragen wird. Wenn man den Nerv durchschneidet, kann man sich den Finger ungestraft verbrennen; die Lähmung ist vollkommen. Man hat sogar schon die Zeit bestimmen können, welche der Eindruck braucht, um von irgend einem Punkte des Körpers auf das Gehirn überzugehen, und man weiß, daß die Geschwindigkeit dieser Übertragung etwa 48 Meter in der Sekunde beträgt. Von jener Zeit an hat man die Empfindung auf das Gehirn zurückgeführt. Aber man ist auf halbem Wege stehen geblieben.

Das Gehirn ist Stoff wie der Finger, und keineswegs ein unbeweglicher und starrer Stoff. Es ist ein Stoff, welcher wesentlichen Wechseln unterworfen ist, sich sehr schnell verändert, und nie sich gleich bleibt.

In der ganzen Gehirnmasse giebt es und kann es keinen einzigen Lappen, keine einzige Zelle, kein einziges Molekül geben, welches sich nicht verändert. Ein Aufhören der Bewegung, des Umlaufs, der Umbildung wäre ein Todesurteil. Das Gehirn besteht und empfindet nur unter der Bedingung, daß es, wie der ganze übrige Körper, den unaufhörlichen Umgestaltungen der organischen Materie unterliegt, welche den Lebensprozeß ausmachen.

Unsere Persönlichkeit, unsere Selbstgleichheit, unser individuelles Ich, unser Ich, das einem mit dem Studium zunehmenden persönlichen, wissenschaftlichen und sittlichen Wert erlangt und behält, unser Ich endlich, das für die Handlungen verantwortlich ist, die es vor einem Monat, einem Jahr, vor zehn, zwanzig, fünfzig Jahren vollzogen hat, und sich auch dafür verantwortlich fühlt auf eine Dauer, während welcher die innerste MolekularAblagerung mehrmals eine andere geworden ist, — das hat also seinen Sitz nicht in einem gewissen Hirnstoff, in einer gewissen Gruppierung von Molekülen, und kann ihn nicht darin haben.

Diejenigen Physiologen, welche behaupten, daß es keine Seele gebe, gleichen ihren Vorfahren, welche behaupteten, den Schmerz am Finger oder am Fuß zu empfinden. Sie sind etwas weniger von der Wahrheit entfernt; aber wenn sie bei dem Gehirn stehen bleiben und den Sitz des menschlichen Wesens in die Gehirneindrücke verlegen, so bleiben sie auch auf halbem Wege stehen. Diese Hypothese ist um so weniger zu entschuldigen, als jene nämlichen Physiologen ganz genau wissen, daß die persönliche Empfindung immer von einer Substanzveränderung begleitet ist. Mit anderen Worten: das Ich des Individuums bleibt nur bestehen, wenn die Identität seines Stoffes nicht andauert.

Das Prinzip unseres Empfindungslebens kann also kein materielles Objekt sein: durch die Eindrücke auf das Gehirn, durch die infolge der Stoffverbindungen im Gehirn freigewordenen chemischen Kräfte steht es in Verbindung mit dem Universum. Aber es ist etwas A n d e r e s .

Und unsere organische Verfassung gestaltet sich unter der Leitung eines psychischen Prinzips beständig um.

Manches Molekül, welches jetzt unserem Organismus einverleibt ist, wird durch die Ausatmung, die Ausdünstung etc. entweichen und längere oder kürzere Zeit der Atmosphäre angehören, um dann einem andern organischen Wesen, einer Pflanze, einem Tier oder Menschen einverleibt zu werden. Die Moleküle, welche gegenwärtig deinen Körper ausmachen, waren gestern nicht alle integrierende Bestandteile deiner Person und keins war es vor einigen Monaten. Wo waren sie? Teils in der Luft, teils in einem andern Körper. Alle Moleküle, welche jetzt deine organischen Gewebe bilden, deine Lungen, deine Augen, dein Gehirn, deine Beine etc. haben schon dazu gedient, andere organische Gewebe zu bilden. Wir sind alle von den Toten auferstanden, bereitet aus dem Staube unserer Vorfahren. Wenn alle Menschen, welche bis zu dieser Zeit gelebt haben, auferstünden, so würden fünf auf jeden Quadratfuß der ganzen Oberfläche des Kontinents gehen und müßten, um sich aufrecht zu halten, einander auf den Schultern stehen; aber sie könnten nicht alle auferstehen, ohne etwas eingebüßt zu haben; denn sehr viele Moleküle haben nacheinander mehreren Körpern gedient. Geradeso werden auch unsere jetzigen Organe, wenn sie dereinst in ihre letzten Teilchen aufgelöst sein werden, sich in den Leibern unserer Nachkommen vorfinden.

Jedes Gasmolekül geht daher ewig von einem Leben in ein anderes über und entweicht aus demselben von Tod zu Tod: der Reihe nach Wind, Woge, Erde, Tier oder Blume, wird es nach und nach der Substanz unzähliger Lebewesen einverleibt. Die Luft als unerschöpfliche Quelle, aus welcher alles, was lebt, seinen Atem schöpft, ist auch ein ungeheurer Aufbewahrungsort, in welchen alles, was stirbt, seinen letzten Hauch dahingiebt: bei ihrem Verbrauch entstehen Pflanzen und Tiere, verschiedene Organismen, um dann wieder zu vergehen. Das Leben und der Tod liegen gleicherweise in der Luft, welche wir atmen, und folgen einander beständig durch den Umtausch der Gasteilchen; das SauerstoffMolekül, welches von dieser alten Eiche ausströmt, wird in die Lungen des Kindes in der Wiege eindringen; die letzten Seufzer eines Sterbenden werden die glänzende Blütenkrone werden oder sich wie ein Lächeln über die grünende Wiese ausbreiten; und so nährt die uns umgebende Luft vermöge einer unendlichen Verkettung von teilweisem Absterben das auf der Oberfläche der Erde aufgeblühte allgemeine Leben.


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Und wenn du noch irgendwelchen Einwand erdächtest, möchte ich noch weiter gehen und sagen, daß unsere Kleider ebensowohl wie unsere Leiber aus Substanzen bestehen, welche anfänglich alle gasförmig gewesen sind. Nimm diesen Faden, ziehe ihn! Welcher Widerstand! Wie viele Batist, Seiden, Leinen, Baumwoll, Wollgewebe hat die Industrie mit Hilfe dieser Einschläge und dieser Zettel [22] hervorgebracht. Und doch, was ist dieser Flachs, Hanf- oder Baumwollfaden? — Nebeneinandergelegte Luftkügelchen, die nur durch ihre Molekularkraft zusammenhalten. Was ist dieser Seiden- oder Wollfaden? — Eine andere Molekülreihe. Gieb also zu, deine Kleider selbst sind auch Luft, Gas, Substanzen, die in letzter Reihe aus dem Dunst

[22] Hier liegt offenbar ein Übertragungsfehler vor; in den französischen Ausgaben heißt es » ... à l'aide de ces trames et de ces chaînes!«, also sinngemäß » ... mit Hilfe dieser Einschläge und dieser Bänder!« (Anm. d. Hrsg.) kreise, dem Sauerstoff, dem Stickstoff, dem Kohlenstoff, dem Wasserdampf etc. entnommen sind.«

»Ich sehe mit Vergnügen,« versetzte Falero, »daß die Kunst der Wissenschaft nicht so ferne steht, als man in gewissen Kreisen dies annimmt. Wenn deine Theorie für dich rein wissenschaftlich ist, so ist sie für mich Kunst, und zwar höchste Kunst. Und kommen denn überdies in der Natur alle jene Unterscheidungen vor? Mit nichten; in der Natur giebt es weder Kunst noch Wissenschaft, weder Malerei noch Bildhauerei, weder Physik noch Chemie, weder Astronomie noch Mechanik noch Meteorologie. Sieh' diesen Himmel, dieses Meer, diese Ausläufer der Alpen, diese rosigen Abendwolken, diese Fernsichten nach Italien hin: alles das ist Eins. Alles ist Eins. Und da uns ja die Molekularphysik beweist, daß es keine Körper mehr giebt, daß sogar in einer Eisen- oder Platinstange die Atome sich nicht berühren; so mögen uns wenigstens die Seelen nicht genommen werden; es wird niemand etwas dabei verlieren.«


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»Ja, es ist eine Thatsache, welche durch kein Vorurteil beseitigt werden kann, — die lebenden Wesen sind mit Luft bekleidete Seelen. — Ich bedaure jene Welten, welche keinen Dunstkreis haben.«

Wir waren nach einem langen Spaziergang am Meeresufer nicht weit von unserm Ausgangspunkt wieder zurückgekommen und gingen in der Richtung nach Beaulieu am Kap Ferrat an der krenelierten Mauer einer Villa hin, als zwei hochelegante Damen unsern Weg kreuzten. Es war die Herzogin von V. und ihre Tochter, welche wir am vorigen Donnerstag auf dem Ball in der Präfektur angetroffen hatten. Wir begrüßten sie und verschwanden dann unter den Ölbäumen. Als unbewußte Tochter Evas wandte sich das Mädchen nach uns um, und es war mir, als hätte ihr Gesicht sich plötzlich mit einer Purpurröte überzogen; es war jedenfalls der Widerschein der Abendsonnenstrahlen.

»Du denkst vielleicht,« sagte der Künstler, der sich auch umwandte, zu mir, »du hättest meine Bewunderung für die Schönheit vermindert? Nun, ich würdige sie jetzt noch besser; ich begrüße in ihr die harmonische Übereinstimmung aller Teile und, — soll ich es eingestehen? — wenn man den menschlichen Körper als die sinnlich wahrnehmbare Offenbarung einer leitenden Seele betrachtet, so scheint er mir hierdurch nun an Adel, an Schönheit und an Geist zu gewinnen.«


Kapitel VI.
Ad veritatem per scientiam –
Das wissenschaftliche Testament Speros

Ich arbeitete in meiner Bibliothek an einer Studie über die Bedingungen des Lebens auf der Oberfläche der von mehreren Sonnen verschiedener Größe und Farbe abhängigen und beleuchteten Welten, als ich beim Aufblicken zum Kamin durch den Ausdruck, ich möchte fast sagen, durch die Belebung des Antlitzes meiner lieben Urania ganz gefesselt wurde. Es war jener anmutige und lebensvolle Ausdruck, welcher vor Zeiten — oh! wie dreht sich doch die Erde so schnell, und wie kurz währt doch ein Vierteljahrhundert! — welcher vor Zeiten — und es ist mir, als wäre es gestern — welcher vor Zeiten, in jenen so rasch enteilten Tagen der Jugend, meinem Denken eine andere Richtung gegeben und mein Herz entflammt hatte. Ich konnte es mir nicht versagen, sie wieder anzusehen und meine Augen darauf ruhen zu lassen. Sie war wirklich immer gleich schön, und die Eindrücke, die sie in mir zurückließ, waren noch dieselben. Sie zog mich an, wie das Licht das Insekt anzieht. Ich stand vom Tische auf, um mich ihr zu nähern und jenen eigentümlichen Effekt des Tageslichtes auf ihr Mienenspiel noch einmal zu betrachten, und ertappte mich darauf, wie ich vor ihr stand und gar nicht mehr an meine Arbeit dachte.

Ihr Blick schien in die Ferne zu schweifen; aber dennoch belebte er sich und blieb haften. Auf wem? Worauf? Es war mir, als sähe sie wirklich, und als ich der Richtung dieses festen, starren und feierlichen, aber gleichwohl nicht strengen Blickes folgte, trafen meine Augen gerade auf Speros Porträt, welches da zwischen zwei Büchergestellen aufgehängt war.

Wirklich, Urania sah es fest an!

Plötzlich löste sich das Bildnis von der Wand ab und fiel herunter, wobei der Rahmen zerbrach.

Ich stürzte darauf zu. Das Bild lag auf dem Teppich, und das liebe Gesicht Speros war nach mir gewendet. Als ich es aufhob, fand ich ein großes vergilbtes Papier, welches die ganze Fläche des Bildes einnahm und auf beiden Seiten von der Hand Speros beschrieben war.


Illustration

Wie kam es, daß ich dieses Papier niemals bemerkt hatte? Es hatte freilich unter der Verzierung des Rahmens versteckt bleiben können, da es durch den Pappendeckel auf der Rückseite verdeckt wurde. Denn als ich diese Aquarelle [23] von Christiania mitbrachte, war ich wirklich nicht auf den Gedanken gekommen, die Vorrichtung an derselben [23] zu untersuchen. Wer aber hatte nun den sonderbaren Einfall gehabt, diesem Blatte einen solchen Platz anzuweisen? Nicht ohne lebhaftes Erstaunen erkannte ich die Schrift meines Freundes, und durchlas beide Seiten. Allem Anscheine nach mußten sie an dem letzten Tage des Erdenlebens des jungen Denkers geschrieben worden sein, am Tage seines Aufstiegs nach dem Nordlicht, und jedenfalls hatte der Vater Icléas diese letzten Gedanken sicherer bewahren wollen, wenn er sie mit Speros Bildnis einrahmte. Er hatte vergessen, mit mir darüber zu reden, als er mir später, zur Zeit meiner Wallfahrt nach dem Grabe der beiden Liebenden, dieses so teure Bild als Andenken anbot. —

[23] Der Übersetzer hat hier und auch weiter unten die weibliche französische Bezeichnung beibehalten; nach heutigem Sprachgebrauch würde es »das Aquarell« und »an demselben« heißen. (Anm. d. Hrsg.)

Wie dem nun auch sei, ich empfand, während ich die Aquarelle vorsichtig auf den Tisch legte, die tiefste Rührung, als ich jeden Zug in diesem so geliebten Antlitz wiedererkannte: das waren ganz jene so sanften und so tiefen, immer rätselhaften Augen; jene breite, scheinbar so ruhige Stirne, jener feine, eine beherrschte Sinnlichkeit verratende Mund; jene helle Färbung des Gesichts, des Halses und der Hände; seine Blicke folgten mir, nach welcher Seite hin man auch das Bild drehte; sie richteten sich auch auf Urania und waren zugleich nach allen Seiten hin gerichtet. Seltsame Idee des Künstlers! Ich konnte auch nicht umhin, an die Augen der Göttin zu denken, welche mir geschienen hatten, als blickten sie das Bild ihres jungen Verehrers mit schmerzlicher Zärtlichkeit an. Als die Dämmerung den heiteren Tag überschattete, breitete sich auch eine göttliche Traurigkeit über das edle Antlitz.


Illustration

Aber ich dachte an das geheimnisvolle Blatt. Es war mit sauberer, scharfer, nicht radierter Schrift geschrieben. Ich schreibe es hier ab, wie ich es gefunden habe, und ohne ein Wort, ein Jota daran zu ändern; denn es scheint mir der natürliche Abschluß der Mitteilungen zu sein, welche dieses Werk zum Gegenstande hat.

Es ist wörtlich folgendes:

»Vorliegendes ist das wissenschaftliche Testament eines Geistes, der schon auf der Erde alle Anstrengungen gemacht hat, um dem Druck der Materie nicht zu unterliegen, und welcher hofft, von demselben befreit zu werden.

Ich wünschte, das Ergebnis meiner Forschungen in der Form von Aphorismen zu hinterlassen. Es scheint mir, daß man nur durch das Studium der Natur, d. h. durch die Wissenschaft zur Wahrheit hindurchdringen kann. Nachstehende Schlußfolgerungen scheinen mir aus dieser Methode der Beobachtung sich zu ergeben.

I.

Das sichtbare, greifbare, wägbare, unaufhörlich bewegte Universum besteht aus unsichtbaren, ungreifbaren, unwägbaren und unbeweglichen Atomen.

II.

Um die Körper zu bilden und organisierte Wesen hervorzubringen, werden diese Atome durch Kräfte beherrscht.

III.

Die Kraft ist die HauptWesenheit.

IV.

Sichtbarkeit, Berührbarkeit, Festigkeit, Härte, Gewicht sind bedingte Eigenschaften, und keine absoluten Wirklichkeiten.

V.

Die Atome, welche die Körper bilden, sind für die menschlichen Sinneswerkzeuge unendlich klein.

Die bei der Goldschlägerei gemachten Versuche zeigen, daß 10 000 Goldblättchen die Dicke eines Millimeters haben. — Es ist gelungen, auf einer Glasplatte einen Millimeter in 1000 gleiche Teile zu zerlegen, und es giebt so kleine Infusorien, daß ihr ganzer Körper diese Teile nicht berührt, wenn man ihn zwischen zwei derselben legt; die Glieder, die Organe dieser Wesen bestehen aus Zellen, diese aus Molekülen, letztere aus Atomen. — Zwanzig Kubikcentimeter Öl vermögen auf einem See 4000 Quadratmeter so zu bedecken, daß die Ölschichte nur eine Dicke von ½00 000 Millimeter hat. — Die SpektralAnalyse des Lichtes weist das Vorhandensein von 1/1 000 000 * Milligramm Natrium in einer Flamme nach. — Die Lichtwellen von Violett zu Rot schwinden zwischen 4 und 8 Zehntausendtel Millimeter. Um einen Millimeter auszufüllen, sind 2300 Lichtwellen nötig. Während der Dauer einer Sekunde macht der Äther, welcher das Licht fortpflanzt, 700 000 Milliarden Schwingungen, deren jede mathematisch bestimmt ist. — Der Geruchssinn empfindet 1/64 000 000 Milligramm Mercaptan in der eingeatmeten Luft. — Die Ausdehnung der Atome muß noch geringer sein als 1/1 000 000 Millimeter im Durchmesser.

* Nach Strecker sogar ? 000 000. (Anm. d. Übers.)

VI.

Das unfaßbare, unsichtbare, für unsern an oberflächliche Urteile gewohnten Geist kaum denkbare Atom macht die einzig wahre Materie aus, und das, was wir Stoff nennen, ist nur eine durch die Bewegungen der Atome auf unsere Sinne hervorgebrachte Wirkung, d. h. eine dauernde Möglichkeit von Empfindungen.

Hieraus ergiebt sich, daß der Stoff, geradeso wie die Kraftäußerungen, nur eine Art von Bewegung ist. Wenn die Bewegung stille stünde, wenn die Kraft vernichtet werden könnte, wenn die Temperatur der Körper auf den absoluten Gefrierpunkt gebracht wäre: würde der Stoff, wie wir ihn kennen, zu existieren aufhören.

VII.

Das sichtbare Universum besteht aus unsichtbaren Körpern. Was man sieht, rührt von Dingen her, die man nicht sieht.

Es giebt nur eine einzige Art von Uratomen; die Moleküle als Bildner der verschiedenen Körper, wie Eisen, Gold, Sauerstoff, Wasserstoff etc. unterscheiden sich nur durch die Anzahl, die Anordnung und die Bewegungen der Atome, aus welchen sie bestehen.

VIII.

Das, was wir Stoff nennen, vergeht, wenn die wissenschaftliche Analyse ihn zu fassen glaubt. Aber als Grundlage des Universums und als Ausgangspunkt aller Formen finden wir die Kraft, das dynamische

Element. Durch meinen Willen kann ich den Mond in seinem Lauf stören.

Die Bewegungen jedes Atoms auf unserer Erde sind die mathematische Resultante aller Ätherschwingungen, die im Lauf der Zeit aus den Tiefen des unendlichen Raumes zu ihr gelangen.

IX.

Das menschliche Wesen hat als Grundprinzip: die Seele. Der Körper ist nur eine vorübergehende Erscheinung.

X.

Die Atome sind unzerstörbar.

Die wirkende Kraft, welche die Atome in Bewegung setzt und das All beherrscht, ist unzerstörbar.

Die menschliche Seele ist unzerstörbar.

XI.

Die Individualität der Seele ist neu in der Geschichte der Erde. — Unser Planet ist ein Nebelfleck gewesen, dann eine Sonne, darauf ein Chaos: damals war noch kein Erdenwesen vorhanden. Das Leben hat mit den unvollkommensten Organismen angefangen; es hat sich von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter entwickelt, um seinen jetzigen Zustand zu erreichen, der noch nicht der letzte ist. Verstand, Vernunft, Gewissen, das was wir die Seelenkräfte nennen, sind neueren Datums. Der Geist hat sich stufenweise aus dem Stoff emporgearbeitet, wie — falls der Vergleich zulässig ist — das Gas aus der Steinkohle, der Duft aus der Blume, die Flamme aus der Glut emporsteigt.

XII.

Die seelischgeistige Kraft beginnt seit 30 bis 40 Jahrhunderten in den höheren Kreisen der Erdenmenschheit sich zu bethätigen; doch ist ihre Thätigkeit erst der Morgenröte zu vergleichen.

Die ihres Eigenwesens schon bewußten oder noch unbewußten Seelen stehen durch ihre Natur selbst außerhalb des Raumes und der Zeit. Nach dem Tode der Körper, wie während des Lebens nehmen sie keinen Raum ein. Einige werden vielleicht andere Welten bewohnen.

Es haben nur diejenigen ein Bewußtsein ihres außerkörperlichen Daseins und ihrer Unsterblichkeit, welche die stofflichen Bande abgestreift haben.

XIII.

Die Erde ist gewissermaßen nur eine Provinz des himmlischen Vaterlandes; sie macht einen Teil des Himmels aus;  d e r  H i m m e l  i s t   u n e n d l i c h; alle Weltkörper sind Teile des Himmels.

Unser Planet selbst ist im Äther ein Segler, der ein Volk von Seelen mit der Geschwindigkeit von fast 325 000 Meilen täglich um einen Stern herum, und von etwa 93 Millionen Meilen jährlich nach dem Sternbilde des Herkules hin durch den Himmelsraum hindurchträgt.

XIV.

Die Planeten- und SternSysteme, welche das Weltall bilden, sind nach ihrer Organisations- und Entwickelungsstufe verschieden. Der Umfang ihrer Verschiedenheit ist unendlich; die Wesen stehen überall in Beziehung zu den Weltkörpern.

XV.

Es sind gegenwärtig nicht alle Weltkörper bewohnt. Die jetzige Epoche hat keine größere Wichtigkeit, als diejenigen, welche ihr vorausgingen und folgen werden. Manche Weltkörper sind früher, vor Milliarden von Jahrhunderten, bewohnt gewesen, manche andere werden es nach solchen Zeiträumen sein. Dereinst wird nichts mehr von der Erde übrig bleiben, und selbst ihre Trümmer werden als solche aufhören, vorhanden zu sein.

Nie aber wird das Nichts an Stelle des Alls treten. Wenn die Dinge und die Wesen nicht wieder aus ihrer Asche erstünden, würde kein einziger Stern mehr am Himmel stehen; denn von der vergangenen Ewigkeit her würden alle Sonnen erloschen sein, da ja die ganze Schöpfung von Ewigkeit her da ist.

Die ganze Dauer des Erdengeschlechts bildet nur einen Augenblick in der Ewigkeit.

XVI.

Das irdische Leben ist nicht maßgebend für die andern Leben. Eine grenzenlose Verschiedenheit herrscht im Universum. Es giebt Wohnplätze, wo die Schwere groß, wo das Licht unbekannt ist; wo das Gefühl, der Geruch und das Gehör die einzigen Sinne sind; wo, weil der Sehnerv sich nicht gebildet hat, alle Wesen blind sind. Es giebt auch andere, wo die Schwere kaum empfunden wird, wo die Wesen so leicht und so fein sind, daß sie für irdische Augen unsichtbar wären, wo Sinne von auserlesener Feinheit bevorzugten Geistern zu Empfindungen befähigen, welche dem irdischen Menschengeschlecht versagt sind.

XVII.

Der Raum, welcher zwischen den im unermeßlichen Weltall ausgestreuten Weltkörpern liegt, isoliert sie nicht voreinander. Sie stehen alle miteinander in beständigem Verkehr durch die Anziehungskraft, welche durch alle Entfernungen hindurch sich jeden Augenblick äußert und ein unlösliches Band zwischen allen Welten knüpft.

XVIII.

Das Weltall bildet eine einzige Einheit.

XIX.

Das physische Weltgebäude ist die materielle Grundlage, das Vaterland des geistigen oder sittlichen Weltgebäudes. Die Astronomie muß also die Grundlage jedes philosophischen oder religiösen Glaubens sein.

Jedes denkende Wesen trägt das Vorgefühl, aber auch die Ungewißheit der Unsterblichkeit in sich, weil wir das mikroskopische Räderwerk in einem unbekannten Mechanismus sind.

XX.

Der Mensch selbst bestimmt sein Geschick. Er steigt oder sinkt je nach seinen Werken. Die am Materiellen klebenden Wesen, die Geizigen, die Ehrsüchtigen, die Heuchler, die Lügner, die Söhne Tartuffes, bleiben, wie die Bösen, in den unteren Regionen.

Aber ein höchstes und unabänderliches Gesetz waltet in der Schöpfung: das Gesetz des Fortschrittes. Alles drängt nach oben. Jeder Fehler ist ein Sturz aus der Höhe.

XXI.

Bei dem Aufschwingen der Seelen in lichtere Sphären haben die sittlichen Eigenschaften keinen geringeren Wert als die geistigen. Die Güte, die Hingabe, die Selbstverleugnung, die Aufopferung läutern die Seele und erheben sie, wie das Studium und die Wissenschaft.

XXII.

Die gesamte Schöpfung ist eine unendliche Harmonie, von welcher die Erde nur ein unbedeutendes Bruchstück ist.

XXIII.

Die Natur ist ein beständiges Werden. Der Fortschritt ist das Gesetz. Die fortschreitende Bewegung ist ewig.

XXIV.

Die ewige Fortdauer einer Seele würde nicht ausreichen, um die Unendlichkeit zu besichtigen und alles kennen zu lernen.

XXV.

Die Bestimmung der Seele ist, sich mehr und mehr von der materiellen Welt freizumachen und schließlich dem höheren  h i m m l i s c h e n  Leben anzugehören, von wo aus sie den Stoff beherrscht und nicht mehr leidet.

Das höchste Ziel der Seele ist, beständig der absoluten Vollkommenheit und dem himmlischen Glücke immer näher zu kommen.«

Das war das wissenschaftliche und philosophische Testament Speros. Scheint es nicht von Urania selbst diktiert worden zu sein?

Die neun Musen der alten Mythologie waren Schwestern. Die modernen wissenschaftlichen Vorstellungen streben ihrerseits nach Einheit. Die Astronomie oder die Kenntnis des Weltalls und die Seelenlehre oder die Kenntnis des Seins verbinden sich heutzutage, um die einzige Basis zu bilden, auf welcher die definitive Philosophie aufgebaut werden kann.


Illustration



N a c h s c h r i f t. Die vorausgehenden Episoden und die sie begleitenden Betrachtungen findet man hier in einer Art von Abhandlung zusammengefaßt, deren Zweck der ist, einige Anhaltspunkte für die Lösung des größten aller Probleme zu liefern, welche den menschlichen Geist interessieren können. Und so möge denn das vorliegende Werk die Beachtung derjenigen auf sich ziehen, welche manchmal wenigstens »mitten auf dem Lebensweg«, von welchem Dante redet, stehen bleiben und sich fragen, w o und w a s sie sind, und was sie suchen, denken und träumen.

*

Nachbemerkung

Zur Erinnerung an dieses Buch ist dem am 3. August 1889 zwischen Mars und Jupiter von dem Astronomen Palisa an der Wiener Sternwarte entdeckten 286. kleinen Planeten der Name Icléa gegeben worden. — Der Name Urania, der Muse der Astronomie, war schon im Jahre 1854, jedoch ziemlich spät, dem 30. jener kleinen Planeten gegeben worden, von denen der erste am 1. Januar 1801 entdeckt worden ist.



ENDE


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